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Ist der Wassersport auf der Elbe gefährdet?

Zu dieser dramatischen Schlussfolgerung kommt eine Vereinigung aus Wassersportverbänden. Dabei geht es eigentlich um ein spannendes Projekt.

Kann Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher weiter wie bisher auf der Elbe trainieren? In den nächsten zehn Jahren sollte das noch kein Thema sein.
Kann Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher weiter wie bisher auf der Elbe trainieren? In den nächsten zehn Jahren sollte das noch kein Thema sein. © photoarena

Dresden. Die Frage ist provokant gewählt und verheißt eine gewisse Dramatik: „Ist der Elbewassersport gefährdet?“, titelt eine Vereinigung einiger Wassersportfachverbände im Betreff einer per Mail versendeten Pressemitteilung. Das Schreiben bezieht sich auf einen an sich vorteilhaft gedachten Plan: das Gesamtkonzept Elbe. Dieses Konstrukt haben zwischen 2010 und 2017 Vertreter von Umwelt-, Schifffahrts-, Wirtschafts- und Kommunalverbänden erarbeitet. 2017 wurde das Projekt im Bundestag verabschiedet.

Die Bundesministerien für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sowie Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit haben zu diesem Vorhaben eine 242-seitige Broschüre zusammengestellt. Im Kern geht es darum, die Elbe auf 607,5 Kilometern zwischen tschechisch-deutscher Grenze bis Geesthacht in puncto Wasserwirtschaft, Naturschutz, Stromregelung und Verkehr fit zu machen für die Zukunft. Laut der Broschüre ist das Projekt auf einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren angelegt.

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Allerdings wurden bei der Planung alle Wassersportler außen vor gelassen. Deshalb haben sich 18 deutsche Sportverbände, darunter der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), Kanu- und Ruderverband zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. „Eine Begründung, weshalb unsere Interessenvertretung nicht berücksichtigt wurde, haben wir nie erhalten“, sagt Jens Tusche. Der Dresdner ist einer der Sprecher der Initiative. „Ab einem gewissen Zeitpunkt wollten diverse Nutzer den Kreis der involvierten Interessenverbände nicht mehr öffnen.“ Verbände vom Umweltschutz, aus Wirtschaft und Tourismus und ein Kirchenvertreter sitzen beispielsweise in dem Begleitausschuss. Für die Wassersportler ist die Tür zu diesem Gremium seit 2019 verriegelt. Auch Anglerverbände oder Schwimmer sind nicht involviert. Dabei hätten die Athleten und Sportfunktionäre nur allzu gern ebenfalls ihre Ideen und Wünsche eingebracht.

Jens Tusche ist einer der Sprecher des Wassersport-Verbundes, der sich beim Projekt Gesamtkonzept Elbe mehr Mitspracherecht wünscht.
Jens Tusche ist einer der Sprecher des Wassersport-Verbundes, der sich beim Projekt Gesamtkonzept Elbe mehr Mitspracherecht wünscht. © Jürgen Lösel

Dass dies nun zumindest auf hochoffiziellen Wegen nicht möglich ist, lässt bei Tusche und seinen Mitstreitern Befürchtungen aufkeimen. „Wir können uns nicht vorbereiten auf die Themen, die irgendwann mal auf uns zukommen“, sagt der Funktionär vom Segelclub Dresden-Wachwitz. Allerdings habe das BMVI zugesagt, dass die Sorgen und Ängste der Sportler angehört werden. „Die Frage ist aber, wie das stattfinden soll. Angehört werden in einem Genehmigungsverfahren nur Träger öffentlicher Belange. Das sind wir Wassersportverbände nicht. Das macht das Ganze für uns schwer fassbar. Wir befürchten, dass wir in diesem Verfahren hinten runterfallen.“ Allerdings ist derzeit noch unklar, ob das Gesamtkonzept Elbe Einschnitte für den Wassersport auf dem Fluss nach sich zieht – und falls ja, wie die aussehen.

Der Kampf um die Anlegestellen

Derzeit wird an zwei Pilotprojekten gearbeitet – in Niedersachsen und im sachsen-anhaltinischen Klöden. Dort werden beispielsweise gerade Schritte erforscht, um der natürlichen Erosion entgegenzuwirken. „Das ist noch weit weg von uns. Aber wir befürchten, dass dort Maßnahmen ergriffen werden, die dann auch auf uns zukommen“, sagt Tusche. Seine konkreten Sorgen betreffen vor allem Nachtfahrverbote, Richtungsfahrgebote oder Ampelverkehr. Auf dem sächsischen Abschnitt der Elbe gäbe es derzeit nur kleinere Baumaßnahmen an sogenannten Deckwerken. Das sind äußere Schutzschichten für Böschungen und sonstige Uferbauwerke. Mit Argusaugen verfolgt die Vereinigung der Wassersportler eine Entwicklung in Sachsen-Anhalt. Im Biosphärenreservat Mittelelbe wurden den Wassersportlern zum Beispiel Anlandungsmöglichkeiten zugewiesen, „wo sowieso schon Fährverbindungen oder Anlegemöglichkeiten waren“, sagt Tusche und betont: „Unabhängig davon, ob sie sich für uns Wassersportler eignen oder nicht. Das sind unsaubere Lösungen, die uns nicht gefallen, wo wir versuchen, Einfluss zu nehmen“, stellt Tusche klar. Anlandungsmöglichkeiten sind wichtig für Kraft- und Atempausen, aber auch für die Notdurft. „Bei Kanuten oder Ruderern sollte es alle fünf Kilometer so eine Möglichkeit geben“, erklärt der engagierte Streiter, der hauptberuflich als Bauingenieur arbeitet.

Derzeit darf man im Bereich der sächsischen Elbe überall anlanden. Das muss aber angesichts der Pilotprojekte des Gesamtkonzeptes Elbe nicht so bleiben. Die Wassersportler drängen daher auf mehr Mitspracherecht. 18 Forderungen haben sie deshalb formuliert. Unter anderem wollen die Wassersportler alle bisherigen Anlegemöglichkeiten von Vereinen, Kommunen und kommerziellen Anbietern erhalten und entwickeln. Eine weitere Forderung ist, dass die Elbe für die Sportschifffahrt schiffbar bleiben soll. „Das sind die Punkte, die uns am wichtigsten sind. Die sind vom Gesamtkonzept Elbe unterschiedlich bedroht“, sagt der 53-Jährige. Nur laufen diese Wünsche derzeit unterhalb des offiziellen Radars – einerseits, weil konkrete Einschnitte noch Zukunftsmusik sind, wenn es sie überhaupt geben wird, andererseits, weil der Wassersport zumindest im Gesamtkonzept Elbe keine Lobbyarbeit verrichten kann.

Der Schutz des Flusses geht alle an

Eine entsprechende Anfrage des Wassersportverbundes aus dem Jahr 2019 an das BMVI, wie denn eine Informationsbeteiligung des Sports aussehen könne, ließ das Ministerium bis heute unbeantwortet. Dabei hatte der Interessenverbund seine Anfrage sogar über den Umweltreferenten des DOSB geschaltet. „Dass wir bisher keine Antwort bekamen, ist natürlich sehr enttäuschend. Aber wir lassen nicht locker“, verspricht Tusche und bringt einen eigenen Vorschlag ins Spiel. „Wir wollen eine Kontaktperson für den gesamten Sportbereich Elbe gegenüber den Behörden benennen und darum bitten, dass diese Person einbezogen wird. Mehr als bitten können wir nicht.“

Mehr Mitsprache würde auch Ängste mindern. „Wer rechtzeitig beteiligt wird, kann sich auch rechtzeitig einbringen. Momentan ist es so, dass wir versuchen, Informationen über Umweltverbände oder die Binnenschifffahrt abzufassen“, verrät Tusche. Den Untergang des Wassersports auf der Elbe befürchtet niemand ernsthaft, aber schmerzhafte Einschnitte. Um die so minimal wie möglich zu halten, fordern die Wassersportler mehr Mitspracherecht und beziehen sich dabei auf ein konkretes Beispiel: „Im Bereich der Lahn gibt es ein ähnliches Projekt. Dort werden alle Wassersportfachverbände an dem Prozess beteiligt. Deswegen verstehen wir nicht, dass wir bei der Elbe so ausgeklammert werden. Der Schutz der Elbe“, sagt Tusche, „geht schließlich alle an.“

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