merken
PLUS Görlitz

Wie anfällig ist Waldorf für Verschwörungstheorien?

Der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler war Schüler einer Waldorfschule. Krude Thesen hat er dort nicht erlebt.

Michael Wieler stammt aus Mönchengladbach, studierte in Münster Germanistik, Theaterwissenschaften und Philosophie, bevor er Ende der 90er Jahre als Intendant des Musiktheaters nach Görlitz kam. Seit 2008 ist er Bürgermeister.
Michael Wieler stammt aus Mönchengladbach, studierte in Münster Germanistik, Theaterwissenschaften und Philosophie, bevor er Ende der 90er Jahre als Intendant des Musiktheaters nach Görlitz kam. Seit 2008 ist er Bürgermeister. © André Schulze

Die Corona-Krise hat nicht nur sachliche Diskussionen hervorgebracht, sondern auch viele Verschwörungstheorien. Ist das Waldorfkonzept besonders anfällig? Michael Wieler sagt: Nein – wenn man es konsequent anwendet.  

Herr Wieler, in Görlitz haben wir über einen Waldorflehrer berichtet, der auf seiner Internetseite Ansichten vertritt wie: Die Corona-Krise sei "eine knallharte Inszenierung gewisser Kreise der Pharmaindustrie". Waren Sie überrascht?

Anzeige
Wie leben Familien in Sachsen?
Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

Ja, natürlich. Andererseits war ich nicht in dem Sinne überrascht, dass so etwas überhaupt geschieht. Das ist etwas, das wir in den letzten Jahren immer stärker vor vielen Hintergründen erleben.

Sie haben sehr mit sich gehadert, ob Sie ein Interview zu dem Thema geben. Warum? 

Das hängt damit zusammen, dass ich in meiner beruflichen Funktion als Bürgermeister in der Öffentlichkeit stehe und nur sehr selten eine Privatmeinung in den öffentlichen Raum stelle. Meine Erfahrung ist, dass das eine mit dem anderen einfach grundsätzlich verbunden wird. Arbeitet man an so vielen verschiedenen Anliegen und Themen, gibt es aber zwangsläufig eine gewisse Differenz zwischen beruflichem Handeln und privater Meinung. Ich möchte keinen Anlass geben zu denken: Aha, wenn der diese und jene Auffassung hat, dann leite ich mir diese oder jene Handlungsweise davon ab.

Warum haben Sie sich dennoch für das Gespräch entschieden? 

Weil wir seit einiger Zeit, nicht erst seit Corona, eine sehr aufgeheizte Situation haben, in der wir schauen müssen, wie wir mit Meinungsbildung umgehen. Dabei ist mir wichtig, dass sich nicht jeder getrieben fühlt, seine Meinung kritiklos in einen Pool hineinzugeben, in dem sich dann solche Cluster bilden, wie wir sie aus sozialen Netzwerken kennen und die sich nur noch mit sich selbst beschäftigen.

Sie haben selbst eine Waldorfschule besucht. Waren Sie zeitweise auch an einer staatlichen Schule?

Die Waldorfschule habe ich bis zum Abitur besucht. Aber ich kenne auch staatliche Schulen durch meine berufliche Tätigkeit. Ich habe Lehramt studiert, habe Praktika gemacht an staatlich getragenen Schulen.

Was verbinden Sie mit Ihrer Zeit an der Waldorfschule?

Die Waldorfschule, auf die ich gegangen bin, hat Potenziale bei mir eröffnet, die ich womöglich aus meinem Elternhaus, der Familienbiografie heraus sonst nicht kennengelernt hätte: das kreative Potenzial, das Interesse an Philosophie. Meine Eltern hatten beide kein Abitur, kamen nicht aus einer klassischen Bildungsfamilie. Auf der Waldorfschule habe ich meine eigene Motivation entdeckt, nicht nur einfach Wissen zu verinnerlichen, sondern Dinge verstehen zu wollen, Fragen auf den Grund zu gehen. Das hat mich mein Leben lang getragen. 

Sie sagen, Verschwörungstheorien beobachten Sie derzeit vor vielen Hintergründen. Nun ist der Görlitzer Fall nicht der einzige im Waldorfumfeld. An der Sorsumer Schule und andernorts findet man weitere Beispiele. Gibt es etwas im Waldorfkonzept, das es anfällig macht?

Für mich gar nicht. Was Sie beschreiben, entspricht auch nicht meinen Erfahrungen und geht aus meinem eigenen Erleben in keiner Weise aus der Waldorfpädagogik hervor. Sie geht zurück auf die Lehre von Rudolf Steiner, ein wesentliches Erziehungsziel ist die freie Urteilskraft. Es gibt einen zweiten Aspekt, die disziplinierte Selbstkritik. Und das ist etwas, das uns heute Sorgen machen muss: Wenn Menschen die Selbstkritik vernachlässigen, sondern nur ihrer gefühlten Urteilskraft freien Lauf lassen. Wenn das Zusammenspiel von Meinung und Selbstkritik ins Ungleichgewicht gerät, können krude Aussagen herauskommen. Ungeachtet dessen breche ich eine Lanze für eine kritische Haltung gegenüber staatlichen und nichtstaatlichen Machtstrukturen. Auch das ist in meinen Augen ein Ansatzpunkt der Anthroposophie.

Wie sieht der aus? 

Wir haben heute eine sehr stark organisierte Gesellschaft, zum Beispiel sehr komplexe rechtliche Regelungen in allen Lebensbereichen, die der eine als Gängelung empfindet, mancher als genau richtig. Im Denken von Rudolf Steiner gibt es einen Ansatz, der auf Wilhelm von Humboldt zurückgeht. Der hat damals gesagt: Der Staat soll so minimal wie möglich aufgebaut werden. Er soll für Sicherheit sorgen, einen Rahmen setzen, ansonsten aber sollen die freien Individuen die Gesellschaftsordnung verhandeln. Ich finde es in diesem Sinne gerade in der Corona-Zeit gut und notwendig, dass wir uns mit der Bedeutung und den Grenzen der Selbstbestimmung kritisch und selbstkritisch auseinandersetzen.

Die Frage nach der Rolle des Staates, ist dort nicht auch ein Ansatzpunkt für Verschwörungstheorien? Oder wie kommt man von dem, was Sie erklären, zur Verschwörungstheorie?

Es führt aus meiner Sicht kein Weg von der Anthroposophie zur Verschwörungstheorie. Ich denke, dass bei Verschwörungstheoretikern meistens ein sehr persönliches Problem vorliegt, das nicht bewältigt ist und dazu bewegt, sich solcher Gedankengebäude zu bedienen, um sich im Leben scheinbar zurechtzufinden.

Damit sagen Sie: Einzelfall?

Ich sage definitiv, dass sich Verschwörungstheorien nicht aus dem Denken Rudolf Steiners ableiten lassen. Wenn ich einen Philosophen wie ihn nehme, mit 100 Jahren Rezeptionsgeschichte, gibt es allerdings Wege – und Abwege. Steiner hat zum Beispiel die Soziale Dreigliederung entwickelt, eine Gesellschaftsstruktur, die sehr intensiv rezipiert wurde, wieder auf vielen Wegen und Abwegen. Heute gibt es ein Institut für Soziale Dreigliederung, das sich als Sachwalter der Idee sieht. Auf dessen Website finden sich derzeit die Verschwörungstheorien um Bill Gates – auf vielen, vielen Seiten. Das ist ganz schön suspekt. Jeder kann drauf zugreifen, das verbreiten ...

Um Bill Gates ging es auch in einer Rede, die der Görlitzer Lehrer auf dem Cottbuser Altmarkt gehalten hat.

Etwas Typisches an solchen Verschwörungstheorien ist ja, dass sie immer mit Versatzstücken arbeiten, die für sich genommen sogar plausibel klingen. Aber wie es dann zusammengebraut wird, ist das Problem. Wenn ein Gedankengebäude daraus wird, in dem sich derjenige in Selbstgewissheit verfestigt, dann wird es problematisch. Dann ist es ganz wichtig, dass man Rudolf Steiner überhaupt gelesen hat und seine Ideen zur freien Urteilskraft kennt. Die bedeuten aber nicht: „Bild dir deine Meinung.“ Die mangelnde Selbstkritik, diese permanente Schlagseite von Äußerungen erleben wir hingegen gerade überall.

Die Görlitzer Waldorfschule versucht sich abzugrenzen, auf die Trennung von  Schule und dem Privaten zu verweisen. Wie sehen Sie das? 

Das hat Grenzen. Es ist wie bei mir: Ich kann niemals eine klare Grenze ziehen zwischen mir als Privatmenschen und Herrn Wieler, dem Bürgermeister. Dennoch hat man ein Recht, eine individuelle Meinung zu haben, die nicht deckungsgleich ist mit dem beruflichen Handeln. Dabei gibt es aber klare, professionelle Regeln. Natürlich kann man Meinungen im Unterricht äußern. Aber dazu gehört dann ganz klar, die Möglichkeit der Einordnung zu geben: Welche anderen Meinungen gibt es? Ein Lehrer wird blutleer, wenn er nicht als Persönlichkeit im Raum steht. Aber er muss immer die Disziplin zur Selbstkritik aufbieten. Das ist ein heikles Feld, überall, wo Erziehung stattfindet. Wir geben unsere Kinder in die Verantwortung anderer. Damit muss sehr sorgsam umgegangen werden.

Können Sie die Sorge von Eltern, was in die Schule getragen werden könnte, verstehen?

Unbedingt. Wir sprechen ja hier von der Sorge vor möglichen Übergriffen im Geistigen. Es gehört gerade zu dem von Steiner angeregten Denken, nicht alles hinzunehmen, und zu sagen: Das kann ich so nicht gelten lassen.

Müsste sich auch die Schule zu den Aussagen des Lehrers positionieren? Sie hat sich sehr aufs Formale bezogen. 

Sie meinen, müsste sie darüber hinausgehen? Schwer. Für den konkreten Görlitzer Fall kann ich keine Aussagen treffen. Allgemein: Ich denke, eine Schule ist nicht gut beraten, es sich zur Tradition zu machen, private Meinungen ihrer Lehrkräfte zu kommentieren. Aber ich bin für eine klare Positionierung, wenn bestimmte Aussagen nicht Grundlage der Waldorfpädagogik sind. 

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier. 

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Görlitz