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„Wir haben durch Corona Zeit verloren“

Kommwohnen-Chef Arne Myckert über die Corona-Krise, hohen Leerstand, die Zukunft des Hafens und ein Minusgeschäft

Kommwohnen-Geschäftsführer Arne Myckert steht im Wohnzimmer einer Ferienwohnung seines Unternehmens in der Görlitzer Altstadt. Die Nachfrage nach Ferienwohnungen hat in jüngster Zeit spürbar zugenommen, sagt er.
Kommwohnen-Geschäftsführer Arne Myckert steht im Wohnzimmer einer Ferienwohnung seines Unternehmens in der Görlitzer Altstadt. Die Nachfrage nach Ferienwohnungen hat in jüngster Zeit spürbar zugenommen, sagt er. © nikolaischmidt.de

Arne Myckert trägt derzeit einen großen, auffälligen Anstecker am Jackett. „Händeschütteln nicht erlaubt“ signalisiert der Geschäftsführer des städtischen Großvermieters Kommwohnen damit seinem Gegenüber. Auch wenn es in Görlitz seit zwei Monaten keinen einzigen Corona-Fall gegeben hat, ist es ihm wichtig, bei den Verhaltensregeln nicht leichtsinnig zu werden. „Wir haben schließlich viel Kontakt zu älteren Mietern, da müssen wir aufmerksam bleiben, solange das Thema Corona nicht weg ist“, sagt er.

Herr Myckert, bei Kommwohnen sind sie Chef von 80 Mitarbeitern. Wie hat sich die Corona-Krise bei Ihnen bemerkbar gemacht?

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Zum Glück hatten wir im Unternehmen keinen Corona-Fall. Wir mussten auch niemanden in Kurzarbeit schicken oder gar entlassen. Doch trotz allem geht Corona nicht spurlos an uns vorbei.

Ist die Wohnungsnachfrage eingebrochen, weil in Krisenzeiten keiner mehr umziehen will?

Ob die Bereitschaft zum Umzug da ist, lässt sich schwer sagen. Es gibt ja auch sonst immer mal Dellen im Vermietungsgeschäft, beispielsweise in der Weihnachtszeit. Ich glaube, dass wir das nur begrenzt beeinflussen können. Wichtig ist aber, dass wir da sein müssen, sobald es eine Nachfrage gibt. Und das sind wir! Wir machen zum Beispiel immer die Wohnungen für eine schnelle Weitervermietung fertig, für die die Nachfrage am höchsten ist.

Aber Sie haben trotzdem weniger Neuvermietungen als vor Corona?

Wir ermitteln unseren Vermietungserfolg immer aus dem Saldo von Kündigungen und Neuvermietungen. Wegen der vielen altersbedingten Kündigungen ist das Erreichen eines positiven Gesamtsaldos immer eine große Herausforderung. Ende April waren wir bei einem Saldo von plus zwei. In diesen Monatszahlen bilden sich regelmäßig die Vermietungserfolge vor zwei bis drei Monaten ab. Coronabedingt nahmen danach unsere Vermietungsaktivitäten ab. Daher haben wir im Monat Juli einen Saldo von minus 18. Ob wir nach Ablauf der starken Kontaktbeschränkungen wieder Boden gut machen konnten, können wir erst in den kommenden Monaten feststellen.

 Von plus zwei auf minus 18 heißt, dass Sie binnen drei Monaten unter dem Strich 20 Mieter verloren haben. Bei insgesamt 5.700 Wohnungen klingt das nach einem recht kleinen Verlust?

Wenn man die entgangene Miete zusammenrechnet, dann ist das insgesamt schon ein schmerzhafter Betrag für uns. Sicher hat es damit zu tun, dass wir in der Corona-Zeit schwerer für Mietinteressenten erreichbar waren. Spontan in der Geschäftsstelle vorbeikommen, ging nicht. Andererseits sind aber trotzdem Mieter gestorben oder ins Altersheim gezogen, sodass weiterhin Wohnungen gekündigt wurden.

Kommwohnen hat einen Leerstand von 30 Prozent – genauso viel wie vor zehn Jahren. Warum sinkt die Zahl nicht, obwohl Sie in der Zwischenzeit so viele Häuser saniert haben?

In sanierten Häusern haben wir gerade mal sieben Prozent Leerstand. In dem Objekt mit den Laubengängen in der Jonas-Cohn-Straße hatten wir große Startschwierigkeiten, aber heute liegt dort der Leerstand faktisch bei null. Im Frauenburgkarree ist auch alles belegt. Anderswo aber entsteht immer wieder neuer Leerstand – vor allem dort, wo Mieter nach 40 oder 50 Jahren Mietdauer sterben oder ins Heim kommen. An diesen Wohnungen muss nach so langer Mietdauer natürlich grundlegend etwas gemacht werden. Da reicht es nicht aus, sie einfach zu streichen. Das arbeiten wir mit unseren eigenen Leuten ab, aber da haben wir einen deutlichen Stau, der durch Corona noch länger geworden ist. Hier sprechen wir von 50 bis 100 Wohnungen.

Der Stau ist länger geworden, weil Sie in Corona-Zeiten weniger Personal zur Verfügung hatten?

Ja. Einige Mitarbeiter mussten ihre Kinder betreuen. Wir haben aber auch Abläufe entkoppelt, damit sich weniger Menschen auf den Baustellen begegnen. Auch das hat uns Zeit gekostet.

Haben Ihre großen Baustellen aus den gleichen Gründen auch Verzug?

Ja, es war ja niemand darauf vorbereitet, dass Schulen und Kitas geschlossen werden. Am Leipziger Platz, in der Arthur-Ullrich-Straße und in der Hohe Straße haben wir auf jeden Fall Zeit verloren. Allerdings ist derzeit noch nicht klar, wie viel Zeit.

Stellen Sie manche Bauprojekte jetzt komplett zurück?

Alles in allem geben wir pro Jahr rund 25 Millionen Euro aus, da sind auch die Gehälter unserer Mitarbeiter eingerechnet. Sanierungen machen davon zehn bis 15 Millionen Euro aus. Daran ändert sich durch Corona nichts. Das einzige, was passieren kann, ist, dass sich mal eine Schlussrechnung wegen des Bauverzugs ins nächste Jahr verschiebt. Aber wir arbeiten alle geplanten Projekte trotzdem ganz normal ab.

Haben viele Mieter vom Recht auf Stundung ihrer Miete Gebrauch gemacht?

Es sind nicht mehr als 20. Da der Stundungszeitraum bis in das kommende Jahr andauert, lässt sich derzeit aber noch nicht sagen, ob die gestundeten Beträge dann nachträglich entrichtet werden.

Wohnungen sind nicht Ihr einziges Standbein. Welchen Einfluss hat Corona auf den Hafenbetrieb am See?

Im Hafencafé wollten wir dieses Jahr die Erfahrungen aus dem Vorjahr umsetzen. Das Jahr sollte besser werden als das Vorjahr. Das ist es definitiv nicht. Zunächst war das Café ja wegen Corona ganz geschlossen. Inzwischen ist es zwar wieder geöffnet, aber wir setzen erst einmal nur auf Außengastronomie. Dadurch haben wir natürlich viel weniger Platzkapazität als mit dem Haus – und weniger Umsätze. Zudem waren drinnen Trauungen und andere Feiern geplant. Das wurde alles abgesagt. Ob das Café insgesamt minus fährt, können wir aber erst am Ende des Jahres einschätzen.

Und wie steht es um den Hafen selbst?

Der ist ohnehin nicht gewinnträchtig. Wir haben dort jetzt über 60 Boote liegen. Das ist die höchste Zahl aller Zeiten. Am Nordsteg gibt es bald keine freien Liegeplätze mehr. Um den Südsteg nutzen zu können, müssen wir ihn aber erst einmal besser vor Diebstahl schützen. Vermutlich werden wir dort nächstes Jahr einen Zaun bauen. Zudem sind im Hafen schon zwei Container als Lagerflächen vermietet.

Ihr drittes Standbein ist die Villa Ephraim. Konnten Sie in Corona-Zeiten überhaupt noch Gäste aufnehmen?

Ein paar Geschäftsreisende waren schon da, aber insgesamt war nicht viel los. Tatsächlich war und ist die Situation dort am dramatischsten, vor allem bei den Veranstaltungen, bei denen es ja als Letztes Lockerungen gab. Normalerweise sind wir an beiden Wochenend-Tagen über ein Jahr vorher ausgebucht. Da ist jetzt eine riesige Umsatzlücke entstanden.

Was haben Sie mit den Mitarbeitern gemacht, die dort nichts mehr zu tun hatten?

Wir haben sie woanders eingesetzt, zum Beispiel beim Zaunbau auf der Halbinsel am Hafen. Das haben sie im Team sehr gut hinbekommen. Wir haben mittlerweile die ganze geplante Fläche eingezäunt, um sie mit Ziegen zu beweiden und so dafür zu sorgen, dass sie nicht völlig zuwächst. Die Zaunpfähle sind zwar einbetoniert, können aber später problemlos wieder herausgezogen werden, wenn wir Zaun und Ziegen woandershin umsetzen wollen.

Läuft das Geschäft in der Villa Ephraim inzwischen wieder an?

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Teilweise. Allein für die Monate Juli und August wurden 15 bis 20 Veranstaltungen abgesagt. Für die darauffolgenden Monate ist noch nicht absehbar, ob es sich wieder normalisieren wird. Auch die Übernachtungszahlen sind noch nicht wieder dort, wo wir sie gern hätten. Dafür sind aber unsere Ferienwohnungen in der Brüder-, Moltke- und Hartmannstraße dieses Jahr sehr gut ausgelastet – deutlich besser als in anderen Jahren. Aber wir haben in der Villa Ephraim das normalerweise sehr gute Oster- und Pfingstgeschäft verloren. Das werden wir nicht mehr aufholen können. Doch trotz allem: Die Liquidität von Kommwohnen insgesamt ist sehr solide. Auch der jüngste Quartalsbericht bestätigt das. Wir sind also keineswegs in Gefahr.

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