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Investor reißt in Meißen Russenkasernen ab

Bau. Der Eigentümer desMilitärgeländes inBohnitzsch reißt Gebäude für ein Gewerbegebiet ab.

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Von Ulrike Körber

Wo Generationen von Soldaten den Stechschritt übten, wo fast 100 Jahre lang Offiziere über die Höfe brüllten, ist nur noch eine große Steinwüste zu sehen. Das Gelände der alten Kaserne in Meißen-Bohnitzsch fällt Stück für Stück. Bagger und schwere Maschinen machen die Wachtürme, Garagen und Wohnhäuser platt. Bis auf die wenigen grau getünchten Gebäude an der Großenhainer Straße steht auf dem 42 Hektar großen Areal kaum noch etwas. Nach fast zehn Jahren und mehrfachem Besitzerwechsel tut sich auf dem Gelände etwas. Ein Gewerbegebiet soll entstehen. Der Eigentümer will die Flächen selbst vermarkten. „Bis 2003 hieß es noch, dass hier so etwas wie eine Waldsiedlung gebaut werden soll“, erinnert sich die 77-jährige Hildegard Zieger, die gegenüber des Kasernengeländes wohnt. Sie winkt nur ab. „Gegen einen Gewerbepark habe ich eigentlich nichts. Ich frage mich nur, wer heut zu Tage, angesichts der stagnierenden Wirtschaft, den Mut für so etwas aufbringt?“, sagt sie.

Eigentümer bleibt geheim

Hildegard Zieger ist skeptisch, ob aus dem Plan etwas wird. Der Nachbarin ist zu Ohren gekommen, dass der ehemalige Besitzer, der vor fünf Jahren Insolvenz anmelden musste, das Grundstück zurückersteigert hat und jetzt das Gelände ausschlachtet, nur Stahl und anderes Material herausholt. Den Besitzer hat sie bislang nicht gesehen. Die Nachbarn hören nur seit einigen Wochen die Maschinen rumpeln. „Mal sind sie da, dann eine Weile wieder nicht“, sagt so die Nachbarn.

Dass der Eigentümer, der das Gelände 2003 ersteigerte, das Areal jetzt räumt, ist Bauamtschef Steffen Wackwitz neu. „Nach der neuen Bauordnung muss der Investor dafür keinen Antrag bei uns stellen“, sagt er. „Der Besitzer schafft mit den Abbrucharbeiten wahrscheinlich die Voraussetzung für die Vermarktung des Geländes als Gewerbegebiet“, so Wackwitz. „Schließlich lässt sich so ein Gebiet besser anbieten, wenn es leer ist.“

Von Interessenten, die in Bohnitzsch ein Unternehmen aufbauen wollen, weiß Wackwitz jedoch nichts. „Es war einmal eine Firma für Solaranlagen im Gespräch“, sagt er. Mehr bislang nicht. Doch Wackwitz ist überzeugt davon, dass die Idee, ein Gewerbegebiet dort einzurichten, Sinn hat. „Es handelt sich um eine sehr große, zusammenhängende Fläche, die kaum eine Stadt zu bieten hat und deren Bodenbeschaffenheit besser ist als die im Gewerbegebiet Ost.“ Zudem führt die B 101 direkt vorbei, sie ist ein Zubringer zur Autobahn, so der Bauamtschef. Auf lange Sicht sei der Platz ideal. Lange Sicht heißt, das Gelände wird nicht in den nächsten zehn Jahren ausgelastet sein. Den Namen des Eigentümers der großen Fläche behält er für sich. Nicht einmal die Stadträte wissen ihn. Falk Werner Orgus, der Fraktionschef der Christdemokraten, hat nur gehört, dass der Besitzer das Areal in erster Linie für den Aufbau des eigenen Gewerbes braucht. Der Fraktionsvorsitzende der PDS Axel Sauer will der Sache auf den Grund gehen und herausfinden, wer dahinter steckt. „Stehen der neue und der ehemalige Eigentümer in irgendeiner Verbindung, sollte man doch vorsichtig sein“, sagt er. Nur Wolfgang Tücks von der Unabhängigen Liste Meißen (ULM) ist das egal: „Gleichgültig, welcher Person oder Gesellschaft das Gebiet gehört, fest steht: Ein Privater kann auf seinem Gelände tun, was er will.“ Tücks hätte es lieber gesehen, wenn der Stadt das Areal gehören würde. „So aber muss bei Verhandlungen immer ein Dritter befragt werden“, sagt er. Für ihn steht außer Frage, dass ein Gewerbegebiet in Bohnitzsch Erfolg verspricht. „Im benachbarten Ockrilla ist das Gewerbegelände ausgebucht.“

Stadt muss entgegenkommen

Das ist die Theorie. In der Praxis sieht es anders aus. Firmen verlassen Meißen. Auch die Einkaufs- und Liefergenossenschaft des Bauhandwerks (ELG) sieht in der Stadt für sich keine Zukunft. „Die Stadt muss den Unternehmen beim Kauf der Gewerbeflächen mehr entgegenkommt“, sagt der ELG-Geschäftsführer Frank Schenkl. Die ELG, die vor zwei Jahren ein Gebiet in Meißen Ost kaufen wollte, plant jetzt, nach Coswig auszuweichen.