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Was ich an Deutschland liebe

Khang Hoang Hy nimmt an der Deutsch-Olympiade teil. Er schwärmt von einem besonderen Wort für die Liebe. Und von Wurst.

Khang Hoang Hy lernt neben der deutschen Sprache Englisch und Japanisch. Das Bücherregal in den Deutschland-Farben gibt es in Wirklichkeit nicht.
Khang Hoang Hy lernt neben der deutschen Sprache Englisch und Japanisch. Das Bücherregal in den Deutschland-Farben gibt es in Wirklichkeit nicht. © Privat/Frauke Thielking/Plainpicture/SZ-Montage

Während hier die Nachmittagssonne brennt, hat der Abend dort schon begonnen. Rund 9.000 Kilometer liegen zwischen Deutschland und Vietnam. Der 17-jährige Khang Hoang Hy sitzt im kleinen Haus seiner Eltern am Rand von Ho-Chi-Minh-Stadt, früher bekannt als Saigon. Eine Woche lang nimmt er an der Internationalen Deutsch-Olympiade teil. Sie sollte in Dresden stattfinden und wurde coronabedingt ins Internet ausgelagert. Rund 120 Schüler aus 60 Ländern wetteifern fünf Tage lang in Sprachkenntnis, Kreativität und kultureller Kompetenz. Im SZ-Telefongespräch muss Khang Hoang Hy nie lange nach den richtigen Wörtern suchen.

Seit wann lernen Sie Deutsch?

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Seit fast zwei Jahren. Ich habe damit in der Schule begonnen. Aber es ging zu langsam. Nach einem Monat habe ich angefangen, Extrakurse am Abend zu besuchen, dreimal in einer Woche drei Stunden.

Warum lernen Sie Deutsch?

Weil ich in Deutschland studieren will, entweder Informatik oder Ingenieurwesen. Und nur mit Schulunterricht reicht das Deutsch dafür einfach nicht.

Warum wollen Sie gerade hier studieren?

Ich würde sagen, das ist eine etwas längere Geschichte. Zuerst wollte ich in Japan studieren. Aber da gibt es ein Problem. Die Menschen dort arbeiten sehr hart. Schlimmstenfalls sterben sie bei der Arbeit. Das klingt schrecklich, aber es stimmt. Dann hörte ich von einer Oberschule, die Deutsch unterrichtet. Meine Mutter riet mir, diese Sprache zu versuchen. Das ist dann bald ernst geworden. Weil ich bei einem Wettbewerb gewann, durfte ich zu einem Jugendkurs nach Aachen fahren. Das war voriges Jahr im August. Ich war das erste Mal in Deutschland, und danach war ich mir sehr sicher gewesen, dass ich in diesem Land studieren will.

Was hat Sie denn so überzeugt?

Zuerst die Häuser. Sie sind in Deutschland total anders als in Vietnam. Wir haben kleine Häuser, sie sind sehr chaotisch. In Aachen sehen die Häuser sehr schön aus und sehr ordentlich. Und dann gefällt mir die Ruhe in Deutschland, die ich in Vietnam nie finden kann. Darüber hinaus gefällt es mir, dass ich die Natur sehen und genießen kann – sogar, wenn ich in der Stadt bin. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber die Natur bei Ihnen sieht sehr frisch aus.

Leider hält die Frische in einem heißen Sommer nicht lange.

Das kenne ich!

In Deutschland leben etwa 100.000 Vietnamesen. Sie haben es oft nicht leicht. Auch andere Migranten werden mitunter angefeindet. Wissen Sie das?

Ich habe davon gehört von meiner Lehrerin in der Schule und von meiner Lehrerin im Abendkurs. Sie sagen: Wenn ich in Deutschland studiere, muss ich rechnen, also damit rechnen. Ich hoffe, ich werde so offen wie möglich sein, damit ich die Deutschen verstehe und sie mich, vielleicht wird die Situation dann besser. Meine Lehrerinnen haben mir Tipps gegeben. Ich muss aktiv sein, wenn ich im Ausland lebe, und so viele Kontakte wie möglich knüpfen. Ich hoffe, dass ich ein paar deutsche Freunde finde, die neugierig auf eine andere Kultur sind. Wenn es Probleme mit Ausländern gibt, dann nicht bei allen Deutschen, denke ich. Ich habe auch Filme gesehen über Vietnamesen, die gut integriert sind in Deutschland. Sie öffnen Läden und schicken ihre Kinder zu Gymnasien.

Werden in Vietnam Ausländer diskriminiert?

Eine Person hat mehr Vorteile, wenn sie weiß ist. Die nicht so weißen Personen haben keine Vorteile, aber auch keine sichtbaren Nachteile wie in manchen anderen Ländern, zum Beispiel in den USA.

Nord- und Südvietnam wurden 1975 wiedervereint. Gibt es noch Konflikte?

Es sind keine Konflikte spürbar, aber große Unterschiede, zum Beispiel im Lebensstandard. Auch die Dialekte sind sehr verschieden. Ich glaube, dass Menschen aus Nordvietnam zurückhaltender sind. Menschen aus dem Süden sind normalerweise freundlicher, man kann sich mühelos mit ihnen befreunden.

Wie leben Sie mit Ihrer Familie, haben Sie Geschwister?

Wir leben in einem kleinen Haus am Rand von Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden von Vietnam. Ich bin ein Einzelkind.

Wo arbeiten Ihre Eltern?

Meine Mutter ist Lehrerin für Japanisch. Mein Vater arbeitet als Verkäufer.

Was verkauft er?

Spielzeug, zum Beispiel Lego.

Haben Ihre Eltern einen Bezug zu Deutschland? Waren sie oder andere Verwandte schon mal hier?

Nein, niemand. Ich kenne außerhalb der Schule und des Abendkurses keine Person, die Deutsch spricht.

Sie beteiligen sich an der weltweit größten Deutsch-Olympiade vom Goethe-Institut. Kennen Sie ein Goethe-Gedicht?

Leider nicht. Die Literatur begeistert mich nicht so.

Was dann?

Das Essen. In Deutschland habe ich Würste probiert, die schmeckten wunderbar. Auch die Festigkeit der Brötchen begeistert mich. In Vietnam haben wir nur einige Typen Brot, alle sind weiß, nicht schwarz.

Kochen Sie selbst?

Nur manchmal, und nur einfache Sachen. Normalerweise kocht meine Mutter für uns. Aber ich schaue gern Videos an, die zeigen, wie man kocht, das ist sehr interessant.

Wie haben Sie sich auf die Olympiade vorbereitet?

Ich habe mich vorbereitet, indem ich viele Nachrichten aus Deutschland anschaute. Ich lese deutsche Zeitungen im Internet. Fast alle schreiben über die Corona-Krise. Die Artikel zum Thema Wirtschaft und Corona finde ich sehr schwierig. Aber es macht mir Spaß. Ich habe die Lehrerin meines Deutsch-Kurses gebeten, dass sie meine Texte korrigiert. Außerdem spreche ich Deutsch mit anderen Schülern in diesem Kurs.

Was finden Sie an der deutschen Sprache besonders schwierig? Die Grammatik?

Die Grammatik fällt mir nicht so schwer. Sie ist sehr logisch und eindeutig. Schwierig sind die zahlreichen Redewendungen und die vielen neuen Wörter. Wenn ich ein deutsches Youtube-Video anschaue, habe ich immer das Handy dabei, damit ich im Wörterbuch nachschauen kann.

Ist die vietnamesische Sprache für Ausländer schwierig?

Die vietnamesische Grammatik ist einfacher, es gibt keine Fälle und keine Zeitformen. Die Sprache ist sehr tolerant. Ein paar Fehler fallen nicht auf. Vietnamesen machen oft Fehler. Da sagt niemand etwas. Das Schwierigste für Ausländer ist die Aussprache. Die Bedeutung eines Wortes ändert sich mit der Tonhöhe. Es ist ganz entscheidend, ob der Ton beim Sprechen steigt oder fällt. Außerdem gibt es in Vietnam viele verschiedene Dialekte.

Wenn Sie in Deutschland einen anderen Dialekt hören, verstehen Sie ihn?

Nicht immer. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich fast nichts verstehe. Das finde ich interessant. Wenn solche Leute mit mir sprechen, klingt es normal. Aber wenn sie miteinander sprechen, klingt es für mich wie eine neue Sprache.

Haben Sie ein deutsches Lieblingswort?

Mein Lieblingswort auf Deutsch ist ein reflexives Verb, das „sich verlieben“ heißt. Ich habe es in einem Satz auf der Rückseite von einem Buch gelesen. Es bedeutet: Ich lasse mich in die Liebe fallen. Aber das Wort klingt nicht nur nach Liebe. Es ist komplizierter. Ich habe das Gefühl, wenn man dieses Wort benutzt, hat man schon nachgedacht und hat sich entschieden, dass man sich in jemanden verliebt. Ich meine: Erst wenn man nachgedacht hat, benutzt man das Wort.

Haben Sie sich schon mal verliebt?

Gerade jetzt! Ich habe nachgedacht und mir erlaubt, mich zu verlieben. Und wissen Sie: Meine Freundin heißt wie meine Mutter. Mein Vater fand es supertoll, dass beide denselben Namen haben.

Das Gespräch führte Karin Großmann.

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