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Das neue Leben des Biathlon-Superstars

Es ist Saison eins nach dem Karriere-Ende von Ole Einar Björndalen. SZ-Redakteurin Michaela Widder traf den Superstar jetzt in Tirol. Ein Interview.

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Der Superstar hat sich in die Biathlon-Rente verabschiedet - und macht sich seine Gedanken.
Der Superstar hat sich in die Biathlon-Rente verabschiedet - und macht sich seine Gedanken. ©  dpa/Sven Hoppe

Er hat acht olympische Goldmedaillen gewonnen, doch bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang durfte Ole Einar Björndalen nur zuschauen. Noch Monate nach seinem Rücktritt ärgert das den Norweger, wie er SZ-Redakteurin Michaela Widder erzählt. In dem ausführlichen Interview spricht der 44-Jährige außerdem über sein neues Leben nach dem Sport und die Bedeutung der Familie.

Ole Einar Björndalen, als gefeierter Superstar des Biathlons standen Sie fast 20 Jahre im Rampenlicht. Fühlen Sie sich nun freier?

Ich habe mich immer frei gefühlt, ich habe immer entschieden, was ich wollte. Auch hatte ich nie das Gefühl, etwas zu opfern, überhaupt nicht. Ich hatte immer Lockerheit. Das Training habe ich nie als Anstrengung empfunden, auch die Reisen waren für mich kein Problem.

Sie konnten sich gedanklich auf die Karriere danach vorbereiten. Wie fühlt es sich denn jetzt an?

Es ist schon so, wie ich es mir gedacht habe. Wenn du eine Familie hast, bist du sehr beschäftigt – und das mag ich. Da habe ich gar nicht so viel Zeit zum Überlegen, was man noch so tun könnte. Logisch ist es ein neuer Lebensabschnitt und du bist ein bisschen unsicherer, weil du nicht genau weißt, wo man starten soll. Der Sport ist da sehr einfach: Du hast ein klares Ziel, du kennst auch den Weg. Und wenn du Erfolg hast, weißt du genau, was du machen musst. Im Leben hast du auch ein Ziel, aber nicht so viel Erfahrung. Da muss man erst Erfahrung sammeln für den richtigen Weg.

Wissen Sie schon, wohin Sie Ihr beruflicher Weg führt?

Das Ziel, das ich zurzeit öffentlich sagen kann, ist, ein glückliches Familienleben zu führen. Das ist für mich das Wichtigste. Für das berufliche Ziel brauche ich noch etwas Zeit. Das behalte ich daher noch ein wenig für mich, denn das ist noch nicht offiziell und auch noch nicht ganz klar. Ich arbeite auf jeden Fall hart daran, einen guten Weg zu finden.

Während Ihrer aktiven Zeit haben Sie keine Hände geschüttelt, das hat sich geändert. Sind Sie da jetzt entspannter?

Dass ich den Leuten nicht die Hand gegeben habe, war viel mehr Thema für die Medien als für mich gewesen. Ich habe vielen – auch während der Saison – die Hand gegeben. Allerdings habe ich immer sehr genau auf Sauberkeit geachtet und darauf, mir oft die Hände zu waschen. Als Athlet muss man da sehr vorsichtig sein. Wenn man kein Sportler mehr ist, der sich auf ein Ziel wie eine WM oder Olympia vorbereitet, und eben nicht mehr so sehr hart trainiert, ist das Immunsystem ganz anders.


Der Beginn einer großen Karriere: Ole Einar Björndalen feiert 1998 in Nagano seinen ersten Olympiasieg. Sieben weitere folgen.
Der Beginn einer großen Karriere: Ole Einar Björndalen feiert 1998 in Nagano seinen ersten Olympiasieg. Sieben weitere folgen. ©  dpa


Einen letzten Wettkampf haben Sie noch: Am 29. Dezember beim Biathlon auf Schalke, wo Sie sich mit Ihrer Frau Darja Domratschewa sozusagen offiziell vom Leistungssport verabschieden. Was ist sportlich noch möglich?

Ich glaube, nicht mehr so viel. Aber ich habe schon etwas trainiert. Ich muss ehrlich sagen, dass ich den Sommer über nicht auf Skirollern gestanden und auch nicht geschossen habe. Ich bin nur etwas gelaufen und habe Krafttraining gemacht. Aber im November sind wir nach Beitostölen gefahren, haben Skier und Waffe ausgepackt, um uns ein bisschen vorzubereiten. Natürlich wird es nicht mehr auf dem Niveau von früher sein. Aber das Rennen ist kurz, und wir hoffen, dass uns die Erfahrung hilft.

Wie viel trainieren Sie als Biathlon-Rentner?

Ich trainiere ungefähr ein Drittel von früher und versuche, meine Form zu halten. Sie ist nicht so schlecht. Klar hätte ich gerne mehr Zeit zum Trainieren, weil ich auch noch immer noch Spaß daran habe. Das war mein Leben, seit ich acht Jahre alt war, das kann man einfach nicht wegschicken.

Für die Winterspiele in Pyeongchang wurden Sie nicht nominiert. Wie sehr hat das wehgetan?

Logisch, es war der größte Schmerz in meiner Karriere. In der Vorbereitung ist nicht alles optimal gelaufen, das hat man an den Resultaten gesehen. Ich war nicht stark genug, dann habe ich Probleme mit der Qualifikation bekommen. Doch ich hätte es geschafft, bei Olympia gut in Form zu sein, und ich war dann auch gut drauf, habe ja weiter trainiert. Wenn du aber die Qualifikation nicht schaffst, ist das schlecht.

Es gab keine Sonderbehandlung. War das für Sie okay?

Für Olympia gilt eine ungeschriebene Regel: Es gibt nicht so viele Athleten, die dort gute Resultate bringen. Ich weiß, dass ich es kann, und ich weiß, dass ich es auch in Pyeongchang geschafft hätte. Aber der Trainer hat nicht an mich geglaubt, darum war ich nicht im Team. Logisch war ich damit nicht einverstanden, aber das soll man auch nicht sein. Die Resultate davor waren nicht optimal, das akzeptiere ich.

Der Biathlon-Weltverband war im Sommer ein großes Thema. Haben Sie das Gefühl, dass der neue Präsident Olle Dahlin den Laden aufräumt?

Die Korruptionsvorwürfe gegen seinen Vorgänger Anders Besseberg bestehen weiterhin. Ich finde es schwierig, zu kommentieren, weil wir bisher keine klare Antwort bekommen haben, was wirklich gewesen ist. Ich hoffe, es wird nicht so schlimm, wie die Anklage ist. Der neue Präsident und das Exekutivboard sind gewählt, und ich hoffe, sie arbeiten gut zusammen. Das alte Team hat auch sehr viele gute Sachen für den Sport gemacht. Biathlon ist fast in jedem europäischen Land populär. Aber natürlich gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten. Es wäre wichtig, bald eine Entscheidung bezüglich der Anklagen zu haben.


Verheiratet ist der Norweger mit der weißrussischen Top-Biathletin Darja Domratschewa, die nun ebenfalls ihre Karriere beendet hat.
Verheiratet ist der Norweger mit der weißrussischen Top-Biathletin Darja Domratschewa, die nun ebenfalls ihre Karriere beendet hat. © imago/Gerhard König


Sie leben jetzt die meiste Zeit in Minsk. Wie gefällt Ihnen Ihre neue weißrussische Heimat?

Ich kann in jedem Land leben, ich kann mich ziemlich gut anpassen. Minsk ist eine schöne Stadt, mit zwei Millionen Einwohnern die größte, in der ich bisher länger als ein paar Wochen gelebt habe. Und es ist eine der saubersten Städte, die ich kenne. Du hast alles dort. Es ist ein sehr flaches Land. Mir fehlen die Berge und auch das Meer. Aber es gibt schöne Parks, und die Trainingsmöglichkeiten sind gut.

Was haben Sie und Ihre Frau im Sommer unternommen, was vorher nicht möglich war?

Zeit haben mit meiner Familie, mit meinem Kind. Wir haben sehr viel zusammen gemacht, und das war das Wichtigste, und das haben wir voll benötigt. Wir wären auch gerne in Urlaub gefahren, aber Darja hat ein schönes Haus in Minsk gebaut, da sind wir eingezogen. Da gibt es viel Arbeit.

Muss man sich als Paar erst neu finden, wenn beide ihre sportliche Karriere beendet haben?

Eigentlich nicht. Sportler sind spezielle, etwas eigenartige Leute, die sehr hart arbeiten. Aber wir verstehen uns sehr gut, und das ist schön. Logisch gibt es auch in unserer Familie Diskussionen, aber nur so kommt man im Leben weiter. Und das ist sehr wichtig.

Das Interview führte Michaela Widder.