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Ist "Eintopf" noch ein Nazi-Wort?

Ein lesenswertes Buch schildert die Geschichte der Erforscher des NS-Jargons und wo dieser bis heute lebendig ist.

© Steffen Scholz

Von Michael Bittner

Als im Jahr 1947 die 13. Auflage des Dudens erschien, musste jeder zwanzigste Eintrag aus dem Rechtschreibwörterbuch gestrichen werden – so stark war die vorherige Ausgabe von 1941 mit nationalsozialistischem Vokabular verseucht worden. Die Diktatur hatte auch die Sprache in Deutschland unterworfen. Unliebsame Autorinnen und Autoren hatte man aus Deutschland vertrieben oder zum Schweigen gebracht, ihre Bücher aus Bibliotheken ausgesondert und verbrannt. Die Zeitungen und Zeitschriften wurden von regimetreuen „Schriftleitern“ verantwortet, das „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ unter Joseph Goebbels gab der „gleichgeschalteten“ Presse täglich Anweisungen zur Berichterstattung und befehligte auch Rundfunk und Film. Der allgegenwärtigen Propaganda konnten sich selbst die Menschen nicht entziehen, die dem Regime ablehnend gegenüberstanden.

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Unmittelbar nach der Kapitulation begann in Deutschland die kritische Analyse der nationalsozialistischen Sprachpolitik: im Westen mit Beiträgen der Zeitschrift Die Wandlung von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind, die später in dem Buch „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ gesammelt erschienen; in der Ostzone mit dem noch heute unverzichtbaren „Notizbuch eines Philologen“ des Dresdner Romanisten Victor Klemperer mit dem Titel „LTI“ (Lingua Tertii Imperii, das heißt: Sprache des Dritten Reiches). Klemperer hatte schon in seinen Tagebüchern während seiner Leidenszeit als verfolgter Jude zwischen 1933 und 1945 den Sprachgebrauch seiner Feinde, aber auch den der restlichen Bevölkerung genau dokumentiert und analysiert.

In der Einleitung zu seinem Buch „Verbrannte Wörter“ schildert der Publizist Matthias Heine die Geschichte der Erforscher des Nazijargons und fasst ihre wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Wodurch zeichnete die Sprache des Dritten Reiches sich aus? Einstmals verpönte Wörter wurden von den Machthabern im Sinne der neuen Ideologie ins Positive umgewertet, so etwa „fanatisch“ und „Propaganda“. Militärische Sprache zeichnete das Leben als ewigen Kampf ums Dasein, Metaphern aus Technik und Biologie sorgten für die Entmenschlichung des Individuums. Übertreibung und Wiederholung klopften noch trägste oder unwilligste Geister weich.

Aber der NS-Staat entwickelte auch ein ganz eigenes Vokabular. 87 Wörter hat Heine als Beispiele ausgewählt. Er schildert nicht nur ihre Geschichte, sondern stellt auch die Frage, ob und wie sie heute noch zu gebrauchen sind. Doch will er niemanden knebeln: „Es geht nicht darum, eine Fahndungsliste für irgendeine Sprachpolizei zu erstellen.“ Vielmehr soll „das Wissen um die Geschichte von Wörtern“ Menschen dazu fähig machen, zu einer „angemessenen Ausdrucksweise“ zu kommen. Nicht um bildungsbürgerliche Besserwisserei geht es ihm oder um agitatorische Denunziation, sondern um Aufklärung. Zum Gebrauch jedes Wortes gibt er keine Vorschrift, sondern einen Ratschlag.

Die Frage, ob Wörter durch ihre Verwendung zwischen 1933 und 1945 für immer verloren sind oder gerettet werden können, beantwortet Heine richtigerweise nicht im Allgemeinen. Denn es kommt auf den Einzelfall an. Obwohl das Wort „Eintopf“ erst im Nationalsozialismus gebräuchlich wurde und auch ziemlich unappetitlich nach kulinarischer Gleichschaltung schmeckt, wird wohl niemand seine Verbannung fordern. Anders steht es um Wörter, in denen sich die Ideologie der Nationalsozialisten verkörpert hat, selbst wenn sie nicht erst von ihnen erfunden worden sind, wie beispielsweise „Volksverräter“, „Rassenschande“ oder „Systempresse“. Wer sie ungebrochen einsetzt, beweist Gedankenlosigkeit oder faschistische Gesinnung. Dies gilt auch für das Wort „Entartung“, das zwar schon vor dem Dritten Reich eine jahrhundertelange Geschichte im Kulturpessimismus und im biologistischen Denken hatte, nie aber irgendeinen vernünftigen Sinn.

Das ursprünglich unschuldige Wort „Euthanasie“ kann heute nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet werden, zu sehr ist es belastet durch seinen Einsatz zur Verschleierung eines nationalsozialistischen Massenmordes. Eine bemerkenswerte Konjunktur haben derweil Ausdrücke wie „Gleichschaltung“ oder „Umvolkung“, mit denen Rechtsradikale sich heute zu Opfern eben solcher Verbrechen stilisieren, wie sie tatsächlich ihre historischen Vorgänger begangen haben – ganz nach der alten faschistischen Methode, dem Feind immer das Verbrechen vorzuwerfen, das man selbst plant.

Nicht allen Einschätzungen Heines muss man sich anschließen, gut begründet sind die Urteile aber immer. Besonderes Lob verdient der Autor schließlich für etwas, das leider bei Sachbüchern nicht selbstverständlich ist: In einem kommentierten Literaturverzeichnis legt Heine seine Quellen offen und weist dem Leser den Weg zu den grundlegenden wissenschaftlichen Arbeiten zur Sprache des Nationalsozialismus. Auch deshalb ist der Band für alle, die lernen wollen, wie Sprache zum Werkzeug der Gewalt wurde und noch immer werden kann, ein hervorragender Einstieg.

Matthias Heine: Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht. Duden-Verlag, 224 S., 18 Euro

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