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Feuilleton

Ist die Mittelschicht noch zu retten?

Deutschlands Mittelschicht bricht auseinander. Viele ahnen gar nicht, wie sehr das unser Land verändert. Es wird höchste Zeit, dass wir den Wandel gestalten.

Aussicht voller Risse: Die Zukunft der bisherigen Mittelschicht ist alles andere als rosig. © Getty

Von Daniel Goffart

Wir waren immer viele in den 60er-Jahren, in der Klasse, im Betrieb oder im Hörsaal. Wir lernten das Warten, während sich unsere Bewerbungen in Wäschekörben stapelten. Aber das war egal, denn irgendwie hat fast jeder aus der Generation der „Baby-Boomer“ und der späteren Jahrgänge seinen Platz gefunden – in der BRD wie in der DDR. In unseren Schulen herrschte noch Disziplin, die Ausbildung in den Betrieben funktionierte und die Universitäten waren kostenlos. Wir erlernten einen Beruf, waren krankenversichert, konnten wochenlang in Urlaub fahren und die Rente war sicher.

Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, dann sind Sie vermutlich 40 Jahre oder älter, stammen aus der breiten deutschen Mittelschicht und merken seit Längerem, dass Ihnen dieses so erfolgreiche wie vertraute Lebensmodell immer mehr abhandenkommt. Sie hören zwar von den riesigen Chancen der Globalisierung und lesen viel über den Segen der digitalen Zukunft. Aber Sie sehen auch die wachsende Kluft zwischen den kühnen Visionen der Start-up-Philosophen und Ihren eigenen Berufserfahrungen. Sie horchen auf, weil in den Talkshows immer häufiger das Wort „disruption“ geraunt wird. Und Sie vermuten völlig zu Recht, dass Politiker und Wirtschaftsführer uns über das wirkliche Ausmaß dieser angekündigten „Zerstörung“ bewusst im Unklaren lassen.

Eigentlich wollen Sie sich von diesen Debatten nicht verunsichern lassen, denn Ihr Leben ist in den vergangenen Jahren schon anstrengend genug geworden. Mit dem Fall der Mauer kam die Globalisierung und damit die neue Unsicherheit. Im Stillen haben Sie vielleicht auf eine Atempause gehofft, auf ein Innehalten im ewigen Wettlauf des Wandels. Aber die rasanten Veränderungen an Ihrem Arbeitsplatz und der Blick in unsere Nachbarländer belehren Sie eines Besseren. Tief drinnen wissen Sie, dass wir trotz der bisherigen Umbrüche gerade erst am Anfang eines neuen Zeitalters stehen. Und Sie ahnen, dass zwischen Ihrer beginnenden Verunsicherung und der wachsenden Enttäuschung, Angst und Wut vieler Mitbürger ein Zusammenhang bestehen könnte.

Kein Zweifel: Mit Blick auf die Zukunft stellen sich schwerwiegende Fragen. Wenn in der Welt von morgen jedes Teil, jedes Produkt und jeder Mensch miteinander vernetzt sind, was passiert dann mit unserer Arbeit? Was wächst nach, wenn Roboter und Algorithmen ganze Berufe überflüssig machen? Kann unsere auf Maschinen, Anlagen und Autos beruhende Industrie in der digitalen Revolution ihren Spitzenplatz behaupten? Wenn ein Volkswagen künftig nur noch ein großes Handy mit Rädern ist, werden die Deutschen nicht mehr viel daran verdienen.

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