merken
PLUS Riesa

Vom Stahlwerker zum Filmemacher

Rüdiger Heinze stammt aus Gröditz, lernte dort einst Feinmechaniker. Heute ist er Chef einer erfolgreichen Filmproduktion. Ein Streifen von ihm läuft jetzt in der ARD.

Filmproduzent Rüdiger Heinze (3.v.l.) beim Drehstart für die Sterbehilfe-Komödie "Now or never" Ende 2018. Rechts neben Heinze die Hauptdarsteller Michael Pink und Tinka Fürst, ringsum weitere Beteiligte des Drehs. Die Aufnahmen fanden in Tirol statt.
Filmproduzent Rüdiger Heinze (3.v.l.) beim Drehstart für die Sterbehilfe-Komödie "Now or never" Ende 2018. Rechts neben Heinze die Hauptdarsteller Michael Pink und Tinka Fürst, ringsum weitere Beteiligte des Drehs. Die Aufnahmen fanden in Tirol statt. © obs/SWR

Altkreis Riesa/Ludwigsburg. Wenn am Mittwoch um 20.15 Uhr der Spielfilm "Now or never" in der ARD gesendet wird, dürften Hunderttausende Menschen einschalten. Produziert hat die Tragikomödie, die sich mit dem Thema Sterbehilfe befasst, Rüdiger Heinze. Der 48-Jährige kommt ursprünglich aus Gröditz, lebt aber schon seit vielen Jahren in Ludwigsburg. Mit einem Geschäftspartner betreibt er dort eine Filmproduktionsfirma, die in der Branche als etabliert gilt und etliche Preise verbuchen konnte. Die SZ hat den Filmemacher gesprochen.

Herr Heinze, Sie sind in Riesa geboren, in Gröditz aufgewachsen, leben aber schon lange nicht mehr hier. Wie oft schauen Sie noch in Ihrer Heimat vorbei?

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

In der Pandemie-Zeit natürlich nicht so oft, aber an sich bin ich mindestens einmal im Monat da, weil mein Vater in Riesa lebt. Ich bin oft in Berlin und wann immer ich dorthin fahre, komme ich in Riesa vorbei und übernachte bei ihm. Wir haben dann einen schönen Abend zusammen, ehe ich am nächsten Tag weiterfahre.

Sie haben kurz vor der Wende eine Ausbildung zum Feinmechaniker im Gröditzer Stahlwerk gemacht. Wie wurden Sie Filmemacher?

Nach dem Abschluss habe ich in München als Maschinenschlosser gearbeitet, dann wurde ich zum Bund eingezogen. Während des Wehrdienstes ist mir klar geworden: Ich will nicht mehr in den alten Job zurück. Ich habe mein Abitur in Cottbus nachgeholt und während dessen Praktikum beim ORB gemacht. In der Zeit habe ich mich an der Filmakademie in Ludwigsburg beworben, weil das nach meinen Recherchen die beste war. Es gab damals 1.600 Bewerber und ich fand es schon toll, unter die 100 gekommen zu sein, die zur Aufnahmeprüfung eingeladen wurden. Als dann vier Wochen später ein dicker Brief der Akademie im Briefkasten lag, habe ich mir gar nicht getraut, den aufzumachen. Ich wusste: Dieser Brief wird meine Zukunft entscheiden. Als ich ihn nach zwei Stunden Draufstarren geöffnet habe und es hieß "Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen...", bin ich natürlich ausgeflippt. Nach dem ersten Studienjahr Regie bin ich dann zu Drehbuch und Produktion gewechselt. Und jetzt bin ich seit zwölf Jahren mit unserer Firma unterwegs und ganz glücklich mit dem, was ich machen kann.

Filmgeschäft, da denken sicher viele an Glamour. Ist ihr Beruf glamourös?

Die Arbeit an sich gar nicht. Ich sitze im Büro, telefoniere viel, lese Drehbücher und  verbessere sie. Aber natürlich: Wenn ein Film erst einmal Premiere hat oder ich auf ein Filmfestival einladen bin, dann ist natürlich Champagner und alles angesagt. Da sind auch die ganzen Schauspieler und Stars um einen herum, da ist es schon glamourös. Das passiert aber eben erst, wenn der Film fertig ist oder man einen Preis gewinnt.

Wenn jemand keine Ahnung von Ihrer Branche hat und Sie ihm kurz erklären sollen, was Sie eigentlich als Produzent beruflich machen, was sagen Sie?

Es geht zuerst einmal darum, Stoffe zu finden und zu entwickeln. Das heißt, die Figuren zu finden, die den Stoff tragen. Dann braucht es einen Plot –  also das, was die Figuren erleben. Das macht man alles, ohne zu wissen, ob diese Idee je realisiert wird. Wenn man dann ein fertiges Drehbuch hat, mit dem man zufrieden ist, geht die Finanzierung los. Man geht zum Beispiel zu Sendern, reicht das Drehbuch ein und fragt, ob es Interesse an dem Drehbuch gibt.

Und wenn das klappt?

Dann gehen wir relativ zügig in die Verhandlung, was den Sendern das Senderecht wert ist. Kommt man überein, kümmere ich mich um ein Gesamtpaket: Ich suche mir einen Regisseur, von dem ich glaube, dass er das Drehbuch umsetzen kann. Mit dem mache ich dann das Casting. Man schaut also, welche Schauspieler einem weiterhelfen.

Sie haben mit bekannten Namen wie André Hennicke, Jördis Triebel oder Oliver Masucci gearbeitet...

Ja, aber ich brauche nicht immer Stars oder etablierte Namen. Ich entdecke auch wahnsinnig gern. Michael Pink, der Hauptdarsteller im aktuellen Film, kannte bisher kaum jemand – obwohl er ein fantastischer Schauspieler ist. Ich sage ihm eine Karriere voraus. Aber noch einmal kurz zu dem, was ich tue: Wenn die Finanzierung steht, stelle ich die nötigen Leute ein, damit die Dreharbeiten starten können.

Der Dreh für den aktuellen Film passierte vor mehr als anderthalb Jahren.

Genau, das war im Oktober und November 2018. Nach Ende der Dreharbeiten dauert es aber immer noch mal ein halbes Jahr, bis der Film fertig ist. Er muss ja geschnitten werden, Ton und Musik müssen gemacht werden und so weiter. Die erste Idee für den Stoff des Films hatte ich übrigens schon 2014. Daran sieht man auch, was ein Filmproduzent haben muss: Einen verdammt langen Atem und Vertrauen in das, was er macht. 

Wie viele Filme produzieren Sie im Jahr?

So ein, zwei Stück. Es kommt auch immer auf das Stadium der Projekte an, manchmal zieht sich zum Beispiel die Arbeit an den Drehbüchern. Da gibt es schon immer mal Überraschungen. Und zuletzt Corona...

Wie hat sich das ausgewirkt?

Auf Prozesse, die vor den Dreharbeiten laufen, gar nicht. Was die Dreharbeiten selbst angeht, ist es schwierig. Man zieht ja für mehrere Wochen etwa 40 bis 50 Leute, die aus ganz Deutschland kommen, an einem Ort zusammen. Wenn da ein Mitarbeiter erkranken würde, müsste ich die übrigen in Quarantäne schicken. Das ist ein Risiko, das im Moment nicht versicherbar ist. Im Moment hoffen wir da als Produzenten auf eine Lösung, die uns ein Stück aus dem Risiko nimmt.

Was bleibt Ihnen in so einer Situation – Beschäftigung mit neuen Stoffen?

Genau, ich entwickle im Moment parallel drei neue Drehbücher.

Die aus Riesa stammende Regisseurin Elke Hauck hat 2007 mal einen Film über ihre Heimatstadt gedreht, "Karger", über eine Stahlarbeiter. Gibt es von Ihnen auch mal einen Film über ihre alte Heimat?

Passieren könnte das schon. Ich bin dem proletarischen Milieu sehr verbunden. In einem meiner ersten Filme - "Parkours" - war die Hauptfigur ein Gerüstbauer. Kleine Geschichten, wo es um Existenzängste geht oder Arbeitslosigkeit, so etwas interessiert mich. 

Es fragte: Eric Weser

Rüdiger Heinze - Kurzbiografie

  • 1971 in Riesa geboren
  • 1988-90 Lehre zum Feinmechaniker im Stahlwerk Gröditz
  • 1997-2002 Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg
  • 2008 Gründung der Filmproduktionsfirma Zum Goldenen Lamm mit Stefan Sporbert
  • 2012 Bayerischer Fernsehpreises (Kategorie Nachwuchsförderpreis) 
  • Vater zweier Söhne, ledig, lebt in Ludwigsburg

Mehr zum Thema Riesa