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Was ist die Faszination am "Kulti"?

Philharmonie-Intendantin Frauke Roth hat großen Anteil daran, dass der Kulturpalast so beliebt ist. Nur, wie kann so ein Haus der Stadt Nahrung geben?

Frauke Roth ist seit 2015 die Intendantin der Dresdner Philharmonie.
Frauke Roth ist seit 2015 die Intendantin der Dresdner Philharmonie. © Nikolaj Lund

Diese Woche hat Frauke Roth ihren Vertrag als Intendantin der Dresdner Philharmonie bis 2026 verlängert. Als sie 2015 das Amt antrat, hatte das Orchester jahrelang keine feste Spielstätte, weil der Kulturpalast umgebaut wurde. Erst Mai 2017 konnte das Haus mit einem Konzertsaal als Herzstück eröffnet werden. Seitdem ist viel passiert: Kultur gab es täglich in vielen Facetten, der neue Chefdirigent Marek Janowski ist gekommen. Dann hat Corona alle Pläne verworfen und auch bei Roth zu neuen Erkenntnissen geführt. Ein Gespräch mit der 53-Jährigen über fristgemäße Eile, steile Lernkurven und Glücksfälle in Dresden.

Frau Roth, Ihr Vertrag läuft noch bis 2023, warum jetzt Eile, zu verlängern?

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So etwas passiert turnusmäßig, damit alle Seiten Planungssicherheit haben. Wir haben Bilanz gezogen, und die war gut. Als ich anfing, hatte ich die komplett neue Aufgabe für einen Philharmonie-Intendanten erhalten, ein Betreiberkonzept für den Kulturpalast zu entwerfen. Das entsprechende Konzept, mit der Stadt erarbeitet und vom Stadtrat gebilligt, funktionierte bis zu Corona drei Jahre sehr gut.

Als Chefin des Orchesters war es für mich wichtig, traditionsbewusst zu sein und zugleich mit modernen Instrumenten diese Orchester-DNA weiterzuentwickeln. Nicht nur die Klasse des Orchesters und seiner Chöre, sondern auch eine Verbreiterung des Publikums durch neue Formate anzustreben. So wollten wir die Schulkonzerte in eine moderne Zeit überführen. Unser Ziel: Jeder Dresdner Schüler soll in seiner Schulzeit mindestens einmal bei uns Musik live erlebt haben.

Der alte, neue Kulturpalast gehört laut jüngsten Umfragen zu den Lieblingsplätzen der Dresdner. Wie gelang das?

Dieses Haus ist zwischen Neu- und Altmarkt quasi die Mitte der Stadt, bietet Bildung, Kunst und Kultur mit den Bibliotheken, dem Kabarett Herkuleskeule und maßgeblich der Philharmonie mit dem Konzertsaal. Deshalb haben wir ein Programm zu gestalten, das möglichst viele Menschen interessiert, bildet und unterhält. So ein Haus muss der Stadt Nahrung geben, denn es ist ein Treffpunkt für die Gemeinschaft, Soziologen sprechen vom „Third Place“, einem wichtigen Ort für jedermann – nach dem Ort der Arbeit und des Familienlebens. 

Dabei hilft, dass das über 50 Jahre alte Haus in den Herzen der Sachsen verankert ist. Aber wir wollen genauso junge und Neu-Dresdner sowie Touristen erreichen, was immer besser gelingt.

Anfangs taten Sie sich schwer, Schlager und Pop in den Konzertsaal zu lassen.

Es gab nie Vorbehalte, dass ein ganz breites Programm der Reputation der Philharmonie schaden könnte. Im Gegenteil, die Frage war anfangs eher, ob sich Künstler wie Roland Kaiser und Howard Carpendale in einem Konzertsaal wohlfühlen würden. Dass sich mittlerweile Künstler aller Genres, viele Partner aus der Stadt und Veranstalter hier wiederfinden, ist aus meiner Sicht eine glückliche Entwicklung. 

Nehmen Sie die Zahlen von 2019. Es gab fast keinen spielfreien Tag, in bestimmten Monaten sogar die Nutzung im Mehrschichtsystem. 350.000 Besucher kamen insgesamt zu Veranstaltungen, die Auslastung lag bei sensationellen 93 Prozent. Stolz bin ich auch, dass darunter 210.000 Gäste der Philharmonie sind. Nicht zu vergessen: die Zehntausende Leser der Bibliotheken.

Kommen die Leute der Angebote oder der Ost-Identität des Hauses wegen?

Beides. Das Haus ist wohlvertraut und nach der Wiedereröffnung mit seinen lichtdurchfluteten Foyers, der Öffnung ganzer Etagen und dem Spitzensaal sogar noch schöner geworden als zuvor. Es ist eine angenehme Aufenthaltsqualität entstanden, die vielleicht auch ein Kontrast zu dem stark royal geprägten Umfeld ist.

Der Kulturpalast ist ein zentraler Ort in der Stadt - und wird dieser Rolle gerecht. Wie hier am 13.06, dem "Christopher Street Day", als er die Farben der Vielfalt zeigte.
Der Kulturpalast ist ein zentraler Ort in der Stadt - und wird dieser Rolle gerecht. Wie hier am 13.06, dem "Christopher Street Day", als er die Farben der Vielfalt zeigte. © dpa/Sebastian Kahnert

Wie wichtig ist der neue Konzertsaal für Dresdens Ruf?

Erstaunlich! Anfangs waren ja nur wir überrascht, wie gut der Saal geworden ist. Dann haben sich Künstler aller Genres hier eingefunden, darunter Stars wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter und der Pianist Daniel Barenboim auch dank unserer Partner wie die Dresdner Musikfestspiele. Und diese Top-Leute verbreiten in der ganzen Welt, dass der Saal Spitze ist. 

Die Künstler haben schon beim ersten Betreten das Gefühl, sie kennen sich aus und können sofort die ganze Palette ihrer Ausdrucksmöglichkeiten an den Start bringen. Sie müssen sich nicht erst orientieren. Das macht seine Runde. Egal wohin ich komme, werde ich auf diesen Glücksfall angesprochen. Zumal man den Saal aus etwas Vorhandenem heraus zeitgemäß neu entwickelt hat und trotzdem den Menschen den vertrauten Kulturpalast zurückgegeben hat. Das tut gut und ist möglicherweise an anderen Stellen im Osten fehlentschieden worden.

Zurück zur Orchester-Chefin. Dresdens Kulturpolitik favorisiert derzeit Frauen. Sie aber holen einen 80-jährigen Chefdirigenten – die Zeichen verkannt?

Frauen, die was können und wollen, verdienen eine Chance und sollten sie kriegen. Das ist in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen und möglicherweise heute auch nicht immer. Deshalb beobachten wir Dirigentinnen und laden sie ein. Aber mit Marek Janowski haben wir jemanden gefunden, der Saal und Orchester im Einklang auslotet. Das sind keine Versuche, wie man sie jungen Künstlern zugestehen muss, sondern das sind mustergültige Interpretationen. 

Wir erleben seit drei Jahren, wie das Orchester in dem Saal wächst. Seit Janowski es führt, macht es Quantensprünge. Auch die Programme haben eine neue Qualität. Dieser in vieler Hinsicht mit seinen Erfahrungen bereichernde Maestro ist auch für die Zukunft die Richtschnur. Natürlich müssen wir daran denken, zu gegebener Zeit einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin vorstellen zu können. Daran erinnert er mich selbst immer wieder.

Nach Jahren administrativer Entscheidungen wollten Sie nun das Orchester künstlerisch mehr profilieren – es kam Corona. Wie sah Ihre Lernkurve aus?

Weit ausschlagend und in neue Gefilde: Innerhalb von Tagen waren die Orchester- und Verwaltungsaktivitäten anzuhalten, Verträge mit Künstlern, Partnern und Publikum seriös zu kündigen. Dann begann das Nachdenken auch über digitale Angebote, aber schnell war klar, dass diese die Livebegegnung mit Musik keinesfalls ersetzen können, höchstens flankieren. Doch wie realisiert man diese unter den Bedingungen der Pandemie? Vergrößerung der Bühne, Verkleinerung von Repertoire, Minimierung von Publikum – ganz klar bei hohem Kunstanspruch. 

Vor allem drohte die Qualität des Orchesters zu leiden, weil wir nicht im großen Verband musizieren konnten. Deshalb haben wir alle Chancen zu Radiokonzerten, Konzerten vor kleinem Publikum, Open-Air-Konzerten wahrgenommen. Peu à peu werden wir nun das Programm ab Herbst veröffentlichen, der Vorverkauf startet dieser Tage. Die vertrauten Abo-Reihen gibt es vorerst nicht, dafür viel Neues. Das wird uns wie das Publikum noch lange vor Herausforderungen stellen.

Es war auch Zeit, zu überdenken, was vorher falsch lief – Ihre Überlegungen?

Fragen der Nachhaltigkeit werden deutlicher gestellt, ebenso welche Art von Internationalität und eines impulsreichen Austausches anstrebenswert ist. Das Tourneegeschäft wird anders und eingeschränkter stattfinden. Umso wichtiger sind Partnerschaften und Kooperationen zwischen Städten, Häusern und Orchestern bei Gastspielen, Chören, Akademien, Auftragswerken und Repertoireschwerpunkten. Dies könnte ein ganz anderes Potenzial für uns eröffnen. Ich hoffe, erste Ideen in naher Zukunft vorstellen zu können.

Sie leben seit 2014 in Dresden. Wie lange haben Sie als Wessi und Frau in der Position gebraucht, um anzukommen?

Ost oder West, das spielt für mich Hamburgerin, die in Süddeutschland studiert hat, dann in London, Rostock, Bremen und Potsdam gearbeitet hat, keine wirkliche Rolle. Eher beschäftigte ich mich, wenn bestimmte berufliche Kapitel wie die Eröffnung des neuen Kulturpalastes abgeschlossen sind, mit Bleiben oder Gehen. Irgendetwas ist doch woanders immer reizvoll und besser. 

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20 Fragen für 2020: Heute beantwortet von Frauke Roth, Intendantin der Dresdner Philharmonie.

Ich habe mich bewusst für Sachsen und Dresden, die so oft gescholten werden, entschieden, weil sie viel besser sind als ihr Ruf. Da will ich unterstützen. Ich möchte, dass auf den Landkarten von Intendanten etwa in Köln oder Paris der Dresdner Kulturpalast eine so maßgebliche Rolle spielt wie Podien in Berlin und München. Außerdem gefällt mir generell im Osten, dass es hier bis heute viele Chancen und größere Gestaltungsspielräume gibt. In Dresden ist noch viel in Bewegung. Daran mitwirken zu können, ist eine befriedigende Aufgabe. Freilich, manchmal muss man kämpfen.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.

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