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Investition in alternative Reiniger

Das Leipziger Startup „intelligent fluids“ entwickelt nachhaltige, hochwirksame Reinigungsfluide, die auch Viren entfernen.

© intelligent fluids/PR

Von Sven Heitkamp

Wenn Christian Römlein erklären soll, wie die intelligenten Industrie-Reiniger seines Startups funktionieren, benutzt er gern ein drastisches Bild: „Die Fluide erzeugen mit einer Art Presslufthammer-Effekt ein Mikroerdbeben, wodurch sich Schichten nicht mehr am Untergrund halten können – und physikalisch abgehoben werden.“ Mit diesem Trick, so sagt der Geschäftsführer des Leipziger Biotech-Unternehmens, lassen sich diverse Oberflächen von Flecken und Schmutz, von Lacken und Farben, Ölen, Fetten und Klebstoffen reinigen. Auch das Corona-Virus könne man mit dieser Anwendung von Händen und anderen Oberflächen entfernen und inaktivieren, sagt Römlein. Gerade bereite sein Unternehmen die Fertigung eines rückfettenden Handreinigers vor, der gegen Viren auf der Haut helfe. Das Produkt soll nach Ostern auf dem Markt sein.

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Trotz ihrer Reinigungskraft kommen die „intelligent fluids“ ohne giftige Chemikalien wie aggressive Lösemittel aus, die normalerweise Mensch, Umwelt und Maschinen belasten. Zu den Inhaltsstoffen der smarten, glasklaren Flüssigkeiten gehören neben Wasser vor allem Öle, Tenside und Aktivatoren wie Zucker oder Salze. „Unsere wasserbasierten Produkte schonen die Umwelt, weil die Inhaltsstoffe biologisch abbaubar sind“, sagt der CEO. Für die Rezepturen, die auf die speziellen Anwendungen zugeschnitten werden, gebe es mehr als 60 Milliarden Kombinationsmöglichkeiten. „Wie man daraus stabile Fluide macht, ist Ergebnis unserer langjährigen Erfahrung – und unser Erfolgsgeheimnis“, sagt Römlein, 56, ein studierter Betriebswirt mit langer Erfahrung in Unternehmen mit chemischen Produkten.

„Intelligent fluids“ habe inzwischen 26 Patente vor allem für die Industrie angemeldet. Denn trotz des Trends zur Nachhaltigkeit warte man bei gewerblichen Reinigern bisher vergebens auf wirksame, ökologische Lösungen, weil Verschmutzungen in der Industrie viel hartnäckiger und schwerer zu beseitigen seien als im privaten Haushalt. Die Folge: Bis heute würden laut Römlein weltweit etwa zehn Millionen Tonnen giftige Chemikalien für industrielle Reinigungszwecke benutzt – ein Zustand, dem das Startup den Kampf ansagt. „Wir sind mindestens so gut, wenn nicht besser als chemisch aggressive Mittel“, sagt Römlein.

Aktuell macht das Unternehmen mit 21 Mitarbeitern in Leipzig und an einem Produktionsstandort in Leuna rund eine Million Euro Umsatz. Doch es soll in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Dafür hat „intelligent fluids“ jetzt eine Crowdfunding-Kampagne auf der Dresdner Plattform Seedmatch gestartet. Bislang kamen 580 000 Euro von 408 Investoren zusammen. 1,5 Millionen Euro könnten es bis Ende Mai werden. Und „intelligent fluids“ hat viel vor: Seinen Marktanteil in der Mikroelektronik ausbauen, mit Firmen der Öl- und Gasbranche ins Geschäft kommen, Produktionsstandorte in Taiwan und Südkorea aufbauen. „Wir müssen uns auf großvolumige Produktionen vorbereiten”, sagt Römlein.

Crowdfunding sei dabei zugleich eine gute Chance, sich bei größeren Käuferkreisen bekannter zu machen. Denn im Sommer bringe der Schuhhersteller Bama einen Sneaker-Reiniger aus dem Leipziger Labor heraus. Es ist das erste Produkt, dass nicht für Firmen, sondern direkt für Verbraucher gemacht wird und die aktuelle Produktion der Fluide verdoppeln soll. Gestartet war die Firma um den Gründer Dirk Schumann schon 2006 als „Bubbles & Beyond“. Schumann arbeitete damals noch am Umweltforschungszentrum in Leipzig, er ist heute noch Gesellschafter und Beirat. Anfangs machte er vor allem mit einer effizienten Lösung für Graffiti-Entfernung von sich reden. Später kam Druckwalzenreinigung für die Druck-Industrie hinzu. „Intelligent fluids“ arbeitet eng mit dem Weltmarktführer Heideldruck zusammen. Seit dem Einstieg neuer Vertriebspartner aus Europa und Taiwan als Gesellschafter im Jahr 2017 wird die Internationalisierung vorangetrieben. Und Römlein hat hochfliegende Pläne: Bis 2030 will er den Umsatz auf 300 Millionen Euro steigern – und aus „intelligent fluids“, wie er sagt, einen großen Mittelständler machen.

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