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Jagd auf Jungfüchse

Der Eissport investiert Zeit und Geld in den Nachwuchs. Der wechselt trotzdem zu den großen Clubs. Bis jetzt.

© Lutz Hentschel

Von Thomas Staudt

Jens Heyer ist mit Eishockey groß geworden. Noch nicht einmal volljährig bestritt er die ersten Spiele für die Eisbären Juniors Berlin, später für die Leipziger Blue Lions. Seinen Schliff erhielt er aber in der Nachwuchsabteilung des Eissportvereins Weißwasser (ESW). Heute ist Heyer 24 und wieder zurück in der Sportstadt. Als Verteidiger bei den Lausitzer Füchsen ist er derzeit eine Stütze des Weißwasseraner Spiels. Nicht selten läuft es umgekehrt. Junge, vielversprechende Talente schielen nach den großen Clubs, und gehen weg, noch ehe sie richtig ausgereift sind.

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Der Verein hat kein Problem damit, als Nachwuchsschmiede zu gelten. Dass sich finanzstarke oder prestigeträchtigere Vereine bei den Nachwuchsspielern nach Gutdünken bedienen, dagegen gibt es aber sehr wohl Ressentiments. „Wir bilden zehn Jahre aus, dann werden viele junge Spieler abgeworben“, klagt Füchse-Trainer Dirk Rohrbach. Der Verein habe nur wenig Möglichkeiten, die Spieler zu halten. Was sie reizen könnte, zu bleiben, ist der Umstand, dass sie mit der Männermannschaft trainieren können. Gehen sie weg, gibt es keine Entschädigung für den bis dahin aufgelaufenen Aufwand.

So, wie es im Moment im Nachwuchsbereich läuft, kann es jedenfalls nicht weitergehen, findet Rohrbach. Er plädiert dafür, das Problem beim Deutschen Eishockeybund (DEB) offen anzusprechen. Der DEB müsse Verantwortung, und damit eine Steuerungsfunktion, übernehmen, meint er. Ein Mitspracherecht der Vereine müsse beim Wechsel auch sehr junger Spieler drin sein. Tatsächlich ist der Aufwand, bis sich ein sportliches Talent entfaltet, nicht unerheblich. Der ESW lässt sich die Nachwuchsarbeit jährlich rund 200 000 Euro kosten. „Wenn wir die Möglichkeiten hätten, würden wir auch mehr investieren“, so Bernard Stefan vom ESW-Vorstand. Kämpften vor der Wende noch bis zu 35 junge Talente um die besten Plätze, darf der ESW heute gerade einmal mit zehn bis fünfzehn Neuzugängen pro Jahrgang rechnen. Um den stetig steigenden Nachwuchsbedarf zu stillen, fährt der Verein ein ausgeklügeltes System, bemüht sich um die ganz kleinen, noch formbaren Knirpse, arbeitet dabei eng mit Kindergärten zusammen, bezahlt Nachwuchstrainer oder kooperiert mit Chemnitz, Jonsdorf, Niesky und Berlin. „Für uns wäre es wichtig, dass abgewanderte Talente nach Weißwasser zurückkehren. Deshalb haben wir das Projekt 2020 gestartet“, erklärt Dirk Rohrbach. Dann sollen bei den Lausitzer Füchsen alle deutschen Spieler einen Teil ihrer Ausbildung im Fuchsbau genossen habe,  auch wenn sie zwischendurch vielleicht für andere Vereine aufgelaufen sind.

Seit vier oder fünf Jahren scannen die ESW-Talente-Scouts selbst Vereine im Nachbarland. Momentan besuchen drei junge polnische Nachwuchshoffnungen das Eishockeyinternat. Sie sind komfortabel im Hotel Kristall untergebracht. Shuttle-Service zur Schule inklusive. Dennoch sind zwei von ihnen drauf und dran, nach Köln oder Mannheim zu wechseln. Großer Verein bedeutet nicht unbedingt gute Konditionen oder bessere Chancen. Wegen der höheren Talentdichte werden oft nicht nur die Profis, sondern auch der Nachwuchs deutlich weniger gefordert, wie bei nicht ganz so namhaften Teams, wo oft Notwendigkeit das Kalkül des Trainers ersetzt. Im Weißwasseraner Abwehrblock etwa fighten neben dem erfahrenen Sebastian Klenner auch der 21-jährige Roberto Geiseler und Jens Heyer. Im Tor steht Dustin Strahlmeier. Er ist noch jünger als Geiseler. Aufgrund der Ausländerklausel und wegen des Verletzungspechs von Stammtorhüter Jonathan Boutin hält er in dieser Saison häufiger für die Füchse. Alle drei haben sich längst bewährt. Aber hätten sie diese Chance bekommen, wenn ausreichend ältere, erfahrenere Spieler verfügbar wären?

Jens Heyer ist 1989 geboren. In den nächstälteren Jahrgängen zeigen sich die Reihen der Weißwasseraner Eigengewächse deutlich gelichtet. „Weil viele zu Teams gegangen sind, die in der Deutschen Nachwuchsliga (DNL) spielen“, so Rohrbach. Über längere Zeiträume ist ein solcher Exodus nicht kompensierbar. Deshalb wird der Eissport zum Länderspiel gegen Frankreich im April die Chance nutzen und mit dem DEB Klartext reden.