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Liefers und Pape auf der Dresdner Seebühne

Der Auftakt des musikalisch-kulinarischen Festwochendes auf der Dresdner Seebühne hatte leuchtende Momente, mit Weltstar René Pape als Glanzlicht.

Am Samstagabend wartete das Seebühnen-Festival mit einem einmaligen Auftritt auf: Jan Josef Liefers und René Pape gemeinsam.
Am Samstagabend wartete das Seebühnen-Festival mit einem einmaligen Auftritt auf: Jan Josef Liefers und René Pape gemeinsam. © Christian Juppe

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Blaugraue Wolken zogen über das Dresdner Ostragelände, mit einem Hauch von Silber und Gold an den Rändern, ähnlich wie sie Caspar David Friedrich einst gemalt hat. Das Orchester auf der hoch aufragenden Seebühne spielte düstere Passagen aus Griegs „Peer Gynt“. Stimmungsvoll.

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Kurz darauf ging ein Regenschauer nieder, ohne dass Opernstar René Pape, der nun, von der Überdachung nur symbolisch geschützt, „In diesen heil’gen Hallen“ aus Mozarts „Zauberflöte“ anstimmte, mit der Wimper gezuckt hätte. Warm wehte der Bass übers Gelände. Herzerwärmend. 

Der Himmel meinte es gut mit der Seebühne - und versuchte das Prager Orchester in Sachen Dramatik zu überbieten.
Der Himmel meinte es gut mit der Seebühne - und versuchte das Prager Orchester in Sachen Dramatik zu überbieten. © Christian Juppe

Und dann, kaum dass die Musiker die Bäuche der Geigen und die Hälse der Oboen trocken gerieben hatten, brach die Sonne noch einmal durch, gegen acht Uhr abends am Freitag, zauberte einen Regenbogen über die Messehallen und tauchte das Wolkenrudel in brandiges Rot, zur Musik von Bizets „Carmen“. Atemberaubend. 

Das kann man nicht planen, denn das Wetter lässt sich nicht kaufen oder engagieren. Dass schon die Eröffnungsveranstaltung dieses mit „Kunst, Kultur, Genuss“ überschriebenen Wochenendes auf der Dresdner Seebühne ein Erfolg war und viel Freude auslöste, hat auch damit zu tun, dass das Event umfassend vorbereitet und mit professionellem Blick fürs Ganze und für wesentliche Details organisiert worden ist. 

Kontrastprogramm auf der Seebühne

Florian Zweig als Initiator und Investor, die Golden Door GmbH als Veranstalter und all ihre Partner dachten dieses Open-Air-Fest von vornherein groß, ohne einem Gigantismus zu verfallen, zu der ein Seebühnen-Spektakel-Traum verführen könnte. Dresden ist toll, aber es liegt weder am Bodensee noch am Lago Maggiore. Dennoch geht da was. 

Am Sonnabend gastierte die Deutschpop-Band Radio Doria von Jan Josef Liefers. Der singende Schauspieler stammt bekanntermaßen ebenfalls aus Dresden, und auch er lockte viele Leute ins einstige Schlachthofgelände. Der Sonntag dann war als Kontrast konzipiert: Nach einem Dixieland-Familien-Barbecue ab 11 Uhr mit den J. J. Jazzmen aus Prag und Sunshine Brass aus Suhl war der Abend eine orchestrale Reminiszenz an die Pet Shop Boys – ein Konzert mit Hits der britischen 80er-Jahre-Kultband, gespielt von den Dresdner Sinfonikern. Ein vielfarbiges Spektrum.

Jan Josef Liefers trat mit seiner Band "Radio Doria" am Samstag auf.
Jan Josef Liefers trat mit seiner Band "Radio Doria" am Samstag auf. © Christian Juppe

Die 170 Quadratmeter große Bühne war Mitte August in den malerischen Tümpel neben Erlwein-Capitol und Seehaus gebaut worden, mit 20 Meter langem Brückenzugang und Blick auf drei Besucherbereiche. Die Gäste konnten mit der Wahl des Sektors auch das Ausmaß der Schlemmerei buchen, der sie sich neben dem Musikgenuss hinzugeben gedachten. 

Klassik bei vier Gängen

Auf der „Seehausterrasse“ rechter Hand der Bühne gab es ein viergängiges Menü aus dem Rezeptheft von Meisterkoch Mario Pattis. Gäste der „Sommerwiese“ und der „Kastanienallee“ waren noch näher dran am Bühnengeschehen und durften sich gegen Verzehr-Gutschein und eventuelle Zuzahlung an diversen Imbisstresen ihr Tellerchen füllen lassen. Das alles hatte seinen Preis, denn das Ticket für den Freitag kostete, je nach Kategorie, 145 oder 99 oder 79 Euro, während fürs Dixie-Treffen am Sonntag jazzdemokratisch pro erwachsene Nase nur 38,90 Euro fällig wurden.

Vielen war ohnehin klar, dass der Genuss von Papes Stimme mit Geld kaum aufgewogen werden kann. Sich dazu ein raffiniert gewürztes Süppchen und ein zartes Erzgebirgskalbslendchen oder ein vegetarisch bedenkenloses Sommergemüse zu Gemüte zu führen, das grenzt noch nicht zwingend an Völlerei. Das flinke, freundliche Serviervolk trug mit unauffälligem Eifer durchaus zum allgemeinen Wohlgefühl bei. Eine junge Kellnerin, die just die Suppe auftrug, als das Prager Orchester „Rosen aus dem Süden“ von Johann Strauß jr. intonierte, umkurvte doch tatsächlich die Tische mit Hüftschwung im Walzertakt – das Auge isst mit, und Arbeiten zu beseelter Musik ist manchmal fast schon wie Yoga.

Die Kulinarik war ein wesentlicher Teil des Abends.
Die Kulinarik war ein wesentlicher Teil des Abends. © Christian Juppe

Die erste Stunde, vom natürlichen Spektakel der Dämmerung wunderhübsch ausgeleuchtet, brachte nach den erwähnten Stücken von Strauß, Grieg, Mozart und Bizet weitere erlesene Momente mit Verdi und Beethoven. René Pape sang eine Arie aus „Simon Boccanegra“, danach erklang das Finale der 5. Sinfonie. Dirigent Förster, der eloquent durchs Programm führte, erinnerte daran, wie viele gute Ideen zum Beethoven-Jahr virenbedingt ins Wasser gefallen sind. Hier aber wehte Ludwigs Musik erhaben über die Seerosen und die Besuchertische hin, von der Tonanlage subtil verstärkt, sodass auch das Publikum an den Flanken auf seine Kosten kam.

Nach einer Pause und dem Einbruch der Dunkelheit reihten die Prager weiter Klassiker an Klassiker. Die Halle im Hintergrund diente den versierten Illuminateuren als Projektionsfläche. Blau leuchteten die Wände bei Dvoráks „Rusalka“, rot bei Gounods „Faust“, wobei Pape, erst als Wassermann, dann als Mephisto, abermals alle in Entzücken versetzte. Auch die instrumentalen Juwelen funkelten fein: Partien aus Smetanas „Moldau“, Tschaikowskis „Schwanensee“ oder, als erste von drei Zugaben, Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“. 

René Pape sang gemeinsam mit Prager Musikern.
René Pape sang gemeinsam mit Prager Musikern. © Christian Juppe

Die Serenade am See klang besinnlich aus mit dem Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“, noch einmal mit dem stürmisch gefeierten René Pape, allerdings ohne den besungenen Mondschein. Kultur und Natur haben bei diesem Open-Air-Fest trefflich harmoniert. Frau Luna vorzuwerfen, dass sie sich scheu hinter den Wolken versteckte, vielleicht weil sie schon wieder ganz schön zugenommen hat, das ginge am Sinn des Seebühnen-Festes vorbei.

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Am Samstag, am Ende des Konzerts mit Sänger Jan Josef Liefers gab es dann noch einen möglicherweise einmaligen emotionalen Moment. René Pape trat zu ihm auf die Bühne, ganz ungewohnt in dunkler Alltags-Kleidung und Schiebermütze, und sang mit ihm. Zwei so verschiedene Dresdner Publikumslieblinge zusammen am Mikrofon, das brachte die Stimmung zum Sieden. Auch dieser Auftritt dürfte dafür sorgen, dass das Seebühnen-Festival nicht so schnell wieder vergessen wird. Alle Wetter – ein abwechslungsreiches Spektakel!

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