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"Jetzt erleben wir Helden"

Der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Manuel Schöbel, erzählt im Interview, was die Corona-Krise für das Theater in Radebeul bedeutet.

Manuel Schöbel im leeren Zuschauerraum der Landesbühnen
Manuel Schöbel im leeren Zuschauerraum der Landesbühnen © Arvid Müller

Herr Schöbel, wie fühlt es sich an, in ein Theater ohne Darsteller und Publikum zu kommen?

Wenn ich morgens so gegen 8 Uhr hierherkomme, ist es wie immer relativ ruhig. Aber danach wird die Arbeit eine völlig andere.  Das Bild vom einsamen Intendanten im Zuschauerraum stimmt,  weil das Publikum nicht da ist. Aber es ist nicht richtig, was die Arbeit im Theater betrifft. Es gibt hier Menschen, die jetzt besonders gefordert sind. Wir haben sehr viel mit Absagen, Erklären und Neuplanen zu tun.

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Wie sieht Ihre tägliche Arbeit jetzt aus?

Theater ist normalerweise in seinem Ablauf ein ganz filigran gebauter Mechanismus, der aus vielen Elementen besteht, die sehr langfristig geplant sind. Jetzt müssen wir umplanen und eine ganze Reihe von Aufführungen und Proben in eine andere zeitliche Abfolge bringen. Wir sind viel in Kontakt mit unseren Partnertheatern und Gastspielhäusern, mit Veranstaltern und Zulieferern, mit SchauspielerInnen und SängerInnen, mit Politikerinnen und den Mitgliedern des Aufsichtsrates. 

Der Prozess des Neuplanens fordert Kreativität: Wir müssen Künstler zu einem anderen Zeitpunkt für die Proben zusammenbringen, auf manche Dinge verzichten, manche schneller, andere später machen. Ganz wichtig ist zurzeit die Arbeit des Chef-Disponenten Matthias Mücksch, der all die neuen Pläne aufeinander abstimmt. Jede und jeder findet in dieser Phase seine besonderen und teilweise neuen Herausforderungen. Die Frauen in der Schneiderei nähen jetzt Mundschutzmasken, die Schauspieler überlegen sich, wie sie die sozialen Medien bespielen können.

Die Premiere der Oper "Der Vampyr" musste ganz kurzfristig abgesagt werden. Was passiert mit den geplanten Stücken?

Es ist emotional sehr schwer, nach der Generalprobe keine Premiere zu haben. Die Künstler haben gelitten. Andererseits ist das noch der bessere Fall, weil die Arbeit fertig ist und darauf warten kann, präsentiert zu werden. Eine Absage 14 Tage vorher, wie es uns mit der Inszenierung "Mein Kampf" erging, ist nicht besser, denn da fehlt genau die Phase des Arbeitens, in der man das Stück zusammenbringt. Der kreative Prozess ist unterbrochen und es braucht beim Wiederanfang sehr viel Kraft. Wir bereiten uns nun mit dieser Produktion und mit vielen anderen Stücken darauf vor, jederzeit wieder anfangen zu können.

Wie geht das, wenn keine Proben stattfinden dürfen?

Wir werden ja oft gefragt: "Wann lernt ihr eigentlich den vielen Text?" Unter anderem jetzt. Es findet  gerade viel geistige Arbeit statt. Indem man diese besondere Situation emotional miterlebt und begreift, bereitet man sich auch auf seinen Beruf vor. Denn Theater handelt  ganz oft von Extremsituationen, besonderen Dingen und "Heldentaten". Jetzt erlebt man diese Helden des Alltags, von der Kassiererin bis zum Pfleger. Nun begreifen wir, dass auch in einer scheinbar ganz gewöhnlichen Handlung eine große Tat liegen kann. 

Vielleicht lernen ja sogar unsere Zuschauer ein bisschen für den nächsten Theaterbesuch vor. Nämlich das Besondere im vermeintlich Banalen zu entdecken. Ich glaube, viele Menschen haben sehr schnell angefangen, Kunst zu vermissen: das Konzert, die Theateraufführung, das Kabarett, das Museum. Wer hätte  gedacht, dass viele Menschen mal  sagen "Schade, dass ich nicht in eine Ausstellung gehen kann." Aber jetzt, wo es nicht geht, hört man das.

Gibt es finanzielle Unterstützung für das Theater, dem der Kartenverkauf weggebrochen ist?

Im Moment ist vor allem mein Respekt vor denjenigen groß, die sofort in einer ganz schwierigen wirtschaftlichen Lage sind. Für manche, wie die Gastronomen oder Besitzer von kleinen Läden, stellt sich jetzt die Frage, wie es morgen weitergeht. Es ist gut, dass viel darüber nachgedacht wird, wie ihnen geholfen werden kann. Und auch über die Situation der Theater wird nachgedacht. Uns vergisst man nicht.

Eine Virus-Pandemie ist für uns alle neu. Aber haben Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn irgendetwas Vergleichbares schon einmal erlebt?

Es gibt nichts Vergleichbares, weil diese emotionale Atmosphäre für mich noch nie dagewesen ist.  Aber die rein technische Fähigkeit, zu reagieren und umzuplanen, mussten wir schon so manches Mal haben. Theaterleute sind Improvisationskünstler. Wir sind gewohnt, alles anders zu machen, wenn wir an einem anderen Ort spielen und plötzlich Überraschungen erleben. Aber im Moment sind wir Teil eines globalen Umplanens und der prinzipiellen Veränderungen unserer Abläufe in der Gesellschaft. Das sollte man mit gar nichts vergleichen.

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