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Ja, dürfen Radfahrer denn das?

Sächsische Verkehrsanwälte, Vertreter der Polizei und des ADFC über zwölf heikle Situationen, die Rad-, aber auch Autofahrer oft falsch einschätzen.

Ärgert viele Autofahrer: Radfahrer, die nebeneinander fahren. Erlaubt oder nicht?
Ärgert viele Autofahrer: Radfahrer, die nebeneinander fahren. Erlaubt oder nicht? © Pressedienst Fahrrad/Martin Häußermann

Mit der neuen Straßenverkehrsordnung (StVO) soll Radfahren sicherer werden. So können Kommunen jetzt zum Beispiel Fahrradzonen einrichten. Zudem müssen Autofahrer beim Überholen von Radfahrern innerorts grundsätzlich mindestens 1,50 Meter und außerorts zwei Meter Abstand halten. Doch was Radfahrer dürfen und was nicht, darüber gibt es viele Irrtümer.

1. Radfahrer dürfen nicht nebeneinander fahren: 

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Bisher galt die Grundregel (aus Paragraf 2 Absatz 4 der StVO), dass Fahrradfahrer einzeln hintereinander fahren müssen. Durch die Novellierung ändert sich das. Jetzt ist es laut ADFC ausdrücklich erlaubt, zu zweit nebeneinander zu radeln. Anderer Verkehr dürfe dadurch zwar nicht behindert werden, aber solange genug Platz zum Überholen vorhanden ist, sei keine Behinderung gegeben. Ob es dadurch seltener zu Streit zwischen Auto- und Radfahrern kommt, ist fraglich. „Oft fühlen sich Pkw-Fahrer schon gestört, wenn sie auf einer einfachen, zweispurigen Landstraße bei Gegenverkehr die Radfahrer nicht überholen dürfen“, sagt Ute Gubick vom ADFC Zwickau. Dabei sei selbst das Überholen von hintereinander Radelnden bei Gegenverkehr unmöglich, wenn Autofahrer den vorgeschriebenen Seitenabstand von 1,50 Meter innerorts beziehungsweise zwei Meter außerorts einhalten würden.

2. Radfahrer dürfen nicht rechts überholen: 

Ein kategorisches Nein findet sich nicht in der StVO. Stattdessen steht in Paragraf 5 Absatz 8, dass es erlaubt ist, „mit mäßiger Geschwindigkeit“ und besonders vorsichtig an einer wartenden Fahrzeugschlange vorbeizufahren, wenn dafür ausreichend Raum vorhanden ist. Die Betonung liegt auf „wartend“: Bewegt sich ein Stau langsam vorwärts, dürften Radfahrer eigentlich nicht vorbeifahren. Das Durchschlängeln durch Autokolonnen, also mal links und mal rechts vorbeizufahren, sei strikt verboten, ergänzt Marko Laske von der Polizeidirektion Dresden.

3. Beim Abbiegen müssen Radfahrer die ganze Zeit den Arm ausstrecken:

Falsch. „Hat man das Handzeichen gegeben, kann man nach dem Einordnen auf der Linksabbiegerspur den Arm wieder herunternehmen“, sagt Ute Gubick. Gleiches gelte während des Abbiegens.

4. Kopfhörer sind auf dem Fahrrad verboten:

Stimmt so nicht. Ärger droht jedoch, wenn die Musik Verkehrsgeräusche oder Warnsignale übertöne, erklärt der Chemnitzer Verkehrsrechtsanwalt Frank Schubert. Dann können bei einer Kontrolle zehn Euro fällig werden. Werden radelnde Ohrstöpselträger in einen Unfall verwickelt, könnten sie sogar in Mithaftung genommen werden, warnt der Dresdner Verkehrsrechtsanwalt Klaus Kucklick. Allerdings muss das Gericht zu dem Schluss kommen, dass der Unfall bei einer niedrigeren Lautstärke zu vermeiden gewesen wäre.

5. In Fußgängerzonen ist Schieben Pflicht:

Das stimmt nur so lange, wie kein Zusatzschild mit einem Fahrradsymbol und dem Hinweis „frei“ das Fahrverbot aufhebt. Dann darf vorsichtig und im Schritttempo gefahren werden. Grundsätzlich gelte, dass in einer solchen Zone immer mit Hindernissen gerechnet werden müsse, sagt der Verkehrsrechtsanwalt Frank Schubert aus Chemnitz, und verweist auf zwei Entscheidungen des Oberlandesgerichts (OLG) Jena (Aktenzeichen 3 U 559/01; 4 U 432/04). Als Schritttempo definierte beispielsweise das OLG Hamm ein Tempo zwischen vier und sieben Stundenkilometern (Aktenzeichen 9 U 112/00).

Zahlreiche Radfahrer stauen sich an einer Ampel in Leipzig.
Zahlreiche Radfahrer stauen sich an einer Ampel in Leipzig. © Jan Woitas/dpa-

6. Radfahrer dürfen unterwegs das Smartphone benutzen:

Falsch. „Was im Auto verboten ist, ist es auch auf dem Fahrrad“, sagt Klaus Kucklick. Denn Paragraf 23 Absatz 1a der StVO regele die Handynutzung beim Führen eines Fahrzeugs. „Das ist nicht auf Kraftfahrzeuge beschränkt.“ Verboten ist das Tippen auf dem Gerät sogar dann, wenn man es am Fahrradlenker in einer Halterung stecken hat und zu lange aufs Display schaut. „Wenn Sie eine Adresse oder Telefonnummer eingeben, dürfte das schon eine zu lange Blickzuwendung darstellen“, präzisiert der Dresdner Verkehrsrechtsanwalt Christian Janeczek. Wer erwischt wird, muss ein Verwarnungsgeld in Höhe von 55 Euro zahlen.

7. Radfahrer dürfen Einbahnstraßen in Gegenrichtung befahren:

„Das ist nur erlaubt, wenn das Zusatzzeichen ,Radfahrer frei’ unterhalb des Einfahrtsverbotsschildes steht“, sagt Ute Gubick. Solche Freigaben gibt es laut ADFC an immer mehr Einbahnstraßen.

8. Radfahrer dürfen über Zebrastreifen fahren:

Lieber nicht. „Radfahrer haben auf dem Zebrastreifen nur Vorrang, wenn sie ihr Fahrrad schieben. Dann gelten sie als Fußgänger“, sagt Christian Janeczek. Fährt jemand trotz des Verbots und kommt es an der Querung zu einem Unfall, trägt der Radfahrer mindestens eine Mitschuld. In einem Fall, der vorm Amtsgericht Köln verhandelt wurde und bei dem der beteiligte Autofahrer sich nicht mit nachweisbar mäßigem Tempo genähert hatte, sei der Schaden geteilt worden, ergänzt Frank Schubert (Aktenzeichen 266 C 135/83).

9. Jemanden auf dem Gepäckträger mitfahren lassen, ist erlaubt:

Falsch, sagt Schubert. Stattdessen dürfen lediglich Kinder bis zum vollendeten siebten Lebensjahr mitgenommen werden, und zwar nur in einem speziellen Sitz. Der Fahrer muss mindestens 16 sein. Für den Sitz gilt, dass er so gebaut sein muss, dass die kleinen Füße oder Hände nicht in die Speichen geraten können. Laut novellierter StVO darf man künftig aber auch Jugendliche oder Erwachsene auf dem Rad mitnehmen, wenn dieses zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet ist – etwa ein Lastenrad. Auch hier gilt, dass der Chauffeur 16 Jahre oder älter sein muss.

10. Kinder müssen auf dem Gehweg radeln:

Hier entscheidet das Alter. „Bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen Kinder auf dem Gehweg fahren, bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen sie es“, erklärt Klaus Kucklick. Grundlage hierfür sei Paragraf 2 Absatz 5 StVO. Das heißt, im Umkehrschluss, dass Kinder unter acht Jahren nicht auf die Fahrbahn dürfen. „Einen Radweg dürfen sie benutzen, wenn dieser räumlich von der Fahrbahn getrennt ist“, erläutert Christian Janeczek. Acht- bis Zehnjährige haben die Wahl zwischen Fahrbahn und Gehweg. Wer über zehn Jahre alt ist, für den ist der Bürgersteig tabu. Übrigens müssen Eltern keinen Schadenersatz zahlen, wenn ihr Filius versehentlich mit einem am Bordstein geparkten Auto kollidiert. Kleinere Fahrfehler seien nicht als Verletzung der elterlichen Aufsichtspflicht zu werten, hat das Amtsgericht München klargestellt (Aktenzeichen 212 C 3980/98).

11. Immer so weit wie möglich rechts fahren:

Natürlich gilt das Rechtsfahrgebot (Paragraf 2 Absatz 1 StVO). Was das in der Praxis bedeutet, ist ein Stück weit Auslegungssache. Der ADFC empfiehlt einen Abstand von einem Meter zu parkenden Autos, ansonsten 80 Zentimeter zum Fahrbahnrand. Es gebe keine Verpflichtung, sich an der Fahrbahnbegrenzung „entlangzuhangeln“, betont Ute Gubick. Strikt verboten ist jedoch, die Fahrbahn möglichst mittig zu nutzen, um gefährliche Überholmanöver von Autofahrern zu unterbinden. „Ein solches Verhalten kann im Extremfall sogar den Straftatbestand der Nötigung erfüllen“, sagt Christian Janeczek.

12. Verkehrsverstöße mit dem Rad werden weniger hart geahndet:

„Könnte man denken“, sagt Anwalt Kucklick. „Beispielsweise kostet ein Rotlichtverstoß mit mehr als einer Sekunde Rot den Fahrradfahrer 100 Euro und einen Punkt in Flensburg, den Pkw-Fahrer hingegen 200 Euro, zwei Punkte und einen Monat Fahrverbot.“ Sonst seien die Tatbestände aber oft zu unterschiedlich, um Vergleiche ziehen zu können. Auch Kucklicks Kollege Christian Janeczek meint, pauschale Aussagen seien fehl am Platze. „Mal wird bei den Rechtsfolgen unterschieden, ob der Täter mit dem Fahrrad oder mit dem Auto unterwegs war, mal nicht.“ 

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Fakt ist: Bei Straftaten wie einer Vollrausch-Fahrt spielt der fahrbare Untersatz keine Rolle. „In der Praxis wird die Strafe für den Fahrradfahrer allerdings etwas niedriger ausfallen“, sagt Janeczek. Das habe mit der höheren Fremdgefährdung zu tun, die von einem betrunkenen Autofahrer ausgeht. (mit sp)

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