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Ist Roßwein auf dem Weg zur Berufsfeuerwehr?

Im Gemeindegebiet gibt es tagsüber zu wenig Retter. Wohin das führen könnte, skizziert Wehrleiter Wolfram Schirmer.

Von Heike Stumpf

Dass es zu Personal-Engpässen bei der Feuerwehr kommen könnte, das ist nichts Neues. Seit vielen Jahren schon klagen die Wehrleiter landauf, landab darüber, dass die ehrenamtlichen Helfer gehandicapt sind. Durch Schicht- und Auswärtstätigkeit fehlen manchmal die Leute, auf die es ankommt: Kraftfahrer, ohne die kein Fahrzeug ausrücken kann, Atemschutzgeräteträger, ohne die der Rest der Truppe hilflos vor einem brennenden Haus stehen würde. Inzwischen kommen noch die Auswirkungen der demografischen Entwicklung hinzu. Waren im Landkreis Mittelsachsen im Jahr 2010 noch 1 576 Feuerwehrleute für das Gemeinwohl auf Achse, ist die Zahl im vergangenen Jahr auf 1 327 Feuerwehrfrauen und -männer geschrumpft. „In Roßwein stehen wir diesem Trend nicht entgegen“, schätzt Gemeindewehrleiter Wolfram Schirmer ein. In vier oder fünf Jahren rechnet er mit noch spürbareren Auswirkungen.

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Von denjenigen, die aus den Reihen der Jugendwehr in die aktiven Abteilungen stoßen können, gibt es nur in Gleisberg sechs Anwärter. Gleisberg hat mit 18 Kindern und Jugendlichen auch die meisten Mitglieder einer Jugendwehr. Elf junge Leute lernen in der Roßweiner Jugendwehr, aus Niederstriegis kommen sechs und aus Haßlau fünf Nachwuchsfeuerwehrleute.

Noch schlechter sieht es für den Altersbereich 18 bis 27 Jahre aus. Mit 13 Leuten in diesem Alter hat wiederum Gleisberg den höchsten Anteil junger Kameraden. Sieben gibt es noch in Roßwein, die übrigen Abteilungen haben nur ein bis kein Mitglied in diesem Alter vorzuweisen. Ein bis 13 Feuerwehrleute sind in den einzelnen Ortswehren zwischen 27 und 50 Jahre alt. Die Gruppe der bis 63-Jährigen ist 44 Mann stark.

Schlecht hören sich diese Zahlen eigentlich nicht an. Trotzdem können mit diesen vielen Leuten in Roßwein und Gleisberg tagsüber häufig nur zwei Fahrzeuge besetzt werden: Das Löschfahrzeug mit einer Gruppe aus neun Leuten und ein zweites Auto mit einer Staffel. Das sind sechs Einsatzkräfte.

13 Minuten nach dem Alarm müssen die Retter an der Unglücksstelle sein

Nach den gültigen Richtlinien müssen die Helfer vier bis fünf Minuten nach der Alarmierung ausrücken können, vier Minuten später dann am Einsatzort sein, damit nach spätestens 13 Minuten mit der Lebensrettung begonnen werden kann. „Das haben wir mehrfach getestet und erfüllen diese Forderung im größten Teil unseres Gemeindegebietes“, sagt Wolfram Schirmer. Am Wochenende kann er noch mit den Kräften aus Niederstiegis rechnen. So haben er und seine Helfer die Einsatzpläne geschrieben. Dass auch die entlegendsten Ecken in den Ortsteilen in der gesetzten Zeitvorgabe erreicht werden können, bezweifelt der Chef der Roßweiner Feuerwehren. Trösten könnte ihn vielleicht, dass diese Orientierungszeiten wohl von kaum einer Freiwilligen Feuerwehr außerhalb eines konzentrierten Stadtzentrums zu schaffen sind. Steht immer weniger Personal zur Verfügung, dürfte es in Zukunft immer schwerer werden, Forderungen und Richtlinien zu erfüllen.

Nach der Ausbildung an Wochenenden bleibt nicht mal die Hälfte dabei

Schirmers Appell richtet sich auch an die Stadträte. Er wünscht sich, dass die Feuerwehrleute mehr geschätzt werden für den Einsatz und die Strapazen, die viele auf sich nehmen. Und Schirmer regt an, darüber nachzudenken, wie die Kommune dazu beitragen kann, Nachwuchs für die Feuerwehr zu gewinnen und die Leute in der Hilfsorganisation zu halten.

Der Weg in die aktive Abteilung der Feuerwehr ist bei Weitem nicht solch ein Vergnügen, wie man meinen könnte, wenn man die Männer nach bewältigtem Dienst ein Bier trinken sieht. Selbst Jugendliche, die die Ausbildung in der Jugendfeuerwehr durchlaufen haben, müssen an acht Wochenenden hintereinander von 8 bis 16 Uhr die Schulbank drücken. Dem folgt an zwei Wochenenden die Ausbildung zum Sprechfunker. Drei weitere Wochenenden braucht es, um die Gruppe der Atemschutzgeräteträger verstärken zu können. Schirmer selbst zollt allen Respekt, die diesen Schulungsmarathon in ihrer Freizeit auf sich nehmen. Planungssicherheit gibt das den Wehrleitungen nicht. „Nicht mal 50 Prozent der Jugendlichen, die die Ausbildung durchlaufen haben, bleiben bei der Feuerwehr“, so die Erfahrung bei der Roßweiner Feuerwehr. Dem Gemeindewehrleiter zufolge gehen viele junge Erwachsene wegen der Ausbildung und beruflicher Perspektiven weg.

Außer der Feuerwehrkarte (DA berichtete gestern) hält Wolfram Schirmer noch andere Förderungen für wichtig, um nicht eines Tages vor akuten Problemen zu stehen. Ein Beispiel dafür: Die Kommune sollte überlegen, inwieweit sie künftige Maschinisten unterstützt, wenn sie den Führerschein für Lastwagen machen. Schirmer spricht von Kosten zwischen 1 700 und 2 500 Euro. „So etwas zu fördern, würde uns vielleicht nicht sofort Zulauf bringen, aber für manche eine Entscheidungshilfe sein, zu bleiben. Schon das hilft uns“, sagt der Gemeindewehrleiter.

Ehrenamtliche ersparen der Kommune jedes Jahr Kosten von 75 000 Euro

Sinkt die Zahl der ehrenamtlichen Helfer weiter und kann die Einsatzbereitschaft nicht mehr gewährleistet werden, muss die Kommune eine Berufsfeuerwehr einrichten, weil Brandschutz eine ihrer Pflichtaufgaben ist. Die Kosten dafür hat Wolfram Schirmer anhand der geleisteten Stunden überschlagen. Nach seiner Rechnung kostete eine Berufsfeuerwehr eine Stadt wie Roßwein mindestens 75 000 Euro im Jahr. „Von einem Mindestlohn reden wir da noch nicht einmal“, so Schirmer.

Die 131 aktiven Feuerwehrleute der Wehr Roßwein haben im vergangenen Jahr 8 390 Stunden bei Aus- und Weiterbildungen sowie bei Einsätzen zugebracht. Unberücksichtigt blieben die Stunden, in denen die Männer und Frauen Fahrzeuge und Gerätehäuser pflegten.