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"Die Politik ist noch immer männlich dominiert"

Anna Gorskih sitzt für Die Linke im Sächsischen Landtag. Nun mischt sie auch bei der Landratswahl in Meißen mit – und spricht über ihre Ziele.

Als Landtagsabgeordnete ist Anna Gorskih regelmäßig im Sächsischen Landtag präsent. Doch auch den Kreis Meißen kennt sie aus ihrer Jugendzeit noch sehr gut.
Als Landtagsabgeordnete ist Anna Gorskih regelmäßig im Sächsischen Landtag präsent. Doch auch den Kreis Meißen kennt sie aus ihrer Jugendzeit noch sehr gut. © Andy Sauer

Landkreis. Ihr Name ist im Kreis Meißen kein unbekannter: Bereits seit fünfzehn Jahren ist Anna Gorskih mit der Region verbunden, engagierte sich unter anderem in der hiesigen Linksjugend. Nachdem ihre Eltern von Tomsk nach Meißen auswanderten, wuchs Gorskih an der Elbe auf und verbrachte hier den Rest ihrer Schulzeit. Bis heute spürt die 27-Jährige eine Verbundenheit mit der Region – und hat sich deshalb als Bewerberin für die Landratswahl im November ins Spiel gebracht. Die SZ hat mit der Linken-Landtagsabgeordneten über ihre Motivation und Ziele gesprochen.

Frau Gorskih, wie kam es denn dazu, dass Sie Landratskandidatin der Partei Die Linke im Kreis Meißen werden wollen?

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Ich wurde von meiner Partei angesprochen. Der Kreisverband Meißen hat angefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für Die Linke ins Rennen zu gehen. Das habe ich mir durch den Kopf gehen lassen und für mich persönlich Pro und Contra abgewogen. Weil ich ja auch das Landtagsmandat habe und beides zusammen nicht geht, ich mich also für eines entscheiden müsste. Aber ich finde beides sehr wichtige und sehr verantwortungsvolle Aufgaben. Letzten Endes habe ich meinen Hut in den Ring geworfen, weil mir der Landkreis Meißen aufgrund meiner Geschichte und meiner Beziehung zum Landkreis nicht unbekannt ist.

Was genau verbindet Sie denn mit dem Landkreis Meißen?

Ich bin in Meißen zur Schule gegangen, habe dort mein Abitur gemacht und bin dann erst zum Studium weggezogen. Ich habe deshalb eine persönliche Beziehung zum Landkreis Meißen, kenne viele Orte aus meinen Jugendjahren. Ich habe auch ein Gefühl der Verbundenheit zum Landkreis. Und sehe auch, dass da bei vielen Punkten Handlungsbedarf besteht.

Sie sind im Alter von zwölf Jahren nach Meißen gekommen, haben hier Ihre Jugendjahre verbracht. Was zeichnet die Region für Sie aus?

Wenn ich an Meißen denke, denke ich an die Weinberge, an die schöne Landschaft, an die Elbe. Ich saß oft mit meinen Freundinnen und Freunden am Elbufer, wir haben viel Zeit draußen in der Natur verbracht. Diese schöne geografische Landschaft schätze ich am Landkreis. Ich habe aber auch einige negative Dinge erlebt in meiner Zeit als Jugendliche. Das sind zum Beispiel die fehlenden Jugendangebote gewesen oder die fehlenden Freizeiteinrichtungen für junge Leute. Das war auch der Grund, warum ich mich schon zu meiner Schulzeit für bessere Perspektiven für junge Leute eingesetzt habe.

Albrechtsburg und Dom sind schon seit Jahrhunderten das Wahrzeichen von Meißen. Sie prägen das Landschaftsbild der Region wie kaum ein anderes Denkmal.
Albrechtsburg und Dom sind schon seit Jahrhunderten das Wahrzeichen von Meißen. Sie prägen das Landschaftsbild der Region wie kaum ein anderes Denkmal. © Claudia Hübschmann/Archiv

Das Soziale hat für mich selbstverständlich einen hohen Stellenwert. Da ich in der Linksfraktion im Landtag unter anderem für den Bereich Kinder und Jugendpolitik zuständig bin, ist mir das Thema Jugendpolitik und Jugendbeteiligung sehr wichtig. Es fehlen einfach Angebote und oft auch Möglichkeiten, sich einzubringen und mitzureden. Das ist jedoch ein wichtiger Punkt auf dem Weg zu einer jugendgerechten Gesellschaft. Der Landkreis Meißen ist ja auch von Abwanderung betroffen und kann offensichtlich nicht so richtig davon profitieren, dass Dresden starken Zuzug erlebt. Ich denke, auch um gegen die Abwanderung vorzugehen, muss man wirklich die Interessen und Probleme der jungen Leute stärker in den Fokus nehmen.

Was kann der Landkreis denn noch gegen die Abwanderung tun?

Um dagegen vorzugehen, braucht es beispielsweise eine gute Infrastruktur. Da braucht man zum Beispiel auch eine gute Anbindung von Kommunen durch einen flächendeckend gut ausgebauten, bezahlbaren ÖPNV. Da braucht es gute Radwege, davon gibt es immer noch viel zu wenige in Sachsen. Auch gehört der Breitbandausbau oder überhaupt das Thema Digitalisierung dazu, was immer noch zu sehr mit Samthandschuhen angefasst wird. Und vor allem müssen die Menschen im Landkreis bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen haben, viel zu wenige Menschen werden aktuell nach Tarif bezahlt. Und wir müssen auch die regionale Wirtschaft stärken.

Sie haben bisher noch keine Verwaltungserfahrung sammeln können. Hilft Ihnen Ihr Mandat als Landtagsabgeordnete, den Job einer Landrätin besser zu verstehen?

Ich denke, dass das Landtagsmandat da schon ein Stück weit hilfreich ist. Ich hatte davor ja auch kein Praktikum im Landtag oder irgendeinen Bezug dazu gehabt. Und versuche jetzt, mein neues Tätigkeitsfeld mir Stück für Stück selber zu erschließen. Das ist eine gute Schule, wie mit neuen und unbekannten Herausforderungen umzugehen ist. Und auch wenn ich keine Erfahrung in der Verwaltung mitbringe, kann ich vielleicht mit einem frischen Blick und einer neuen Perspektive dazu beitragen, eingetretene Pfade auch mal zu verlassen und bewährte Methoden mit neuen Vorgehensweisen zu kombinieren. Ich denke, was es auch braucht, ist ein Paradigmenwechsel – weg von einer Kultur der Verhinderung, hin zu einer Kultur des Ermöglichens.

Das Soziale liegt Anna Gorskih eigenen Aussagen nach sehr am Herzen. Anfang Juni sprach sie deshalb bei einer Kundgebung von Studierenden, die für mehr finanzielle Unterstützung in der Corona-Krise demonstrierten.
Das Soziale liegt Anna Gorskih eigenen Aussagen nach sehr am Herzen. Anfang Juni sprach sie deshalb bei einer Kundgebung von Studierenden, die für mehr finanzielle Unterstützung in der Corona-Krise demonstrierten. © dpa-Zentralbild

Nun ist es in diesem Fall so, dass sich mit der SPD, den Grünen und den Linken drei Parteien zusammengeschlossen haben und anstreben, eine gemeinsame Kandidatin zu finden. Welche Chancen sehen Sie darin?

Den Prozess, den die drei Parteien hier gemeinsam gehen, finde ich sehr spannend. Ich freue mich auch, ein Teil dieses Prozesses zu sein und in diesem breit aufgestellten und auch sehr demokratisch ausgerichteten Prozess etwas beitragen zu können. Ich finde auch solche Formate wie die Debattendienstage, die online übertragen werden, wo die Leute sich direkt bei der Veranstaltung mit Fragen beteiligen können, total interessant. Das macht vieles spannender und ermöglicht Beteiligung. Außerdem können wir in der Konstellation sehr gut deutlich machen, was im Landkreis Meißen anders wäre, wenn wir eine von diesen drei Parteien getragene Landrätin hätten – und keinen CDU-Mann.

Der Landkreis Meißen gilt jedoch schon seit langer Zeit als eher konservativ. Die CDU stellt nicht nur den Landrat, sondern auch die größte Fraktion im Kreistag. Wie schätzen Sie denn Ihre Chancen ein?

Meine Erwartung ist, überhaupt erst mal den Diskurs dafür zu eröffnen, was es für ein Potenzial hätte, eine Kandidatin links der Mitte zu haben. Ich weiß, dass der Landkreis Meißen eher konservativ wählt, aber ich finde auch, man sollte die Inhalte und Positionen links der Mitte stärker, wahrnehmbarer, lauter in die Öffentlichkeit tragen. Vor allem auch in die ländlichen Gegenden. Dafür stehe ich.

In Sachsen gibt es zehn Landkreise, zehn Landräte. Ist es an der Zeit, dass eine Landrätin für einen Umbruch sorgt?

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Unterdessen nimmt die Nominierung der Kandidaten zögerlich an Fahrt auf.

Ja, selbstverständlich. Die Politik ist noch immer sehr männlich dominiert. Wenn Politik ausschließlich als "Männersache" begriffen wird und ausschließlich aus einem Männerblick gemacht wird, dann geraten Sichtweisen und Probleme, die vor allem Frauen betreffen, zunehmend aus dem Blick. Dann gerät die Lebensrealität von Frauen aus dem Blick. Das müssen wir ändern.

Das Interview führte Kevin Schwarzbach.

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