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Schulstart: "Es ist viel Hoffen dabei"

Spagat an den Schulen im Kreis Görlitz: Normaler Unterricht und Coronaschutz. Wo die Unsicherheiten liegen, sagt Bernd Kaiser von der Lehrergewerkschaft.

Mit Abstand, so endete das Schuljahr nicht nur am Curie-Gymnasium in Görlitz. Im neuen Schuljahr gilt nun Regelbetrieb.
Mit Abstand, so endete das Schuljahr nicht nur am Curie-Gymnasium in Görlitz. Im neuen Schuljahr gilt nun Regelbetrieb. © Nikolai Schmidt

Das neue Schuljahr beginnt - mit Regelunterricht. Was das für den Schulalltag bedeutet und warum es trotzdem kein Normalbetrieb ist, sagt Bernd Kaiser, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Kreis Görlitz. 

Bernd Kaiser ist selbst Gymnasiallehrer in Görlitz und Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Landkreis.
Bernd Kaiser ist selbst Gymnasiallehrer in Görlitz und Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Landkreis. © Archiv: Nikolai Schmidt

Offene Schulen hatte die Bundeskanzlerin vorige Woche als eines der wichtigsten Ziele im weiteren Weg in der Coronakrise benannt. Wie wird das an den Görlitzer Schulen umgesetzt?

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Wie die Regelungen ganz konkret umgesetzt werden, entscheidet jede Schule für sich und legt einen Hygieneplan fest. Am Joliot-Curie-Gymnasium, an dem ich unterrichte, wird es so sein: Beim Betreten der Schule, im Treppenhaus und den Fluren, also außerhalb des Klassenverbandes, müssen Schüler wie Lehrer Masken tragen. Im Unterricht selbst und im Pausenhof besteht keine Maskenpflicht. Wir haben beispielsweise auch den Zugang zur Schule aufgeteilt. Die Fünft- und Sechstklässler werden den hinteren Eingang nutzen, die anderen den vorderen. So wie auch im vergangenen Schuljahr haben wir an den Eingängen Desinfektionsmittelspender. Wichtig ist, dass es keine Staus gibt. Deshalb werden wir das Schulhaus früher öffnen, schon um sieben statt 7.30 Uhr, damit beim Früheinlass kein Rückstau entsteht.

Aber es wird keine Klassenteilung und gestaffelte Stundenpläne geben?

Die Stundenpläne werden aussehen wie im Normalfall, und die Schüler lernen im vollen Klassenverband oder in ihren Fachgruppen.

Ist die Rückkehr zum Regelunterricht ein Weg, den Sie sich gewünscht haben oder hätten Sie eine andere Lösung lieber gesehen?

Ich sehe beide Seiten. Einerseits sollen unsere Schüler irgendwann ihren Abschluss schaffen. Dafür müssen wir Gelegenheit haben, den Stoff zu vermitteln. Würden wir weiter wie voriges Schulhalbjahr mit Onlineunterricht und geteilten Klassen arbeiten, wäre das weniger effektiv. Dazu kommt, dass die neuen Fünftklässler mit Online-Lernportalen wie Lernsax, das wir sehr stark während der Schulschließungen genutzt haben, noch nicht umgehen können. Es muss ein anderer Weg gefunden werden, in der Hoffnung - es ist viel Hoffen dabei -, dass keine größeren Probleme entstehen werden, etwa durch infizierte Reiserückkehrer. Auf der anderen Seite ist der Regelunterricht ein heikles Thema für alle Kollegen, speziell für die, die zur Risikogruppe gehören. Obwohl ich dieses Wort nicht gerne nutze. Wir wissen inzwischen, dass jeder schwer erkranken kann.

Welche Lehrer können eine Freistellung beantragen?

Sie müssen ein ärztliches Attest vorlegen. Allerdings sind sie nicht freigestellt. Details legen die Schulleiter fest. Denkbar wäre Online-Unterricht.

Laut dem Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) ist bei uns noch nicht klar, wie viele Lehrer das betrifft. Sorgt das nicht für große Unsicherheit?

Die Kollegen sind erst vorige Woche informiert worden, dass sie diese Anträge einreichen müssen. Man hätte die Kollegen, die betroffen sind, schon vor den Ferien erfassen können. Möglicherweise müssen Stundenpläne nochmals geändert werden. Darin sind Schulleitungen aber langjährig geübt, da das Lasub immer auf den letzten Drücker noch Einstellungen vornimmt. Da es womöglich auch noch Schulen mit offenen Stellen gibt, wird weiter nach Lehrkräften gesucht. Erneute Änderungen sind dann vorprogrammiert. Schwierig wird es, wenn Kollegen längerfristig durch Krankheit ausfallen. Es gibt keine Reserve.

An den Grundschulen waren zuletzt laut Lasub knapp drei Prozent der Lehrer wegen Corona freigestellt, sehr wenige. Der Landeselternrat vermutete, es könnten an den weiterführenden Schulen mehr sein, weil etwa in den MINT-Fächern viele ältere Lehrer unterrichten. Was ist Ihre Erfahrung in Görlitz?

Bei uns am Curie-Gymnasium betrifft es, wenn überhaupt, nur wirklich wenige Kollegen. Ansonsten sehe ich es genau andersherum: An den Grundschulen haben in unserer Region die Kollegen einen höheren Altersdurchschnitt. Wir haben seit Jahren die Situation, dass es deutlich mehr Interesse und mehr Studenten für das Lehramt am Gymnasium als für Ober- oder Grundschule gibt. Und dadurch auch mehr junge Bewerber für das Gymnasium. Es wird dann immer versucht, sie an eine andere Schulart umzuleiten, das ist Überzeugungsarbeit. Generell werden für Grund- und Oberschulen zu wenige Lehrer ausgebildet. Deshalb haben wir dort viele Seiteneinsteiger, gerade an den Oberschulen. An den Grundschulen machen viele Rentner noch ein paar Stunden Unterricht. Dort sehe ich das Risiko, dass es durch Ausfälle zu Problemen kommen kann.

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