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"Das sind Bilder, die brennen sich ein"

Uwe Restetzki, Leiter der Görlitzer Feuerwehr, sagt im SZ-Gespräch, ob derzeit mehr zu tun ist als üblich. Und wie er den Tod eines Kameraden in Weinhübel erlebt hat.

Seit 25 Jahren ist Uwe Restetzki Gemeindewehrleiter und Leiter der Berufsfeuerwehr Görlitz.
Seit 25 Jahren ist Uwe Restetzki Gemeindewehrleiter und Leiter der Berufsfeuerwehr Görlitz. © Nikolai Schmidt

Buttersäureanschlag im Fitnessstudio, Neißehochwasser, ein Kind auf der Fensterbank im Dachgeschoss einer Wohnung. Als in Weinhübel ein Feuerwehrmann gegen eine Hauswand gerast war, barg die Berufsfeuerwehr Görlitz den Toten. Uwe Restetzki, Leiter der Görlitzer Feuerwehr, sagt, wie er den Einsatz erlebte, welche Einsätze die häufigsten sind und ob es wirklich mehr werden.

Herr Restetzki, voriges Jahr haben die Feuerwehren tagelang die Roscher-Villa gelöscht. Was war der aufwendigste Einsatz dieses Jahr bislang? 

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Ganz nah ist natürlich der Unfall unseres Weinhübler Kameraden auf der Zittauer Straße. Das liegt erst wenige Tage zurück und war ein sehr emotionaler Einsatz für uns, vor allem für die Kameraden der Ortsfeuerwehr Weinhübel. Emotional herausfordernd ist es auch immer, wenn es um Kinder geht.

Man bekommt den Eindruck, die Feuerwehr in Görlitz ist derzeit ungewöhnlich viel im Einsatz. Oder täuscht das? 

Das hat sicher damit zu tun, dass sehr ungewöhnliche Einsätze dabei waren. Wann haben wir schon mal mit Buttersäure zu tun? Im Juni dieses Jahres hatten wir 79 Einsätze, das ist sogar weniger als voriges Jahr mit 89. Für den Juli dieses Jahres lässt sich tatsächlich eine Steigerung feststellen, die sich aber leicht wieder ausgleichen kann. Pro Jahr rechnen wir mit rund 800 Einsätzen. Im ersten Halbjahr waren es 372, also keine signifikante Steigerung.

Gibt es Veränderungen bei der Art der Einsätze?

Kaum. Was sich aber seit ein, zwei Jahren als ein Schwerpunkt herauskristallisiert, ist die Personenrettung. In dem Bereich hatten wir im Juni und Juli bislang 15 Einsätze, dazu kommen zwölf Türöffnungen. Dabei geht es häufig um Menschen, die alleinstehend sind, wo Angehörige sich nicht kümmern können oder es gar keine Angehörigen gibt. Es geht also meistens um Menschen, die alleine in ihrer Wohnung und medizinisch hilfsbedürftig sind. Dahinter verbirgt sich immer ein Schicksal.

Auf Ihrer Einsatzliste steht auch Tierrettung weit oben. Neulich gab es auf Facebook eine Debatte um eine Katze, die auf dem Nikolaifriedhof auf einem Baum sitze, und Hilfe brauche. Die Feuerwehr wolle aber nicht kommen?

Wir sind per Gesetz verpflichtet, Tiere in Not zu retten, grundsätzlich kostenfrei. Wenn also die Meldung kommt: Eine Katze auf einem Baum braucht Hilfe, dann fahren wir in der Regel mit der Drehleiter raus. Einfach ist das nicht immer, gerade wenn das Tier nahe am Stamm sitzt. Wir können schlecht mit dem Korb der Drehleiter in die Baumkrone hineinfahren. Wenn ein Tier wirklich festsitzt, etwa in einer Astgabel, müssen wir uns was einfallen lassen. Sehen wir aber, das Tier klettert von Ast zu Ast, dann gilt auch abzuwägen: Muss ich die Gesundheit des Feuerwehrmannes aufs Spiel setzen oder gebe ich der Katze die Ruhe, selbst wieder runterzuklettern.

Wie war das in diesem Fall? 

Wir waren vor Ort. Unter dem Baum hatten sich mehrere Menschen versammelt. Manche hatten ihren Hund dabei. Ist doch klar, dass das Tier dann nicht runterkommt. Dazu kommt in dem Fall: Auf einem Friedhof kann ich natürlich nicht die Totenruhe stören, gar ein Fahrzeug auf ein Grab stellen, um eine Katze zu retten, die wahrscheinlich selbst wieder vom Baum kommt. Das ist unverhältnismäßig.

Kritik gab es auch nach dem Einsatz in Weinhübel, an der SZ wie an der Feuerwehr: Es war kurzzeitig ein Bild veröffentlicht, das das Auto nach dem Unglück zeigte. Daneben stand auch eine Gruppe von Einsatzkräften, die lachten.

Das Foto scheint zum Ende des Einsatzes entstanden zu sein. Die Sichtsperre war entfernt, der Tote war aus dem Auto geborgen und abtransportiert, die Einsatzstelle wurde aufgeräumt. Hinter den Kameraden lagen fünf Stunden – ein langer Einsatz – unter extremer emotionaler Anspannung: Es war einer ihrer Kameraden, den sie geborgen haben. Er gehörte zwar zur Ortsfeuerwehr Weinhübel, aber man kennt sich, mal mehr mal weniger. Als dieser Einsatz geschafft war, hat sich auch diese extreme Anspannung gelöst. Dass sie sich entlädt, dafür reicht in einem solchen Moment eine Kleinigkeit. Die Kameraden, die im Dienst waren als auch die, die am Morgen kamen, waren sehr betroffen. Da war nichts mit Leichtfertigkeit.

Nur einige hundert Meter vom Standort der Weinhübler Ortsfeuerwehr kam vor zwei Wochen ein Weinhübler Feuerwehrmann ums Leben. Mit seinem Auto war er mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Hauswand geprallt.
Nur einige hundert Meter vom Standort der Weinhübler Ortsfeuerwehr kam vor zwei Wochen ein Weinhübler Feuerwehrmann ums Leben. Mit seinem Auto war er mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Hauswand geprallt. © Lausitznews

Waren Sie selbst vor Ort? 

ch war nicht im Dienst, bekomme aber immer die Alarme über meinen Pieper. 22.44 Uhr hatte ich an dem Tag diesen Alarm bekommen. Ein paar Minuten später rief mich der Einsatzleiter an. Da bin ich natürlich rausgefahren. Dann gehöre ich an die Einsatzstelle zu den Kameraden

Wie gehen Sie persönlich mit solchen Fällen um?

Schwierig. Einsatzkräfte funktionieren in solchen Fällen anders als Zivilbürger. Es gibt Mechanismen, die jeder für sich entwickelt, um mit belastenden Situationen umzugehen. Ich versuche im Einsatzgeschehen nur das an mich ranzulassen, was notwendig ist, um meine Aufgabe zu machen. Das heißt, wenn ich nicht direkt im Unfallauto arbeiten muss, weil es nicht meine Aufgabe ist, dann gehe ich dort auch nicht hin. Denn das sind Sachen, die prägen sich ein. Einem Toten oder verletzten Menschen nützt es nichts, wenn ich ihn mir ansehe, obwohl ich dort gar nichts zu suchen habe. Aber mit einem selbst macht es was. Ich habe solche Sachen erlebt. Normalerweise sind die nicht da. Aber wenn man darüber spricht, so wie jetzt, dann kommen sie wieder hoch. Das vergisst man nicht.

Woran denken Sie gerade? 

An meine Ausbildungszeit. Bei zwei Praktika hatte ich mit zwei Fällen zu tun, bei denen Menschen unter Zügen zu bergen waren. Als Auszubildender, das war einfach so, war ich in der ersten Reihe mit dabei. So etwas brennt sich ein.

Sie hatten auch den Weinhübler Einsatz als emotional sehr herausfordernd beschrieben. Wie geht die Feuerwehr damit um, wenn ein Kamerad tödlich verunglückt? 

Erst mal wurden die direkt betroffenen Kameraden, in dem Fall die Weinhübler, aus dem Einsatz herausgenommen, danach auch die parallel alarmierten Kräfte von Kunnerwitz und Stadtmitte. Es ist ein Unterschied, ob man es mit einer fremden Person zu tun hat oder mit einem Kameraden. Auch bei einer fremden Person hat man eine gewisse emotionale Betroffenheit. Man ist nicht abgestumpft, es handelt sich um einen Menschen. Manchmal kann man schneller loslassen, manchmal arbeitet ein Einsatz noch lange in einem. Aber wenn das Wissen dazukommt, es geht um einen Kameraden – das geht nicht spurlos vorbei. Das ist eine Situation, mit der man nicht permanent umgehen muss, die im besten Fall niemals eintritt. Man bezieht es auch mehr auf sich selbst: Mensch, das ist ein Kollege, der könnte jetzt auch neben mir arbeiten. Mitunter kennt man einen Kameraden sogar besser als den Partner. Deshalb bin ich auch hingefahren, um die Weinhübler Kameraden zu unterstützen. Das Kriseninterventionsteam wurde angefordert, um sie erst mal aufzufangen. Bei der Berufswehr haben wir den nächsten Tag für eine Einsatznachbereitung genutzt, das Einsatznachsorgeteam war da, auch für die Weinhübler Kameraden.

Das hört sich sehr sachlich, fast technisch an. 

Tatsächlich arbeiten im Einsatznachsorgeteam Fachleute, Feuerwehrleute, die den Einsatz mit den Kameraden besprechen können. Das ist nicht weniger wichtig als der seelsorgerische Aspekt. Denn eine große Frage für die Kameraden, die im Einsatz waren, ist oft: Wenn ich irgendwie anders gehandelt hätte – hätte ich am Ergebnis etwas ändern, jemanden vielleicht noch retten können? Es wird dann durchgegangen: Wie hast du gehandelt? Hättest du etwas anders gemacht, hätte das etwas geändert? Generell: Wurde tatsächlich bei einem Einsatz falsch gehandelt, gehört auf jeden Fall eine Einsatzkritik dazu. Ansonsten aber ist es wichtig zu wissen: So wie der Einsatz ablief, war er korrekt, alle haben in der Situation ihr Bestes gegeben.

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