merken
PLUS

Ist der Bauer im Dorf nicht mehr gewollt?

Ein Agrarbetrieb wehrt sich gegen überzogene Kritik aus zunehmend städtisch geprägten Bevölkerungskreisen.

Manfred Engelmann mit einem Kälbchen, selbst er muss lächeln. Doch heute Landwirt zu sein, treibt dem Chef der Agrargenossenschaft immer häufiger Sorgenfalten ins Gesicht. Denn die eigene Landbevölkerung hat immer weniger Einsicht mit den Betrieben im Ort
Manfred Engelmann mit einem Kälbchen, selbst er muss lächeln. Doch heute Landwirt zu sein, treibt dem Chef der Agrargenossenschaft immer häufiger Sorgenfalten ins Gesicht. Denn die eigene Landbevölkerung hat immer weniger Einsicht mit den Betrieben im Ort ©  Anne Hübschmann

Großenhain. Es passierte im August vorigen Jahres am Ortsausgang von Skäßchen. Der Fahrer eines Gülletransporters fuhr zu schnell durch eine Kurve, der Anhänger kippte um und der Behälter lief aus. 20 Kubikmeter der geruchsintensiven tierischen Stoffwechselendprodukte ergossen sich über die Straße. 

„Die Schweinerei zu beseitigen, war eigentlich Aufgabe des brandenburgischen Dienstleisters, der für unseren Betrieb Gülle fährt“, sagt der Geschäftsführer der Skäßchener Agrargenossenschaft Manfred Engelmann. Dennoch trommelte der Betrieb sofort seine Belegschaft zusammen, um die Hinterlassenschaften wegzuräumen. Was sich seine Leute von den Anwohnern alles anhören mussten, so Engelmann, spotte jeder Beschreibung.

Anzeige
Ein Gruß zu Weihnachten
Ein Gruß zu Weihnachten

Überraschen Sie Ihre Lieben zum Fest mit einer individuellen Grußanzeige in Ihrer Sächsischen Zeitung, der Morgenpost und dem Döbelner Anzeiger.

Und das, obwohl sie für den Unfall gar nicht verantwortlich waren. Erst als die Angestellten damit drohten, die Arbeiten einzustellen, hörten die Beschimpfungen auf. Aber die Sache verfolgt den Landwirtschaftsbetrieb bis heute. Bei den Ortschaftsratssitzungen gibt es regelmäßig Klagen, dass immer noch Güllereste am Straßenrand zu finden seien.

Auch, dass die Agrargenossenschaft den Bau eines neuen Güllebehälters plant, ist nicht bei allen wohlgelitten. „Aber wir brauchen zusätzliche Lagerkapazität, damit wir die Gülle nur zu den Zeiten ausbringen können, in denen sie von den Pflanzen auch aufgenommen wird“, erklärt Manfred Engelmann. Eigentlich eine umweltfreundliche Maßnahme, mit der verhindert wird, dass zu viel Nitrat ins Grundwasser gelangt. Aber als Landwirt könne man es heute einfach niemandem mehr recht machen.

Was derzeit in Skäßchen passiert, gehört zu einer Entwicklung, die sich fast überall im ländlichen Raum beobachten lässt. Im benachbarten Stroga verhinderten Einwohnerproteste bisher die Modernisierung der dortigen Schweinemast. Und das, obwohl eine ausgefeilte Luftreinigungsanlage den Gestank aus den Ställen auf ein absolutes Minimum reduzieren soll. 

Im Riesaer Raum gründeten sich Bürgerinitiativen gegen die Rübentransporte zur Zuckerfabrik Brottewitz. Und als die Agrargenossenschaft Dobra den Bau neuer Ställe plante, machten sofort Dresdner Tierschützer im Internet gegen die „Massentierhaltung“ mobil. 

Rinderzucht, so das Argument der Initiative, sollte es am besten überhaupt nicht mehr geben. „Seltsam ist nur, dass der Fleisch- und Milchverbrauch in den vergangenen Jahren kaum zurückgegangen ist“, sagt Manfred Engelmann. Dennoch stünde für viele Leute fest, dass der Bauer der Bösewicht sei.

Dabei wird immer wieder ins Feld geführt, dass die Landwirtschaftsbetriebe ja jede Menge Fördergelder von der Europäischen Union erhielten und deshalb gar kein Interesse am Wohlergehen der Tiere und am Umweltschutz hätten. 

„Was für ein Unsinn“, ärgert sich Engelmann. „Wir subventionieren mit dem Geld quasi die Tierproduktion, die wegen des Preisdrucks in der Lebensmittelbranche keinen Gewinn abwirft.“ Sein Betrieb bekomme derzeit 1,36 Euro fürs Kilo Schweinefleisch – viel zu wenig, um wirtschaftlich damit arbeiten zu können. 

Es sei eine Legende, dass die Masse der Verbraucher bereit sei, im Supermarkt mehr für ihr Schnitzel zu bezahlen. Die Skäßchener betreiben selbst zwei Edeka-Märkte, deshalb wissen sie über die Kaufgewohnheiten der Landbevölkerung bestens Bescheid.

Dennoch hat die Agrargenossenschaft Millionen in die Modernisierung ihrer Ställe investiert. Man müsse sich nur einmal die neue Milchviehanlage ansehen, die sein Betrieb vor einigen Jahren mit Millionenaufwand gebaut habe, sagt Manfred Engelmann. 

Einen Kilometer vom Dorf entfernt und nach den neuesten Standards in Sachen Tierwohl. Zuvor waren bereits die Schweinemastanlagen auf Vordermann gebracht worden, sodass die Sauen bis heute ausnahmslos den höchsten Gesundheitsstatus haben. 

Weiterführende Artikel

In diesem Dorf stinkt es gewaltig

In diesem Dorf stinkt es gewaltig

Ein großer Misthaufen vermiest den Einwohnern eines Dorfes im Kreis Bautzen seit Wochen den Alltag. Der Verursacher versteht die Aufregung nicht.

Prügelknaben der Nation

Prügelknaben der Nation

Ein Kommentar von Manfred Müller über die Situation der Landwirte

„Früher hatte jeder seinen Misthaufen auf dem Hof“

„Früher hatte jeder seinen Misthaufen auf dem Hof“

Nicht nur die Städter monieren den krähenden Hahn. Dörfler leben heute auch fernab der Landwirtschaft. Das hat Folgen.

Was ihn an der öffentlichen Diskussion störe, sei die Tatsache, dass man alle Landwirte über einen Kamm schert, macht Engelmann seinem Herzen Luft. „Wird jemand im Krankenhaus nicht gut behandelt, stellt er doch auch nicht gleich das gesamte Gesundheitswesen infrage.“

>>>> Lesen Sie dazu auch: „Früher hatte jeder seinen Misthaufen auf dem Hof“

Kommentar: Prügelknaben der Nation