merken
PLUS

Leben und Stil

Ist Wild der Ausweg aus der Fleischfalle?

Heimisches Reh und Hirsch haben klare ökologische Vorteile. Trotzdem kommen sie selten auf den Tisch. Warum?

Jede Menge Wild aus der Heimat: Dieser Rehbock wurde im Tharandter Wald geschossen und landet auf kurzem Weg als Wildbret in der Pfanne.
Jede Menge Wild aus der Heimat: Dieser Rehbock wurde im Tharandter Wald geschossen und landet auf kurzem Weg als Wildbret in der Pfanne. © Steffen Klameth

Von Hannes Koch

In Zeiten der verschärften Klimadiskussion ist auch der Fleischkonsum umkämpftes Terrain. Kein Wunder, dass manche Zeitgenossen nach Auswegen suchen, die Nachhaltigkeit versprechen, ohne die persönlichen Konsummuster komplett über den Haufen zu werfen. Ist es daher ein tragfähiges Modell, Fleisch durch Fleisch zu ersetzen – Huhn, Schwein und Rind durch Hase, Wildschwein und Reh?

Großes Glück kann so klein sein
Großes Glück kann so klein sein

Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

Das Angebot von Wild in den Geschäften ist heute meist gering. In den Discountern und Supermärkten dominiert Fleisch aus konventioneller Massentierhaltung. Gleiches gilt für das Segment der kleineren Fachbetriebe und Metzgereien, wobei der Anteil biologischer und nachhaltiger Erzeugung allmählich zunimmt. Auch in mancher Markthalle findet sich neben drei normalen Schlachtern vielleicht einer, der sich auf Wild spezialisiert.

Eigentlich erstaunlich. Angesichts der lauter werdenden Debatte über politisch und moralisch akzeptable Lebensstile könnte der Verzehr von Wildfleisch doch vielleicht einen Ausweg bieten. Wer Reh und Hirsch brät, muss sich schließlich nicht dafür rechtfertigen, dass der Regenwald im Amazonas für Soja-Kraftfutter-Plantagen abgeholzt wird, die Gülle aus hiesigen Mastställen das Grundwasser schädigt und Abgase die Erdatmosphäre aufheizen. Zudem ist Wildbret ein hochwertiges Nahrungsmittel. „Von Natur aus mager, eiweiß-, vitamin- und mineralstoffreich, cholesterin- und kalorienarm, leicht verdaulich und ideal als Diätkost geeignet“, wirbt der Staatsbetrieb Sachsenforst.

Jedes 10. Wildtier ist aus Gattern

„Grundsätzlich kann es sinnvoll sein, einen Teil des Fleischkonsums durch Wild zu ersetzen“, sagt Katrin Wenz vom Umweltverband BUND. Maximilian Hofmeier vom Umweltbundesamt sieht es ähnlich: „Die Annahme, dass der ökologische Fußabdruck beim Konsum von Wildfleisch geringer ist als beim Verzehr aus konventioneller Haltung und Produktion, erscheint plausibel.“ Wissenschaftliche Studien dazu lägen allerdings nicht vor, schränkt er ein.

Max Weichenrieder betreibt in Bayern ein Gehege für Sikawild, eine Hirschart. Ein männliches Tier sowie 14 Hirschkühe und Junge leben auf zwei Hektar eingezäunten Geländes. In der Regel würden sie sich vom Gras ernähren, das auf dem Grundstück wächst, so Weichenrieder. Medizinische Behandlung sei kaum nötig.

Schätzungsweise zehn Prozent des in Deutschland erlegten Wilds wächst in Gattern auf. „Der größte Teil des hierzulande produzierten Wildfleisches jedoch stammt aus der Jagd“, erklärt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. Laut dessen Statistik betrug das „Wildbretaufkommen“ in der Saison 2017/2018 rund 36.000 Tonnen Fleisch mit Knochen. 

Die meisten Hirsche, Rehe und Wildschweine, die hierzulande verzehrt werden, kommen also aus überwiegend natürlicher Umgebung. Sie leben im Wald und auf den Feldern, ernähren sich von dem, was sie finden – und das nicht schlecht. Ihre Bestände entwickeln sich so gut, dass sie geschossen werden müssen, sonst nähmen sie überhand. Nicht nur aus ökologischer, auch aus ethischer Sicht kann man Wildfleisch deshalb als gute Alternative zu industriell produzierten Hühnern und Schweinen betrachten.

Preis spielt eine Rolle

Zum deutschen Wild kommen noch etwa 20.000 Tonnen Importe hinzu, davon etliche aus Polen, aber beispielsweise auch aus Neuseeland. Hier gilt die Regel: Je weiter der Transportweg, desto schlechter die Ökobilanz. So verspeisten die Bundesbürger 2017/18 knapp 60.000 Tonnen Wildfleisch. Das machte größenordnungsmäßig etwa ein Prozent des gesamten Konsums aus, der rund fünf Millionen Tonnen Schweine-, Geflügel-, Rind- und weiteres Fleisch umfasste. Pro Kopf verzehren die hiesigen Verbraucher rund 60 Kilo pro Jahr, darunter jedoch weniger als ein Kilo Wild.

Warum ist das so? Neben Gewohnheiten und Geschmacksvorlieben spielt sicher auch der Preis eine Rolle. Kann man ein Kilo Schweinefleisch aus konventioneller Haltung für beispielsweise acht Euro kaufen, kostet Wildschwein das Doppelte. Das Fleisch ist teurer, weil die Tiere nicht in durchrationalisierten Ställen aufwachsen, die auf großen Umsatz und niedrige Kosten ausgerichtet sind.

Freilich ließe sich „der Marktanteil von Wildfleisch steigern“, sagt UBA-Experte Hofmeier – womit der Preis sinken könnte. Trotzdem werde daraus noch keine Strategie für den Massenmarkt, meint er: „Eine Substitution von Schweine-, Rinder- und Hühnerfleisch bei insgesamt gleichbleibendem Konsum ist nicht möglich.“ Das liegt daran, dass sich die Wildtiere nicht für die intensive Produktion eignen. Sie müssen auf großen Flächen draußen herumlaufen. Zwar könnte man in gewissen Grenzen die Gehege vergrößern und die Anzahl der gehaltenen Tiere steigern, doch dann nähmen die ökologischen Vorteile ab. Beispielsweise zusätzliches Futter und medizinische Behandlung wären nötig.

So stellt die Substitution von konventionellem Fleisch durch Wild wohl eher eine individuelle Lösung dar, die einigen bewussten Verbrauchern entgegenkommt, auch weil sie das ökologische und politische Gewissen erleichtert. Als Weg für die Gesellschaft kommt sie nicht infrage – da hilft es vermutlich nur, den Fleischkonsum insgesamt zu verringern.

Mehr zum Thema Leben und Stil