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Ist WLAN-Strahlung in der Schule gefährlich?

Sachsens Schulen werden für die digitale Zukunft fit gemacht. Manche Eltern wollen keine lokalen Funknetze in Klassenräumen. Sind die Sorgen berechtigt?

© Illustration: 123rf

Eigentlich ist es eine gute Nachricht: Sachsens Schulen erhalten 250 Millionen Euro vom Bund für die IT-Infrastruktur. Doch nicht alle Eltern sind begeistert. Ein Vater, der anonym bleiben möchte, fürchtet gesundheitliche Schäden durch WLAN-Strahlung. „Ich möchte nicht, dass unsere Kinder täglich für sechs oder acht Stunden einem leistungsstarken WLAN ausgesetzt sind“, schreibt er in einem Leserbrief. Sind solche Ängste berechtigt? Die SZ sprach dazu mit Professor Dr. Achim Enders von der TU Braunschweig. Der Physiker und Mediziner forscht auf dem Gebiet der elektromagnetischen Verträglichkeit.

Herr Professor Enders, können Sie die Angst mancher Eltern vor schädlicher WLAN-Strahlung nachvollziehen?

Charlotte Meentzen
Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint
Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint

Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Ja, kann ich. Es gibt ja immer wieder Meldungen in den Medien und selbst in wissenschaftlichen Publikationen, wonach solche Wirkungen nachgewiesen seien. Natürlich kann Strahlung gefährlich sein. Aber dafür gibt es Grenzwertbestimmungen, die von elektrischen Einrichtungen wie WLAN oder Mobiltelefonen sicher eingehalten werden. Die Fragen, um die es in der Diskussion meistens geht, sind andere: Gibt es eventuell auch gesundheitliche Effekte unterhalb dieser Grenzwerte? Schützen die Grenzwerte nicht genügend, eben zum Beispiel vor WLAN-Strahlung?

Und was ist die Quintessenz der bisherigen Forschung zu diesen Fragen?

Heutige Grenzwertbestimmungen schützen den Menschen in ausreichendem Maße. Das heißt: Unterhalb der Grenzwerte sind keine Wirkungen an biologischen Systemen nachgewiesen worden, die reproduzierbar gewesen wären. Einzelbefunde gibt es immer. Die Frage ist, wie man sie in der wissenschaftlichen Gesamtschau wertet. Interessantere Befunde werden stets mit enormem Aufwand unter die Lupe genommen. Letztlich lässt sich sagen: Da hat sich nichts als belastbar herausgestellt.

Es gab doch aber Tierversuche, bei denen gezeigt werden konnte, dass durch hochfrequente elektromagnetische Felder mehr Tumoren entstehen.

Natürlich findet man bei Tierversuchen Effekte, wenn man über die Grenzwertbestimmungen wesentlich hinausgeht. Dass dann beispielsweise aufgrund einer signifikanten Temperaturerhöhung ein Krebs schneller wächst, finde ich keine Sensation, sondern plausibel. Übrigens werden die Ergebnisse, von denen da berichtet worden ist, noch kontrovers diskutiert.

Wie stark strahlt ein WLAN?

WLAN-Basisstationen, die im Bereich von 2,45 Gigahertz arbeiten, strahlen maximal mit einer Sendeleistung von 100 Milliwatt. Zum Vergleich: Smartphones kommen im Schnitt auf einen Wert von 250 Milliwatt. Die Basisstation strahlt also deutlich weniger Leistung aus als ein Smartphone.

Anwender haben womöglich eher mal vom SAR-Wert gehört – die Spezifische Absorptionsrate beziffert die thermische Wirkung eines Geräts. Die WLAN-Basisstation hat also auch einen niedrigeren SAR-Wert als das Handy?

Exakt. Das kommt durch die genannten Leistungswerte zustande. Der SAR-Wert der Basisstation müsste also um das 2,5-Fache niedriger sein. Man sollte besorgten Eltern aber noch etwas anderes sagen.

Und zwar?

Es besteht auch noch ein wesentlicher Unterschied in der Nutzung der Geräte. Das Smartphone haben Sie oft direkt am Körper, von der WLAN-Basisstation halten Sie in der Regel mindestens einen halben Meter Abstand, wenn nicht mehr. Hängt der Router in einigen Metern Entfernung an der Decke, sind wir schon im Bereich der ubiquitären – also überall verbreiteten – Strahlung. Die kommt aus allen möglichen Quellen: von Radio- und TV-Sendern bis hin zu Mobilfunkantennen auf Dächern, die Hunderte Meter entfernt stehen.

Achim Enders ist Leiter des Instituts
für Elektromagnetische Verträglichkeit an der Technischen Universität Braunschweig.
Achim Enders ist Leiter des Instituts für Elektromagnetische Verträglichkeit an der Technischen Universität Braunschweig. © IEMV/TU BS

Kritiker würden sagen: Stimmt, die Strahlungsintensität nimmt theoretisch mit zunehmender Entfernung von der Quelle ab. In der Praxis wird Strahlung aber gespiegelt, abgelenkt oder gestreut. Was sagen Sie dazu?

Das ist in geschlossenen Gebäuden richtig. Da muss man einfach mal nachmessen. Diese Messkampagnen hat es gegeben. Ergebnis: Was übrig bleibt, erreicht bei Weitem nicht die geltenden Grenzwerte. Und der überwiegende Anteil der individuellen Strahlenbelastung ist immer durchs eigene Smartphone bedingt, nämlich zu mindestens 90, wenn nicht sogar 95 Prozent.

Was ist mit sogenannten Repeatern, die die WLAN-Reichweite vergrößern?

Auf keinen Fall haben sie mehr Sendeleistung. Sie sind also genauso zu behandeln wie die Router selbst.

Kann man sich WLAN heute überhaupt noch entziehen? Wer in der Stadt in einem Mietshaus wohnt und per Notebook eine Netzwerk-Suche anstößt, sieht oft 10 bis 20 WLANs, die in der Nachbarschaft funken.

Völlig richtig, bei mir zu Hause sind es zwölf. Hier sehe ich auch Parallelen zur aktuellen Debatte um den Mobilfunkstandard 5G. Da ist klar: Die Anzahl der Antennen muss erhöht werden, und die Distanzen zwischen ihnen und dem Endkunden werden im Schnitt kleiner. Die Leute haben insbesondere Angst vor mehr Antennen – das klingt bedrohlich. Deshalb noch einmal: Was man als Strahlung abbekommt, ist zu mindestens 90 Prozent durch das persönliche Endgerät verursacht. Eine Verdopplung der Anzahl von Antennen würde im schlimmsten Fall eine um ein oder zwei Prozent erhöhte Exposition ausmachen. Für die individuelle Strahlenbelastung sind die Mobilfunkantennen oder WLAN-Basisstationen letztlich vernachlässigbar.

Trotzdem gibt es Menschen, die kein WLAN in ihrer Wohnung oder in der Schule ihrer Kinder haben wollen.

Tatsächlich gibt es Leute, die weder WLAN noch Handy nutzen. Wobei das eine sehr kleine Minderheit ist. Ich habe öfter schon mit Elektrosmog-Gegnern diskutiert, die dann plötzlich auf ihrem Mobiltelefon angerufen worden sind. Erst letzte Woche habe ich es bei einer Anhörung zu 5G wieder erlebt: Der Mann ist sogar mit dem Smartphone am Ohr aus dem Konferenzraum gegangen. Persönlich erscheint mir so ein Verhalten mehr als widersprüchlich.

Was ist mit Menschen, die diese Geräte tatsächlich strikt meiden?

Denen mutet man – das muss man so klar sagen – eine Zwangsexposition zu. Es gibt aber keinerlei halbwegs belastbare Hinweise, dass hierdurch biologische Effekte hervorgerufen würden. Auch Untersuchungen mit Menschen, die sich selbst als elektrosensibel bezeichnen, haben nichts erbracht. Wenn diese Studien wissenschaftlich sauber gemacht wurden, kam da nie etwas heraus. Solche Versuche sind übrigens nicht nur im Labor, sondern auch im häuslichen Umfeld durchgeführt worden. Wissenschaftlich ist man da irgendwann am Ende. Den Beweis für keine Wirkung kann man ohnehin rein logisch nicht erbringen. Aber handfeste Argumente, wo man tatsächlich etwas vergessen oder übersehen haben sollte, sehe ich nicht.

Was ist mit dem Argument, es fehle an Langzeitstudien?

Das ist ein Totschlagargument, aber inzwischen zumindest teilweise zu entkräften. GSM-Netze gibt es jetzt seit 30 Jahren, UMTS seit 20 Jahren. In den Krebsstatistiken findet man keine entsprechenden beunruhigenden Tendenzen.

Raten nicht aber selbst Institutionen wie das Bundesamt für Strahlenschutz zu Vorsorgemaßnahmen? Zum Beispiel, lieber kabelgebundene Zugänge als WLAN zu verwenden? Oder WLAN-Router dort auszustellen, wo sich nicht ständig jemand aufhält?

Ich habe zum Begriff „Vorsorge“ ein gespaltenes Verhältnis. Es klingt ein bisschen so, als ob es die Experten nicht genau wüssten, und man sich durch Vorsorge vor schlimmen, noch unentdeckten Effekten schützen solle. Wenn man solche Maßnahmen wiederholt prominent propagiert, verunsichert man die Leute. Verunsicherung kann auch eine Krankheitsursache sein. Man spricht hier vom Nocebo-Effekt. Deshalb fängt das Bundesamt nun an, von Optimierungsmaßnahmen zu sprechen. Das mag ein Euphemismus sein, ich halte diese Darstellung aber für sinnvoller. Die Botschaft lautet: Ihr könnt etwas tun, um eure individuelle Strahlenbelastung zu senken.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.


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