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"Es ist viel zu früh für weitere Lockerungen"

Zum ersten Mal in der Pandemie gibt die Görlitzer Amtsärztin Annegret Schynol ein Interview. Hier erklärt sie die Lage im Kreis und wie es weitergehen kann.

Annegret Schynol sucht als Amtsärztin des Landkreises Görlitz nicht das Rampenlicht.
Annegret Schynol sucht als Amtsärztin des Landkreises Görlitz nicht das Rampenlicht. © Nikolai Schmidt

Seit sechs Wochen steht die Görlitzer Amtsärztin Annegret Schynol im Brennpunkt der Corona-Pandemie. Die Behörde ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt bei der Eindämmung von Covid-19. Was sie macht, was sie sagt, entscheidet über Tod und Leben. Jetzt stand sie der SZ telefonisch Rede und Antwort.

Frau Schynol, wie hat sich ihr Leben in den vergangenen sechs Wochen verändert?

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Beruflich erlebe ich einen ungeheuren Zuwachs an Arbeit, der am Anfang des Jahres nicht abzusehen war. Da sind täglich Herausforderungen zu meistern, die ich zusammen mit den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes und des gesamten Landratsamtes angehe.

"Ich verzichte auf Treffen mit Bekannten und Verwandten"

Wie gehen Sie selbst mit den Einschränkungen um?

Die Einschränkungen sind notwendig, um die Infektionen einzudämmen und nicht einen ähnlichen Massenausbruch der Erkrankung wie in Norditalien, Spanien oder im Elsass zu erleben. Für mich ist ganz klar: die Verordnungen gelten, und es ist notwendig, sein Leben anzupassen und eine Zeit lang auf manches zu verzichten.

Auf was verzichten Sie?

Wie viele andere auch auf den Besuch von Veranstaltungen oder ins Kino zu gehen. Und natürlich auch auf Treffen mit Bekannten, Familie, Verwandten.

Viele leiden zunehmend unter diesem verordneten Verzicht. Sie auch?

Leiden tue ich nicht. Es ist eine Notwendigkeit, da fällt es mir nicht so schwer. Und es gibt ja auch andere Möglichkeiten wie die Videotelefonie, um Kontakt zu halten. 

Wann haben Sie geahnt, was da auf Sie zukommt?

Im Februar gab es die ersten Anzeichen dafür, und in unserem Gesundheitsamt trafen die ersten Anfragen zur Winterferienzeit ein. Da war abzusehen, dass in nächster Zeit viel Arbeit auf uns zukommt.

Sie sind noch vergleichsweise jung im Amt. Wie gehen  Sie damit um, auf einmal einen der wichtigsten Posten im Landkreis zu haben?

Sie haben recht, ich bin erst seit Januar Leiterin des Gesundheitsamtes. Aber ich konnte im zweiten Halbjahr 2019 alle Bereiche und die Abläufe des Amtes kennenlernen und arbeite ja auch bereits seit 2015 im Gesundheitsamt. Zudem kann ich auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen, um Entscheidungen gemeinsam zu treffen. 

Gesundheitsamt hat jetzt ein Drittel mehr Mitarbeiter

Die Gesundheitsämter sind ein Schlüssel bei der Bekämpfung der Pandemie: Wie war das Görlitzer Amt auf die Herausforderung vorbereitet?

Gesundheitsämter sind immer der Schlüssel bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Neu aber ist der Umfang der Aufgaben. Aber bislang haben wir das zusammen mit dem gesamten Landratsamt gut geschafft, indem wir uns darauf konzentrierten und manch andere Arbeit zurückgestellt wurde, die jetzt nicht dringend ist.

Wie viele Mitarbeiter hatten Sie vor der Pandemie zur Verfügung, wie viele sind es jetzt?

Unser Amt hat 83 Mitarbeiter. Mittlerweile unterstützen uns viele Mitarbeiter aus anderen Fachbereichen innerhalb der Verwaltung, so dass wir jetzt etwa 120 sind.

Sie sollen jetzt auch Teams von fünf Mitarbeitern für 20.000 Einwohner bilden, um künftig die Kontakte von Infizierten noch besser nachzuvollziehen. Sind diese schon bei den 120 dabei?

Ich rechne damit, dass wir weiteres Personal benötigen. Denn mit der Ausweitung der Tests werden wir vermutlich auf mehr positive Fälle stoßen, die wiederum eine höhere Zahl an Kontaktpersonen zur Folge haben. Die Kontaktpersonen-Ermittlung steht im Vordergrund, um Infektionsketten zu unterbrechen. Sonst ist der Indexpatient nicht zu ermitteln. 

Den sogenannten "Patient 0"?

Ja.

Der Bund will außerdem den Gesundheitsämtern 150.000 Euro überweisen für eine bessere elektronische Ausstattung. Braucht Görlitz dieses Geld?

Davon habe ich auch gehört. Natürlich benötigen wir Mittel, um unsere Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, mobil zu arbeiten. 

Ausbruch in Pflegeheimen schlägt bei Todesfällen durch

Der Landkreis hat im Vergleich zu anderen Regionen weniger Corona-Fälle, aber mehr Tote. Wie kommt das?

Das liegt sicherlich an der demografischen Struktur des Landkreises. Wir haben einen vergleichsweise hohen Anteil älterer Menschen in unserer Bevölkerung. Diese Altersschicht ist zwar grundsätzlich mehr gefährdet, hält sich andererseits aber besser  an Regeln. Durch den Ausbruch in zwei Altenheimen mussten wir aber leider mehr Todesfälle als anderswo verzeichnen.

Sind Sie bei den Toten sicher, dass Sie an Corona gestorben sind? Die Toten werden ja nicht alle obduziert. Oder gibt es sogar noch mehr Todesfälle?

Das ist schwierig zu sagen. Wir sind da auf Informationen Dritter angewiesen. Seitens des Gesundheitsamtes haben wir auch schon Verstorbene auf das Coronavirus getestet, wenn die Todesursache völlig unklar war. Unterstützt werden wir dabei von unserem Pathologen im Gesundheitsamt. 

Ist ein genereller Aufnahmestopp in Altenheimen vom Tisch?

Das Sozialministerium empfiehlt keinen generellen Aufnahmestopp.  Natürlich sind im Einzelfall Absprachen erforderlich zwischen den Einrichtungen, Krankenhäusern und auch dem Gesundheitsamt. 

Kommen die Erkrankten rechtzeitig in die Kliniken? In Heidelberg gibt es ein Corona-Taxi mit Medizinstudenten oder Ärzten, um den Gesundheitszustand von Infizierten nach sechs bis sieben Tagen nochmals zu kontrollieren, weil da bei manchen innerhalb weniger Stunden eine deutliche Verschlechterung eintritt und die Patienten zu lange warten, bevor sie in Kliniken gehen. Wäre das nicht auch ein Vorbild für den Landkreis?

Die auf das Coronavirus positiv getesteten Personen werden in regelmäßigen Abständen von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes angerufen und dabei werden die typischen Symptome der Erkrankung, wie etwa Fieber, Erkältungssymptome, Durchfall, Beeinträchtigungen des Geruchs- und Geschmackssinns  abgefragt.

Dazu wird immer auch die körperliche Allgemeinverfassung erfragt, um dann beraten zu können, wenn hausärztliche Hilfe erforderlich wird. Der Hausarzt stellt die Indikation einer notwendigen stationären Behandlung. Die betroffenen Personen sind auch darüber aufgeklärt, dass sie sich außerhalb der Dienstzeiten des Arztes über die 116 117 telefonisch Hilfe holen können, wenn sich der Zustand deutlich verändern sollte. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass das gut klappt. 

"Wir beraten darüber, wie die Heime durchgetestet werden"

Haben Sie herausgefunden, wie das Virus in die Altenheime in Niesky und Klein Priebus gelangt ist?

Das ist nicht so einfach. In Klein Priebus nehmen wir an, dass das Virus über infizierte Mitarbeiter ins Heim eingetragen wurde. In Niesky hatten wir es gleich mit so vielen infizierten Personen zu tun, dass es nicht mehr möglich war, den "Patient 0" zu ermitteln. 

Der Kreis unterstützt jetzt diese Heime. Werden Sie aber nicht alle Altenheime im Kreis auf lange Sicht unterstützen und deren Bewohner und Pfleger testen müssen, um die Durchdringung mit dem Virus feststellen und schneller reagieren  zu können?

Wir unterstützen schon jetzt alle Heime. Ein Pflegekoordinator aus unserem Amt steht in engem Kontakt mit den Einrichtungen, gibt Informationen und nimmt entgegen, wo die Heime Unterstützung benötigen.

Das ist vor allem Schutzausrüstung.

Nicht ausschließlich. Zu Beginn der Pandemie war das natürlich das große Thema, aber ich habe das Gefühl, dass sich die Lage langsam entspannt. In unserem Stab beschäftigt sich ein Bereich speziell mit der Ausstattung von Heimen. Dort konnten sich Einrichtungen melden und ihren Bedarf melden, so dass wir reagieren konnten. Ansonsten gibt es viele Fragen zur Infektion selbst und dem richtigen Umgang unter hygienespezifischer Sicht.

Gerade in der jetzt kommenden Phase, sagt das Robert-Koch-Institut, muss viel getestet werden. Werden Sie die Heime durchtesten?

Nicht nur die Bewohner in den Heimen, eine Vielzahl an besonders gefährdeten Personen sollen in den kommenden Wochen getestet werden. Wie das umgesetzt wird, darüber beraten wir gerade im Landkreis. Das hängt sicher aber auch davon ab, ob es ausreichend Kapazitäten in Laboren gibt, die Tests auch auszuwerten.

Ist die Testkapazität im Moment im Kreis ausreichend?

Wir schicken alle unsere Tests an die Landesuntersuchungsanstalt nach Dresden, und da gab es noch keine Probleme. Die Labors signalisieren uns auch, dass sie sehr daran interessiert sind, ihre Kapazitäten aufzustocken.

Man hört, dass bei niedergelassenen Ärzten wenige getestet werden, weil die Ärzte  auf den Kosten sitzen bleiben. Ist das so?

So pauschal kann man das nicht sagen. Momentan ist es nicht möglich, dass jeder vorsorglich einen Test bekommen kann. Die Tests sind vorgesehen für Personen mit Symptomen, die werden auch von den Krankenkassen bezahlt.

"Kritik an Einschränkungen ist ganz normal"

© SZ Grafik

Die Menschen haben die Einschränkungen sehr diszipliniert bislang durchgestanden und auch in übergroßer Mehrheit gut geheißen. Es gibt aber auch Kritiker.  Ihnen gehen die Einschränkungen der Bürgerrechte zu weit, sie sehen die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen bei 250 nachgewiesenen Infizierten und bislang 13 Toten nicht mehr als gegeben an. Wie stehen Sie zu diesen Ansichten?

Wo der Staat Einschränkungen festlegt, wird es immer kritische Stimmen geben. Das finde ich nicht grundsätzlich negativ. Diese Stimmen sollen auch ernst genommen werden. Es bleibt notwendig, die Allgemeinverfügungen immer wieder zu überprüfen. 

Und wie stehen Sie selbst zu der geäußerten Kritik?

Es ist ganz natürlich, dass wir im Gesundheitsamt ein umfassenderes Bild haben, täglich erhalten wir neue Informationen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Es kann nicht von allen erwartet werden, dass sie über Informationen in dieser Intensität  verfügt. Daher ist es normal, dass es Kritik und in anderen Städten auch Demonstrationen gibt. Das ist in Ordnung. Ich möchte das nicht bewerten.

Gerade weil Sie so viele Informationen haben: Wäre es nicht ratsamer gewesen, wenn  das Gesundheitsamt von Beginn an schneller die Öffentlichkeit gesucht hätte? Gerade bei den ersten Verdachtsfällen in Görlitz sowie der Tirol-Reise von Görlitzer Gymnasiasten Ende Februar/Anfang März.

Auch zu dieser Zeit  gab es bereits viele Informationen in der Presse. Uns war es wichtig im Amt, erst einmal die Problemfälle Ende Februar/Anfang März zu klären, bevor wir  an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Aber auch mancher Betroffene fühlte sich im Stich gelassen von Ihnen?

Es ist nicht sinnvoll, alles medial zu beantworten. Wer den Kontakt zu uns gesucht hat, der bekam auch Antworten.

"Viel zu früh für weitere Lockerungen"

Der Landkreis hat nur wenige Corona-Fälle. Könnten die Lockerungen hier rascher stattfinden als anderswo?

Nein. Es ist viel zu früh, über weitergehende Lockerungen zu sprechen. Die veränderten Regeln gelten erst seit Montag. Die Frist ist viel zu kurz, um jetzt schon übersehen zu können, wie sich die Verbreitung des Virus durch die Öffnung der Läden oder die Teilöffnung von Schulen entwickelt. Das müssen wir erst abwarten, damit Ende April neu entschieden werden kann.

Was wünschen Sie sich persönlich für die nächste Zeit der Pandemie?

Ich hoffe, dass das Durchhaltevermögen und die gute Zusammenarbeit im Gesundheitsamt wie im gesamten Landkreis Görlitz anhält.

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