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Bautzen

Ist Ahrens der neue Robert Habeck?

Der Politikwissenschaftler Hendrik Träger sieht in der Bewerbung des Bautzener OB um den SPD-Vorsitz eine Chance – und zieht Parallelen zu den Grünen.

Rauer Wind zaust die Fahnen der SPD. Die älteste deutsche Partei sucht ihre Zukunft und eine neue Führung. Dieser möchte der Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens angehören.
Rauer Wind zaust die Fahnen der SPD. Die älteste deutsche Partei sucht ihre Zukunft und eine neue Führung. Dieser möchte der Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens angehören. © dpa

Bautzen.Simone Lange und Alexander Ahrens wollen SPD-Vorsitzende werden und trotzdem Oberbürgermeister von Flensburg und Bautzen bleiben. Ist das zu schaffen? Über diese und weitere Fragen sprach die SZ mit Politikwissenschaftler Hendrik Träger von der Universität Leipzig. Er hat seine Magisterarbeit über die SPD geschrieben und über die Parteienlandschaft in den ostdeutschen Bundesländern promoviert.

Herr Dr. Träger, haben Politiker aus der Provinz überhaupt eine Chance, Bundesvorsitzender einer Partei zu werden?

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Da stellt sich die Frage, wie man Provinz definiert. Rheinland-Pfalz galt auch als Provinz, als Helmut Kohl 1973 CDU-Vorsitzender und 1982 Bundeskanzler wurde; beide Ämter bekleidete er bis 1998. Jetzt kandidieren zwei Oberbürgermeister, die vor allem innerhalb ihrer Städte bekannt sind. In anderen Regionen Sachsens wird kaum jemand Alexander Ahrens kennen, bundesweit sind es noch weniger. Das ist eine schwierige Situation. Allerdings kann ihre Verankerung in der Provinz den Kandidaten auch zugutekommen.

Warum?

Bisher haben weder Simone Lange noch Alexander Ahrens in einem Gremium der Bundes-SPD gesessen. Das muss kein Manko, sondern kann in der gegenwärtigen Situation sogar ein Vorteil sein. Sie gehören nicht zu den bisherigen Verantwortlichen auf der Bundesebene, sondern kommen aus der Kommunalpolitik. Sie sind auf der lokalen Ebene viel näher bei den Menschen und deren Problemen, als es jemand in einem Büro einer Berliner Parteizentrale sein kann. Natürlich müssten beide deutschlandweit auf Tour gehen, um sich an der SPD-Basis vorzustellen. Genau diese Möglichkeit bietet die SPD mit mehreren Regionalkonferenzen, auf denen sich im September und Oktober alle Kandidaten für das Spitzenamt vorstellen können.

Ahrens ist ja erst 2017 in die SPD eingetreten. Kann jemand nach so kurzer Zeit eine Bundespartei führen?

Durchaus. Es wäre sogar gut, wenn jemand Parteivorsitzender würde, der keine politische Mitverantwortung für den schleichenden Niedergang der SPD trägt. Laut jüngsten Umfragen liegt die Partei noch bei 11,5 bis dreizehn Prozent; die Hiobsbotschaften der Demoskopen kennen offenbar kein Ende. Wenn wir die SPD mit einem Patienten vergleichen, dann liegt sie aktuell auf der Intensivstation und ein neues Ärzteteam mit einer ungewöhnlichen Behandlungsmethode könnte ihre letzte Rettung sein. Die SPD muss sich personell neu aufstellen. Das funktioniert eher mit Leuten, die nicht seit Jahren zum Führungskreis der Partei gehören. Als Andrea Nahles 2018 den Parteivorsitz von Martin Schulz übernahm, wurde das teilweise als personeller Neuanfang deklariert, obwohl sie das nicht war. Lange und Ahrens würden für einen erfolgversprechenden Neuanfang stehen. Es gibt durchaus Vorbilder.

Zum Beispiel?

Ich denke konkret an Annalena Baerbock und Robert Habeck, die beiden Bundesvorsitzenden der Grünen. Sie konnten als vorher weitgehend unbekannte Newcomer an der Parteispitze durchstarten. Beide sind ein Beispiel dafür, dass neue Leute neuen Schwung bringen können.

Lange und Ahrens wollen die SPD führen und gleichzeitig Oberbürgermeister bleiben. Ist dieses Pensum zu schaffen?

Das wäre nicht einfach, aber prinzipiell zu schaffen. Es gibt sowohl in der SPD als auch in der CDU Beispiele für Doppelfunktionen: Kohl, Schröder und Merkel waren Parteivorsitzende und Bundeskanzler. Lafontaine hat als Ministerpräsident des Saarlandes auch die Bundes-SPD geführt. Ein Tandem an der Parteispitze könnte sich die Arbeit teilen. Es müssen doch nicht immer beide Parteivorsitzende im Willy-Brandt-Haus in Berlin sein. Im Gegenteil, sie sollen gar nicht so oft in der Parteizentrale sitzen, sondern müssen raus, an die Basis, mit den Leuten reden, ihnen zuhören. Um die SPD wieder nach oben zu bringen, wird viel Basisarbeit erforderlich sein. Hier sehe ich für das Team Lange/Ahrens eine Chance, weil sie von der lokalen Ebene kommen.

Und die Parteiarbeit erledigt sich so nebenbei?

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