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Jäger erlegen deutlich mehr Waschbären

Innerhalb eines Jahres sind in Mittelsachsen knapp 1.000 Tiere mehr zur Strecke gebracht worden. Doch das Töten ist umstritten.

Niedlich anzuschauen sind Waschbären im Tierpark. Aber wer die Tiere im Garten hat, der will sie am liebsten loswerden.
Niedlich anzuschauen sind Waschbären im Tierpark. Aber wer die Tiere im Garten hat, der will sie am liebsten loswerden. © Uwe Soeder

Döbeln. Sie holen sich die Erdbeeren aus dem Garten, stöbern in der Mülltonne oder graben den heimischen Rasen um. Und sehen dabei so unschuldig aus mit ihrer Panzerknacker-Maske im Gesicht. Aber: Viele empfinden die Tiere inzwischen als Plage. Cornelia Kluge, Pressereferentin am Landratsamt, bestätigt das. Wenngleich dies auch immer vom subjektiven Empfinden desjenigen abhänge, der sich mit seinem Problem an die Behörden wendet.

Aktuell gebe es im Landratsamt verstärkt Anrufe aus Wohngebieten und Kleingartenanlagen. Waschbären würden nicht nur Schäden an Grasnarben anrichten, sondern als Futterräuber auch Vogelnester und Nistkästen sowie Futternäpfe plündern. Zudem seien die Tiere hin und wieder auch in Verkehrsunfälle verwickelt. 

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Laut Statistik waren dies 48 Tiere im Jagdjahr 2018/19 und 64 im Jagdjahr 2019/20. Knapp 1.000 Tiere mehr haben die Jäger im vergangenen Jagdjahr zu Strecke gebracht, wie aus der aktuellen Jagdstatistik des Landratsamtes hervorgeht. Wurden 2018/2019 noch 1.579 Tiere von Jägern getötet, waren es zwischen dem 1. April 2019 und dem 31. März 2020 schon 2.418 Tiere.

Der Umgang mit den Waschbären ist umstritten. „Knapp 60 Prozent der Leute sagen, dass er niedlich ist und nicht geschossen werden soll“, sagt Horst Reisig, Vorsitzendes des Jagdverbandes Döbeln. Die anderen 40 Prozent seien für den Abschuss, weil sie erlebten, welche Schäden er anrichten könne. Denn er vergreift sich nicht nur am Müll oder den Früchten im Garten. Auch vor Vögeln mache er nicht halt. 

Der Bestand an Singvögeln und Enten sei bereits drastisch gesunken, sagt Reisig. Allein 25 Tiere hat der Jäger in zwei Monaten gefangen. Und die Zahl wird steigen. Die Muttertiere sind jetzt mit dem Nachwuchs unterwegs. Zwischen drei und sechs Junge bekommen sie pro Wurf, sagt Reisig. Und auch diese brauchen jetzt Nahrung.

Vor allem in der Region Roßwein habe Reisig zuletzt einige Waschbären gesichtet, in Haßlau, Zweinig sowie Ullrichsberg. In der Stadtverwaltung Roßwein ist von einem Problem mit Waschbären aber nicht die Rede. Auch beim Ordnungsamt sei diesbezüglich nichts aktenkundig, informiert Hauptamtsleiterin Michaela Neubert. Aber: „Durch Gespräche ist mir bekannt, dass Waschbären in Roßwein unterwegs sind und zum Beispiel Mülltonnen plündern.“

Anders sieht es da in Hartha oder Döbeln aus. Gerade in der ländlichen Gegend um Hartha würde die Population zunehmen. „Die Tiere gehen in leerstehende Immobilien und ziehen dort ihre Jungen groß“, sagt Bürgermeister Ronald Kunze (parteilos). Der Waschbär sei ein absolutes Problem, da der natürliche Feind fehle. 

Hin und wieder würden Anwohner sich bei der Stadt nach einem Ansprechpartner erkundigen, wenn sie ein Problem mit den Tieren haben. Die Stadt verweist dann an die ansässigen Jäger, denen Kunze sehr dankbar ist. „Sie stellen viele Fallen auf und jagen die Tiere mit großem Zeitaufwand. Aber das ist absolut notwendig, um die einheimische Tierwelt zu schützen.“

In und um die Stadt Döbeln herum gebe es vor allem Probleme mit Waschbären, die in Gartenlauben, auf Wochenendgrundstücken sowie in Garagen ihr Unwesen treiben, sagt Thomas Mettcher. „Die Tiere beschädigen mitunter erheblich die Gebäude und Einrichtungsgegenstände oder verursachen Verunreinigungen“, schildert Döbelns Stadtsprecher die Sorgen der Anwohner, die sich bei der Stadt oder den Jagdgenossenschaften melden. Ähnlich wie in ganz Sachsen habe sich die Population der Tiere im Bereich der Stadt in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht.

Die Waschbären haben sich, so Jäger Reisig, schleichend in der Region ausgebreitet. Jedes Jahr seien mehr hinzugekommen. Das zeigen auch die Zahlen der erlegten Waschbären. Wurden 2008/2009 32 Tiere von den Jägern zur Strecke gebracht, waren es knapp zehn Jahre später 2018/2019 schon 1.579, im Jahr zuvor sogar 1.873. Mehr Waschbären gab es 2018/2019 in Sachsen nur in Leipzig, Meißen, Bautzen und Nordsachsen. 

Neben dem Schwarzwild gehören die Waschbären im Kreis zu den „Problemwildarten“, denen mit jagdlichen Mitteln kaum beizukommen sei, heißt vom Landratsamt. Um die Population gering zu halten, werde auf Öffentlichkeitsarbeit in Bezug auf den Umgang mit den Tieren gesetzt. Zudem werden Bürger beraten oder an die Jäger verwiesen.

Immer öfter komme es vor, dass Anwohner auf dem eigenen Grundstück Fallen aufstellen, sagt Reisig. Laut dem Sächsischen Jagdgesetz dürfen Waschbären in einem befriedeten Bezirk, wie zum Beispiel in Gebäuden, Höfen oder Gärten auch von Personen ohne Jagdschein gefangen werden. Allerdings nur mit Lebendfallen. Doch wohin dann mit dem Waschbären? 

Auf keinen Fall an einer anderen Stelle aussetzen, sagt Robert Schminke, Sprecher des Umweltministeriums. „Da auch eine Haltung unter Verschluss nicht zulässig ist, bleibt in der Regel nur die Tötung der gefangenen Tiere durch sachkundige Personen.“ In der Regel sind das Jäger oder Tierärzte.

Bei Tierärztin Dr. Sabine Franz in Döbeln habe bisher kaum jemand nach der Tötung eines Waschbären gefragt. Doch die Tiere sind auch in der Gemeinschaftspraxis von Sabine Franz und Frank Jäckel hin und wieder Thema. Zum einen, wenn ein Waschbär eine Auseinandersetzung mit einer Katze hatte, zum anderen, wenn jemand die Waschbären zum Kastrieren oder Impfen bringe. Auch das habe es schon gegeben, sagt Franz. 

Problematisch ist für die Tierärztin der Umgang mit Jungtieren. Gerade jetzt werden immer wieder junge Waschbären entdeckt, die allein zu sein scheinen. Oft wollen Tierfreunde diese versuchen zu retten und nehmen sie mit. Doch das sei der falsche Weg. „Meist ist die Mutter der Jungtiere noch in der Nähe“, weiß Franz. Wer eingreife, der richte meist noch größeren Schaden an. 

Auch Kreissprecher André Kaiser betont, dass die Jungtiere an Ort und Stelle belassen werden sollten. „Der Sachverhalt sollte über die Rettungsleitstelle oder das zuständige Polizeirevier oder die untere Jagdbehörde an die zuständige Jägerschaft übermittelt werden“, sagt Kaiser.

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