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"Kritik war von der Regierung nicht gewollt"

Die frühere Treuhand-Chefin hat erstmals Fehler eingeräumt. "Wir hätten vieles viel besser machen können", sagt auch Wirtschaftsprofessor Ulrich Blum. 

Anti-Treuhand-Plakat während einer Demonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin im Jahr 1991.
Anti-Treuhand-Plakat während einer Demonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin im Jahr 1991. © imago images/Ulli Winkler

Professor Blum, Sie haben sich intensiv mit der Umwandlung der DDR-Wirtschaft zur Marktwirtschaft beschäftigt. Die damalige Treuhandchefin Birgit Breuel hat nun erstmals Fehler bei der Privatisierung eingestanden. Reichlich späte Einsicht. Konnte oder wollte es damals niemand besser wissen? 

Das zentrale Problem kurz vor der Wende war, dass niemand im Westen so wirklich mit der deutschen Einheit gerechnet hatte. Es wurde in der alten Bundesrepublik keinerlei Forschung mehr zu einer möglichen Wiedervereinigung gemacht. Bis Anfang der 70er-Jahre war das hingegen fester Bestandteil im jährlichen Bericht zur Lage der Nation. Man hätte sich besser vorbereiten können. So wie es derzeit die Koreaner tun.

Es herrschte demnach vor allem Unwissenheit, …

… nicht unbedingt. Die Insider kannten sich schon aus. Analysten, Ökonomen und Geheimdienste. Die DDR war so gut aufgeklärt wie kein anderer Staat der Welt. Man hatte zum Beispiel Bodenproben herausgeschmuggelt, um mit deren Hilfe die Kontaminierung der Böden zu untersuchen. Das hat dann etwas über die Qualität der Industrieanlagen gesagt. Man hatte Satellitenaufnahmen und wusste, dass damals nachts die Filteranlagen der Kraftwerke immer wieder abgeschaltet wurden, um die Wirkungsgrade etwas zu erhöhen. All das war bekannt. Es ist eine billige Ausrede, zu sagen, man habe nichts über den realen Zustand der DDR-Wirtschaft gewusst. Das ist einfach falsch.

Hätte es denn überhaupt grundlegend anders wirtschaftlich laufen können?

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Der D-Mark-Umtausch 1 zu 1 war wirtschaftlich problematisch, aber er hat dafür die Siedlungsstrukturen erhalten - eine massenweise Abwanderung von Ost nach West wäre volkswirtschaftlich noch teurer gekommen. Die Fehler gehen aber bei der Art und Weise der Privatisierung los.

Was wurde aus heutiger Sicht falsch gemacht von der Treuhand?

Man begann damals, jedes einzelne Werk für sich zu privatisieren. Die Lieferketten in Ostdeutschland waren damit zerstört. Sachsen hatte eine vollständige Hydraulik-Industrie. Dafür braucht man Kolben, Pumpen, Schläuche, Steuerung und mehr. Das war nun auf verschiedene Werke verteilt, und jedes ging an einen anderen Investor, an eine andere Konzernmutter in Westdeutschland oder international - mit der Folge, dass in Sachsen kein Hydrauliksystem mehr hergestellt werden konnte. Überall dort, wo die Treuhand die Systemfähigkeit teilweise erhalten hatte, haben wir heute etwas bessere industrielle Bedingungen, so in Dresden, Chemnitz, Jena und im Chemiedreieck.

Vielleicht sollten die Firmensysteme ja gar nicht Bestand haben, weil sie Konkurrenz waren?

Zumindest hat kaum jemand etwas für den Fortbestand dieser Firmensysteme getan, obwohl schon damals die Folgen offensichtlich waren. Besonders fatal ist bis heute, dass beim Verkauf keinerlei Konzernzentralen hierher auf den Weg gebracht wurden. Die DAX-Zentralen sitzen heute nahezu alle im Westen, dort wird der Umsatz gemacht, dort fließen auch erheblich mehr Steuergelder. In und mit den Zentralen geschehen allerdings 30 Prozent der Wertschöpfung. Das erklärt auch, warum wir im Osten in der Wertschöpfung noch lange nicht auf Westniveau sind.

Hätten wir überhaupt eine Chance gehabt, hier eine etwas andere Wirtschaftsstruktur aufzubauen?

Man hätte die Eigentumsrückgabe der Treuhand mit persönlichen Rückkehrverpflichtungen verbinden müssen, das wäre sehr erfolgreich gewesen. Dann würden die Steuern nicht irgendwo im Westen, sondern hier bezahlt. Dem Honecker kann ich nach inzwischen so vielen Wirtschaftszyklen nicht mehr all das anlasten, was heute hier schiefläuft. Da müssen sich andere an die Nase fassen.

Wer hat versagt? Die Bundesregierung damals, die ostdeutschen Landesregierungen?

Unterschiedlich. Bundeskanzler und Wirtschaftsminister auch. Sachsen hat zumindest mehr getan als andere Länder und sich damit oft auch gegen den Bund gestellt. Mit Erfolgen heute.

Sie selbst waren viele Jahre Präsident des IWH, eines der Top-Wirtschaftsinstitute Deutschlands, Sie zählten zu den Wirtschaftsweisen. Wo ist denn damals Ihr Rat geblieben?

Die besten Ratschläge hat es hinter den Kulissen gegeben, wie in Sachsen zum Beispiel. Unauffällig, und es wurde einiges davon umgesetzt. Andere Bundesländer indes wollten so etwas nicht wissen, und die Bundesregierung war schlicht ablehnend.

Sie hat Ihre Forschungen am IWH in Halle ignoriert?

Das reicht nicht. Es wurde darauf gedrungen, bestimmte Forschungen einfach einzustellen. Bestimmte Fragestellungen sollten nicht mehr in die Öffentlichkeit kommen, obwohl sie zum Kern unseres Forschungsauftrags gehörten. Kritik war vom Bund nicht gewollt. Wir haben der Politik Fehler nachgewiesen, daher waren unsere Studien zu Ostdeutschland politisch nicht willkommen. Da saßen in Berlin zu viele in ihrem Raumschiff. Regierungen wollen halt meist in ihrer Arbeit bestätigt werden. Die politischen Ansagen vom Bund an mich waren letztlich eindeutig: Tun Sie dies fort, das darf so nicht erscheinen. Für mich als Institutsdirektor war das so etwas zwischen Forschungsverbot und Nachdenkensverbot.

Ist diese Ignoranz einer der großen Fehler von damals?

Ich glaube, wir hätten vieles viel besser machen können. Darauf haben wir als Wirtschaftswissenschaftler schon Anfang der 90er-Jahre hingewiesen.

Nicht so sehr mit Erfolg. Und schließlich wurden Sie ja als Institutsdirektor abgesetzt …

… nein, das nicht. Man hat mich gedrängt, zurückzutreten. Ich habe aufgehört. Die Dinge wurden unerträglich. Meine Forschungsfreiheit lasse ich mir nicht nehmen. Ich wollte mich nicht korrumpieren lassen und verzichtete daher auf den Posten. Und ich habe dann für die Fraunhofer-Gesellschaft ein neues Institut zur Ökonomik der Werkstoffe in Halle aufgebaut.

Ist der Osten noch zu retten? Wer soll es tun?

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Sie hat lange geschwiegen. Jetzt spricht Birgit Breuel in einem Interview über die Privatisierung der DDR-Wirtschaft. Und sie lobt die Ostdeutschen.

Es gibt eine einzige Chance für die kommenden 30 Jahre. Das ist der Umbau der Kohlenstoffwirtschaft. Ostdeutschland hat dafür meiner Meinung nach die besten Voraussetzungen. Kunststoffe statt Stahl. Leichtbau. Und dies aus vorhandenen Kohlenstoff-Verbindungen oder auch aus Kohle. Die Technologie und das Wissen hat Ostdeutschland. Und wenn wir es hinbekommen, CO2-neutrale Wertschöpfungsketten zu schaffen, dann sind wir der King, weil diese CO2-freie Grundstoffindustrie alle brauchen, weltweit. Dafür müssten wir hier vor Ort die entsprechende Anlagenfertigung aufbauen. Dann sieht es von Halle über Bautzen bis Schwarze Pumpe richtig gut aus. Nur, die Zeit läuft schon.

Interview: Stephan Schön

Prof. Ulrich Blum stammt aus München und kam 1992 als Gründungsdekan der Wirtschafts-Fakultät an die TU Dresden. Er lehrte hier bis 2004, wurde dann Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle(IWH). Seit 2017 ist er Gründungsdirektor eines Frau
Prof. Ulrich Blum stammt aus München und kam 1992 als Gründungsdekan der Wirtschafts-Fakultät an die TU Dresden. Er lehrte hier bis 2004, wurde dann Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle(IWH). Seit 2017 ist er Gründungsdirektor eines Frau © FhG

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