merken
PLUS

Deutschland & Welt

Italien ändert das Vaterunser an einer entscheidenden Stelle

Die Katholische Kirche hat eine gewaltige Reform angestoßen. Fortan werden wir nicht mehr in Versuchung „geführt“, sondern dieser lediglich „überlassen“.

Kreuzglücklich: Die italienische Kirche ändert das Vaterunser.
Kreuzglücklich: Die italienische Kirche ändert das Vaterunser. © Nicolas Armer/dpa

Von Stephan-Andreas Casdorff

Ach du lieber Himmel – Italien ändert das Vaterunser. Genauer: die katholische Kirche dort. Das meistgesprochene Gebet, das von Jesus selbst stammen soll. Geändert in Italien, wo der Papst zu Haus ist.

Nun, das Gebet ist so katholisch wie evangelisch. Und es geht hier nicht um das ganze Gebet, sondern um die sechste Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“. Sie wird neu übersetzt. Stattdessen heißt es künftig: „Überlass uns nicht der Versuchung“. Erzbischof Bruno Forte, lange einer der führenden Textexegeten des Vatikan, begründete die Änderung gegenüber den „Vatican News“ damit, die neue Übersetzung sei näher am Sinn des griechischen Originals. Die italienische Bischofskonferenz hatte die Änderung schon 2018 beschlossen, sie war dann im Mai 2019 vom Vatikan geprüft und bestätigt worden. Mit Beginn des neuen Kirchenjahrs am ersten Advent, dem 29. November, tritt die Neuerung in Kraft.

365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Erzbischof Forte glaubt, dass die veränderte Übersetzung hilft, das Vaterunser „bewusster zu beten“. Und sie sei „näher an dem, was die Intention Jesu war“. Dieses „in Versuchung führen“ sei insofern ein Problem, weil die Vorstellung, dass Gott „uns irgendwie eine Falle stellt, absolut inakzeptabel ist“. Frankreichs Bischofskonferenz hatte bereits im Dezember 2017 eine Neu-Übersetzung der sechsten Vaterunser-Bitte eingeführt.

Nicht Gott, der Satan führt in Versuchung

Dem allem vorangegangen ist, dass Papst Franziskus im selben Jahr im italienischen Fernsehen die deutsche Formulierung „Und führe uns nicht in Versuchung“ als „keine gute Übersetzung“ kritisiert hatte. Nicht Gott, sondern der Satan führe die Menschen in Versuchung. „Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen.“ Aus Franziskus‘ Sicht traf es schon damals die Übersetzung „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ besser. Und was so luthersch klingt, so evangelisch, kommt aus der katholischen Kirche. Die für Reformen, gleich welcher Art, eher nicht bekannt ist.

Währenddessen lehnen die Evangelischen eine Änderung ab. Unverändert. Was auch nicht alle Tage passiert. Aber warum?

Jetzt wird’s komplex. Das voran: Jesus selbst hat aramäisch gesprochen und die griechische Übertragung ist natürlich schon eine Interpretation. Aber woran sonst soll sich der Gläubige halten? Denn: Gott – im griechischen Original Subjekt – hat in Versuchung geführt! Abraham, Jesus, andere. So zeigt sich hier eine, seine sehr persönliche Seite. Hinzu kommt die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gott und dem Bösen. Ist es ein Gott, allmächtig und am Ende auch stärker als das Böse und mächtig über das Böse, die Versuchung? Oder woher kommt die Versuchung, wenn Gott uns dieser überlässt?

Bis 1971 sprach man von der „Erlösung von dem Übel“

Was daran erinnert, dass das Vaterunser 1971 eben im Blick auf die Unterscheidung zwischen dem „Bösen“ und dem „Übel“ geändert wurde. Mit Martin Luther hatte sich bei der siebten Bitte „Erlöse uns von dem Übel“ eingebürgert. Bis die katholische und die evangelische Kirche sich auf „Erlöse uns von dem Bösen“ verständigten. Die deutsche Sprache kann da unterscheiden, andere nicht, haben nur ein einziges Wort dafür.

Wie Altbischof Wolfgang Huber 2017 schrieb: „Wenn wir von Übel sprechen, sehen wir sowohl die Seite des Täters als auch die des Opfers. Wenn wir vom Bösen sprechen, tritt dagegen die Seite in den Vordergrund, die das Böse verursacht.“ Gottes Personalität zu achten und zugleich dem Bösen das Personsein zu bestreiten – wir sehen: Das Ringen um Worte ist das Ringen um ewigen Sinn. Dazu bedarf es „geprägter Worte und gestalteter Zeichen“.

Weiterführende Artikel

Papst gegen Papst

Papst gegen Papst

Benedikt XVI wollte zurückgezogen im Vatikan leben. Doch seine Wortmeldungen erregen Aufsehen. Jetzt stellt er sich bei einem besonders heiklen Thema gegen Franziskus.

Wenn das jetzt mal kein Zeichen der Annäherung zwischen den Kirchen ist! Wenn die Katholiken fortschrittlich denken und neue Worte prägen… Dabei sagte Luther ausgerechnet: „Das Vaterunser ist der größte Märtyrer auf Erden. Denn jedermann plagt’s und missbraucht’s.“ Wie er das wohl gemeint hat. Das Deutsche muss man manchmal auch neu übersetzen.

Mehr zum Thema Deutschland & Welt