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Ist Blutspenden jetzt wirklich gefährlich?

2.000 Blutkonserven werden in Sachsen täglich gebraucht. Corona aber macht auch den Spendern Angst. Grund genug, sich jetzt mutig zu zeigen - ein Selbstversuch.

Ich gehe jetzt Blut spenden! SZ-Reporterin Jana Ulbrich vor dem DRK-Blutspende-Termin in Neugersdorf.
Ich gehe jetzt Blut spenden! SZ-Reporterin Jana Ulbrich vor dem DRK-Blutspende-Termin in Neugersdorf. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Der Fotograf muss draußen bleiben. Auch bei der Blutspende herrschen jetzt erhöhte  Sicherheitsvorkehrungen. Ich darf rein - aber nicht als Reporterin. Ich werde jetzt gleich Blut spenden - zum ersten Mal in meinem über 50-jährigen Leben. Wird ja auch Zeit!  Schon lange nehme ich mir das vor, Ausreden gibt es ja immer. Aber jetzt ist  Gelegenheit. Jetzt will ich wissen, wie das ist - Blut spenden in Corona-Zeiten.

Gleich im Flur empfängt mich Robert Schulz mit Mundschutz, Handschuhen und dem Infrarot-Fieberthermometer. Seit zwölf Jahren arbeitet er beim DRK-Blutspendedienst in Ostsachsen. Schulz ist heute P1, der Code für "Pandemiestufe 1", der Mann, der für den nötigen Abstand sorgt und dafür, das hier keiner reinkommt, der auch nur im Ansatz Corona-verdächtig sein könnte. Ich muss mir die Hände desinfizieren und versichern, dass ich kein Kratzen im Hals habe und nicht aus einem der Risikogebiete komme, die er mir alle aufzählt. Dass ich kein Fieber habe, sieht er selber.

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Ich darf passieren und zu Monika Schwarzbach vorrücken. Die Rentnerin gehört zu den Ehrenamtlichen vom Löbauer DRK-Kreisverband, die bei jedem Blutspendetermin in der Region unentgeltlich mithelfen, die Tische rücken, Fragebögen austeilen, Apfelschorle ausschenken und vieles mehr. Auch heute im Berufsbildungszentrum in Neugersdorf.  "Sie müssen viel trinken!", rät mir Monika Schwarzbach und drückt mir den Fragebogen in die Hand.

Was die alles wissen wollen!

Jeder Spender muss diese zwei Seiten jedesmal akribisch ausfüllen. Und was die alles wissen wollen: Fragen zum gegenwärtigen Gesundheitszustand, zu Vorerkrankungen, zu Medikamenten, sogar zum Sexualverhalten muss ich mit Ja oder Nein beantworten. Bei der Frage "Waren Sie innerhalb der letzten vier Wochen in Haft?" muss ich lachen.  

"Da hab ich beim ersten Mal auch gelacht", gesteht Sonnhild Hänsel, die am Tisch neben mir Platz genommen hat. Die 60-Jährige ist erst im letzten Jahr zur Blutspenderin geworden. "Am Anfang eigentlich nur, weil ich meine Blutgruppe wissen wollte", erzählt sie. Die Blutgruppenbestimmung ist beim Spenden inklusive. Sonnhild Hänsel ist dabei geblieben. "Man tut doch etwas Gutes", sagt sie. Und dafür sei sie auch noch lange nicht zu alt. Noch mit 63 kann man bei guter Gesundheit zum Erstspender werden, bis 72 darf man spenden.

Die Tische im Raum, in dem die Blutspender warten, bis sie an der Reihe sind, sind weit auseinander gerückt. Normalerweise stellen die Helfer hier immer eine Kaffeetafel auf mit Brötchen, Würstchen und Kartoffelsalat. Aber in Corona-Zeiten fällt das gemütliche Zusammensitzen und Essen aus. Jeder Spender bekommt stattdessen einen Verpflegungsbeutel, den er mit nach Hause nehmen kann.

Strenges Sicherheits-Regime

Mit dem ausgefüllten Fragebogen muss ich zu Jahn Siegert ins "Labor". Mit einem winzigen Pieks holt der DRK-Mitarbeiter einen Tropfen Blut aus meiner Mittelfinger-Spitze. Damit bestimmt er den Hämoglobinwert, jenen Anteil roter Blutkörperchen. Weil der bei mir früher immer zu niedrig war, war ich als Blutspender bisher ausgemustert. "Bei vielen Frauen bessert sich der Wert mit dem Älterwerden", weiß Jahn Siegert und schmunzelt. "Na wenigstens das", entgegne ich.

Draußen stehen die Spendewilligen inzwischen Schlange. Robert Schulz, der P1, achtet akribisch auf den geforderten 1,50-Meter-Abstand zwischen den Leuten und darauf, dass sich immer nur wenige in den Räumen aufhalten. Nach einer Beschwerde beim jüngsten Spendetermin in Zittau hat der Blutspendedienst seine Sicherheitsvorkehrungen nach einem strikten Regime verschärft. Und es wird akribisch darauf geachtet, dass es eingehalten wird. Ich jedenfalls fühle mich sicher.

Und ich darf weiterrücken ins nächste Zimmer zu Robert Albert. Der 34-Jährige hat sein Medizinstudium beendet und arbeitet jetzt als Spenderarzt beim DRK-Blutspendedienst. Auch er lässt sich noch einmal versichern, dass ich nicht zu den Corona-Verdächtigen zähle, hört Herz und Lunge ab, misst Blutdruck.

Dann erst bekomme ich einen Platz auf einer der Liegen im Nebenraum zugewiesen. Pfleger André Wolff kümmert sich um mich, legt die Kanüle - und los geht's. Ich soll die Hand bewegen, die Finger immer wieder zur Faust ballen, dann läuft das Blut schneller, erklärt er mir. Normalerweise, sagt er, bekommen die Spender einen kleinen Ball in die Hand, aber auch der ist jetzt als möglicher Viren-Überträger gestrichen.  

Mitarbeiter schieben jetzt viele Überstunden

André Wolff hat sich auf einen langen Tag eingerichtet. Seit Corona schieben die Mitarbeiter der Blutspende Überstunden. Wegen der höheren Sicherheitsvorkehrungen kommen weniger Blutspender gleichzeitig in die Räume, dadurch zieht sich der gesamte Ablauf in die Länge.

Und es war ein Irrtum von mir zu glauben, die Angst vor einer möglichen Ansteckung würde die Blutspender vom Kommen abhalten. Im Gegenteil. "Wir erleben gerade, dass sehr viele Menschen kommen - auch viele Erstspender", erzählt der Krankenpfleger. "Beim letzten Termin im Löbau waren es über 100." Er vermutet, dass in dieser Situation jetzt gerade  viele helfen wollen. "Für manche ist Blutspenden jetzt vielleicht auch eine willkommene Abwechslung und ein Grund, zu Hause mal rauszukommen", sagt er. 

Die Mitarbeiter vom Blutspendedienst freut die große Spendenbereitschaft. Denn sie wissen, dass das Blut dringend benötigt wird: 2.000 Blutkonserven jeden Tag in Sachsen. Dafür braucht es in Sachsen auch viele Spender. Und vor allem: Es braucht sie regelmäßig und kontinuierlich. Denn Blutkonserven sind nur kurze Zeit haltbar. 

Keine zehn Minuten hat das Blutabnehmen bei mir gedauert. Der Beutel mit dem halben Liter von meinem Blut kommt gut beschriftet zu den anderen in eine Thermobox. Noch am Abend wird es zur Weiterverarbeitung ins Blutspendezentrum nach Dresden gebracht. Und schon in den nächsten Tagen wird es einem Menschen in Sachen beim Lebenretten helfen. Übrigens ausschließlich in Sachsen, versichert mir Jens Scholz, der die Blutspendetermine in der Region leitet.

Die Termine zu organisieren, ist schwieriger geworden. Immer öfter bekommt Scholz  jetzt Absagen von den Spende-Orten. Gerade hat der Bürgermeister von Neusalza-Spremberg abgesagt mit der Begründung, dass er eine Blutspende im Ort jetzt nicht verantworten könne. Jens Scholz muss sich nach einer Ersatzlösung umsehen. Den Termin ausfallen zu lassen, dass wäre für die Blutkonserven-Reserve fatal.

Vor allem die selteneren Blutgruppen werden dringend gebraucht. Im Spende-Barometer auf der Internetseite des DRK-Blutspendedienstes kann man sehen, inwieweit die Reserven in den einzelnen Blutgruppen zur Neige gegangen sind. 

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Ich gehe mit einem guten Gefühl - vorbei an einer langen Schlange Blutspender, die noch geduldig warten, bis sie an der Reihe sind. Es freut mich, dass so viele gekommen sind. 92 werden es an diesem Tag in Neugersdorf sein, darunter nach mir noch vier weitere Erstspender. 

Nächster DRK-Blutspende-Termin ist am kommenden Dienstag in den Räumen der Schkola in Ebersbach. Weitere Termine im Internet.

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