Merken
PLUS Plus

„Ist Uta Knebel die bessere Gerti Töpfer?“

Zwölf Haltestellen, zweieinhalb Kilometer, elf Fragen: der langjährige Stadtrat Joachim Fröhlich im Stadtbahngespräch.

Von Britta Veltzke

Einsteigen, losfahren, antworten: Regelmäßig lotst die SZ einen Gesprächspartner in die Stadtbahn. Und zwischen Riesenhügel und Rathausplatz gibt es keine Ausreden. Auf zweieinhalb Kilometern mit zwölf Haltestellen haben die Interviewpartner Zeit, die kritischen Fragen zu beantworten. Diesmal löste Joachim Fröhlich (Die Linke) die Fahrkarte. Er ist der Einzige, der seit der Wende durchgängig im Stadtrat saß. Nun scheidet er aus und schaut zurück auf 24 Jahre Riesaer Debatten.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Joachim Fröhlich beantwortet die Fragen von SZ-Redakteurin Britta Veltzke (kleines Bild) zu 24 Jahren Stadtratsgeschichte. Foto: Eddy Schröter
Joachim Fröhlich beantwortet die Fragen von SZ-Redakteurin Britta Veltzke (kleines Bild) zu 24 Jahren Stadtratsgeschichte. Foto: Eddy Schröter

Herr Fröhlich, und jetzt? Füße hoch?

Nein. Zuhause ist über die Jahre eine Menge Papierkram liegengeblieben – und einige dicke Bücher

Haben Sie genug vom Stadtrat?

Der Nachwuchs soll jetzt antreten. Ich habe früher schon bemängelt, dass die Alten nicht den Mut haben, zu gehen. Damals waren das etwa Erich Honecker und Erich Mielke – alte Knochen in der DDR.

Sie blicken auf 24 Jahre Stadtratsgeschichte zurück. Was waren die besten Entscheidungen?

Es gab viele gute und wenig schlechte. Sonst stünde die Stadt heute nicht dort, wo sie steht. Nach der Wende haben wir den ersten Supermarkt in die Stadt geholt. Bis dahin mussten die Riesaer für einen größeren Einkauf nach Oschatz oder Elsterwerda fahren. Dann genehmigten wir im Rat den Markt an der Stelle des heutigen Real in Weida. Gut war sicher auch, dass wir den schiefen Turm von Riesa verhindert haben. In dem Gebäude aus Glas und Stahl am Poppitzer Platz sollte die Bibliothek unterkommen. Die Baukosten wollte ein Investor tragen, aber Folgekosten wären unbezahlbar gewesen.

Und die schlechten Beschlüsse?

Nach Olympia 1996 in Atlanta wollte Wolfram Köhler für die Delle den gleichen Boden, wie er in einem der Leichtathletik-Stadien bei den Spielen lag. Dort war ein Rekord nach dem anderen gefallen. Das Problem an diesem Super-Boden war, dass er rund 600 000 DM teurer war als herkömmlicher Belag. Der Rat stimmte schließlich zu. Heute trainieren gerade mal die Athleten vom SC darauf. Die schlechten Entscheidungen vergisst man leichter als die guten, außer natürlich die Zinswetten. Der Stadtrat hat die Zockerei zu lang geduldet.

Wie haben sich die Diskussionen über die Jahre hinweg im Rat verändert?

Die ersten Jahre waren für uns als PDS nicht leicht. Da fielen schlimme Beschimpfungen. Das hat sich aber schnell normalisiert. Wir haben früher mehr diskutiert und weniger polemisiert. Es ging öfter um die Sache. Nach der Wende etwa sollte schnell alles weg, was an die DDR erinnerte. Auch die Namen Karl-Marx-Ring, Friedrich-Engels-Straße oder Alexander-Puschkin-Platz. Aber was konnten die Denker dafür, was in der DDR alles falsch gelaufen war? Da haben wir eine Umfrage unter den Bewohnern gestartet und im Rat präsentiert. Fast alle Befragten waren gegen die Umbenennung und die Namen blieben. Manchmal gingen die Ratssitzungen bis Mitternacht und sogar noch am nächsten Tag weiter.

Sie waren vor der Wende in der SED. Bereuen Sie das?

Ich glaube an den Sozialismus, bis heute. Dafür bin ich vor 1989 angetreten, was jedoch nicht bedeutet, dass ich alles richtig gefunden habe, was in der DDR passiert ist.

Die Linke hat sich bei dieser Wahl leicht verbessert. Sind sie zufrieden?

Ja und nein. Wir haben unsere Fraktionsstärke gehalten. Die niedrige Wahlbeteiligung aber deprimiert mich. Nicht mal jeder Zweite scheint sich für das, was in seiner Stadt vorgeht, zu interessieren. Ich hätte auch damit gerechnet, dass die Wähler die CDU wegen der Derivate abstrafen.

Bald wählt Riesa einen neuen Oberbürgermeister. Ist Uta Knebel die bessere Gerti Töpfer?

Was die Finanzen angeht, hat Frau Knebel sicher den besseren Durchblick, sie hat nicht umsonst Ökonomie studiert. Ich will aber auch nicht verschweigen, dass sie noch besser lernen sollte, zuzuhören, um dann erst ihre Schlüsse zu ziehen.

Sie haben früher bei der WGR gearbeitet. Es sind bereits viele Platten abgerissen worden. Und es gibt noch immer Leerstand. Müssen noch mehr weg?

Ich sitze noch im Aufsichtsrat und verfolge die Pläne sehr genau. In Weida wird noch ein großer Block abgerissen werden und in der Innenstadt am Karl-Marx-Ring sollen Gebäude zurückgebaut werden, ähnlich wie bei den Häusern an der Klötzerstraße.

Die Linken-Fraktionschefin kritisiert, dass durch Abriss günstiger Wohnraum in Riesa knapp wird.

Es gibt überall in Riesa immer noch genug Wohnungen zu vernünftigen Preisen, auch im Zentrum.

Werden Sie den Stadtrat vermissen?

Ich denke schon. Ich werde mich aber auch nicht völlig von allem abnabeln. Ich komme sicher mal als Zuschauer in den Stadtrat und stelle ein paar kritische Fragen.