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Corona: „Die Gefahr ist nicht vorüber“

Im Landkreis Bautzen gab es in den letzten Tagen weniger neue Corona-Fälle. Die Amtsärztin erklärt, warum sie trotzdem keine Entwarnung geben kann.

Jana Gärtner, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, rät dazu, Atemschutz-Masken zu tragen. Auch selbstgenähte einfache Modelle können helfen, sagt sie.
Jana Gärtner, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, rät dazu, Atemschutz-Masken zu tragen. Auch selbstgenähte einfache Modelle können helfen, sagt sie. © Steffen Unger

Bautzen. Mit gemischten Gefühlen geht Dr. Jana Gärtner, Amtsärztin des Landkreises Bautzen, in die Osterfeiertage. Die Zahlen derjenigen, die sich neu mit dem Coronavirus infiziert haben, scheinen im Landkreis in den letzten Tagen zu sinken. Zeit für Entwarnung ist es aber noch nicht, sagt Jana Gärtner im Gespräch mit sächsische.de.

Frau Gärtner, die Kurve flacht etwas ab: Täglich gibt es weniger Neuinfizierte. Sind wir beim Thema Corona über den Berg?

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Nein, wir sind mittendrin im Geschehen. Die Kurve flacht vor allem deshalb ab, weil Ausgangsbeschränkungen, Schul- und Kitaschließungen sowie Kontakt-Reduktionen greifen. Es ist dadurch gelungen, Infektionsketten zu durchbrechen. Im nächsten Schritt wird es darum gehen, sich auch bei möglichen Lockerungen wirksam zu schützen. Deshalb empfehle ich das Tragen von Schutzmasken – beim Einkauf, auf Arbeit oder sogar zu Hause. Auch einfache selbstgenähte Masken können die Abgabe von Viren effektiv verringern.

Im Kreis Bautzen leben mehr als 300.000 Menschen. Etwas über 200 sind infiziert, drei gestorben. Das ist tragisch – aber sind die Auswirkungen nicht doch kleiner als erwartet?

Bei 229 Erkrankungen bedeuten drei Todesfälle eine Sterblichkeit von etwa 1,3 Prozent, das entspricht also dem gesamtdeutschen Niveau. Die Auswirkungen sind damit glücklicherweise derzeit geringer als befürchtet. Die aktuell geringen Fallzahlen zeigen, dass wir die Infektionskette effektiv unterbrechen konnten. Aber in Ländern wie Frankreich oder Italien ist die Situation auch erst später gekippt. Solche dramatischen Zustände möchte ich unbedingt für den Landkreis vermeiden.

© SZ Grafik

Ostern steht vor der Tür. Erwarten Sie viele Neuinfektionen?

Die Gefahr sehe ich durchaus, wenngleich sich die meisten Menschen besonnen und vernünftig verhalten. Bei einigen freien Tagen und schönem Wetter ist die Verlockung groß, von den Vorsichtsmaßnahmen abzuweichen. Ich kann hier nur an Vernunft und Geduld appellieren. Unvernünftiges Verhalten kann schnell zu einem Anstieg der Infektionen führen.

Wird es danach Erleichterung geben?

Der Freistaat Sachsen will am 14. April über das weitere Vorgehen entscheiden. Ich halte es für wichtig, dass wir gestaffelt vorgehen und mit Lockerungen vorsichtig sind. Die Gefahr eines deutlichen Anstiegs der Todesfälle ist noch nicht vom Tisch.

Sind die strikten Maßnahmen noch verhältnismäßig?

Wir erleben derzeit eine Veränderung unseres Lebens, wie wir es vor Kurzem noch nicht für möglich gehalten haben. Es gibt immer wieder Meinungen, die das für unverhältnismäßig halten, die Pandemie mit einer Grippe vergleichen oder eine Weltverschwörung vermuten. Als Medizinerin, die jeden Tag mit den konkreten Fällen zu tun hat und auch in Kontakt mit Fachkollegen anderer Regionen steht, kann ich darüber nur den Kopf schütteln. Klar ist aber auch: Die strengen Maßnahmen lassen sich nicht unbegrenzt in der jetzigen Form durchhalten.

Wo kommen Neuinfektionen her, wenn doch Ausgangssperre ist?

Die meisten der neuen Fälle, die wir testen, stammen aus der engeren Familie von bereits infizierten Personen. Die Angehörigen wurden als Kontaktpersonen durch uns bereits unter Quarantäne gestellt, auch ohne Symptome. Vor Ablauf der Quarantänen testen wir diesen Personenkreis noch einmal – und stellen dabei noch Fälle fest.

Es heißt, es gibt eine hohe Dunkelziffer. Wie will das Gesundheitsamt einen Überblick bekommen?

Wir als Gesundheitsamt haben bisher rund 2.000 Tests durchgeführt – das ist sehr viel. Wir testen bis zu 150 Personen am Tag. Zusätzlich gibt es viele durch die niedergelassenen Ärzte ermittelte positive Fälle und damit weitere Tests. Nach wie vor sind die niedergelassenen Ärzte in der Pflicht, bei Verdacht auf das Virus zu testen. Oft fehlt es aber an Schutzausrüstung. Darum haben wir als Landratsamt die Einrichtung mehrerer sogenannter Corona-Teststrecken initiiert. Diese befinden sich in Bautzen, Kamenz, Hoyerswerda und Radeberg. Dort werden von Hausärzten überwiesene Patienten getestet.

Müsste nicht mehr getestet werden?

Ja, mehr Tests sind sinnvoll. Wir haben daher die Teststrecken im Landkreis ausgebaut, um auch Risikogruppen wie Krankenschwestern, Pflegepersonal aus Altenpflegeheimen oder Pflegediensten testen zu können. Außerdem testen wir alle Reiserückkehrer – und nicht nur jene aus Risikogebieten. Wir haben den Kreis der Kontaktpersonen gerade zu Beginn der Pandemie auch großzügig bestimmt. Jeder, der ein positives Testergebnis bekommt, wird anschließend durch unser Amt betreut. Wir hoffen sehr, dass wir so - vor allem in der Zeit nach Ostern - die Erkrankten weiterhin rasch finden.

Es heißt, dass immer häufiger junge Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen. Beobachten Sie das auch im Kreis Bautzen?

Gegenwärtig werden bei uns vor allem ältere Personen mit vielen Vorerkrankungen stationär behandelt.  Aktuell betrifft  das zehn Personen aus unserem Landkreis. Entwicklungen in anderen Ländern zeigen, dass sich dies auch schnell ändern kann.

In der Oberlausitz gibt es viele Fälle in Pflegeheimen. Braucht es hier schärfere Regeln?

Wir stehen mit den Pflegeheimen in engem Kontakt. Wir besprechen vorbeugende Schutzmaßnahmen für Personal und Bewohner und was bei einem positiven Testergebnis zu tun wäre. Kommt es dann zu einem Corona-Fall, klären unsere Hygiene-Mitarbeiter mit der Heimleitung alle notwendigen Maßnahmen. Über den Krisenstab wird ausgelotet, welcher Bedarf an Schutzmaterialien notwendig ist. Wenn ein Heim nicht in der Lage ist, selbst Masken zur Verfügung zu stellen, koordiniert das der Krisenstab. Der Landrat hat per Eilentscheidung zunächst 500.000 Euro zur Verfügung gestellt, unter anderem um Schutzausrüstung zu beschaffen. Insofern benötigen wir keine schärferen Regelungen, aber müssen sicherstellen, dass alle Maßnahmen umgesetzt werden.

Auch über die Feiertage ist die Corona-Hotline täglich von 9 bis 12 Uhr unter der 03591/525112121 erreichbar.

Unter dem Motto „Helfen Sie den Helfern“ ruft das Landratsamt Freiwillige dazu auf, Mundschutz-Masken zu nähen. Auch Spenden nimmt das Landratsamt entgegen, um davon Stoffe zu kaufen. 

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