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Dann wurden sie einfach aufgegessen

Tot wie ein Dodo: Im Japanischen Palais in Dresden wird das Artensterben spektakulär inszeniert.

Ein isländischer Fischer greift nach zwei Riesenalken. Sie lebten anders als die Pinguine auf der Nordhalbkugel. 1844 wurden die letzten Exemplare getötet.
Ein isländischer Fischer greift nach zwei Riesenalken. Sie lebten anders als die Pinguine auf der Nordhalbkugel. 1844 wurden die letzten Exemplare getötet. ©  Ronald Bonss

Am 3. Juni 1844 starb der Riesenalk aus. Das Verschwinden einer Tierart lässt sich selten so genau bestimmen. Die Riesenalke lebten auf Inseln am Nordatlantik. Sie konnten gut tauchen, aber nicht fliegen und legten jedes Jahr ein Ei auf den Fels. Das reichte, denn Feinde hatten sie nicht – bis die Siedler kamen. 

Diese aßen das fette Fleisch, nutzten das Öl und verheizten die Knochen. Eine der letzten Tierkolonien zog sich zurück auf eine Vulkaninsel und verschwand mit dem Ausbruch des Vulkans 1840 fast völlig. Nun begann ein Wettstreit um die wenigen überlebenden Tiere. Museen und Sammler zahlten viel Geld für Eier und Bälge. An jenem Junitag waren die Fischer Jón Brandsson und Sigurdur Isteifsson erfolgreich. Sie erwürgten die letzten beiden Riesenalke. Der dritte Mann namens Ketill Ketilson zertrat im Gewimmel ein Ei und löschte die Art endgültig aus. Falls später noch mal so ein pinguinähnlicher Vogel gesichtet wurde, zählt das nicht. Weg ist weg.

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So dramatisch wird die Geschichte in einer Ausstellung im Japanischen Palais in Dresden erzählt, die an diesem Freitag öffnet. Drama muss sein. Ohne Effekte erregt man keine Aufmerksamkeit. Wen interessiert der kleine schwarze Käfer, der gerade in diesem Moment als Letzter seiner Art vertrocknet? Deshalb setzen die Ausstellungsmacher auf spektakuläre Sympathieträger wie Eisbär, Orang-Utan, Tiger und Breitmaulnashorn. Solche Tiere haben eine Lobby, weil sie niedlich aussehen oder schlaue Dinge können oder dem Menschen ähneln. Pech für den Käfer. Die ausgestorbenen wie die stark gefährdeten Tiere werden in Originalgröße inszeniert. Mitunter steht eine Menschenfigur daneben, echt bis zur Tätowierung und zum Dreck unter den Fingernägeln. Neben dem Nashorn hockt ein Ranger in Uniform, der fassungslos auf die blutigen Stumpelreste der Hörner starrt. Da haben Modelleure mit Kautschuk, Silikon und Fieberglas ganze Arbeit geleistet. Beinahe sieht man das Nashorn atmen. Der Ranger im Sand hat seinen Hut abgesetzt, als würde er trauern. Man muss solche Theatralik nicht mögen. Hier rechtfertigt wohl der Zweck die Mittel.

Der Dodo gehört spätestens seit „Alice im Wunderland“ und dem Animationsfilm „Ice Age“ zu den Sympathieträgern unter den ausgestorbenen Tierarten.
Der Dodo gehört spätestens seit „Alice im Wunderland“ und dem Animationsfilm „Ice Age“ zu den Sympathieträgern unter den ausgestorbenen Tierarten. © Ronald Bonß

Ein bärtiger Fischer mit Strickpullover und Wollhandschuhen klettert auf ein Felsstück und greift nach den Riesenvögeln. Jón oder Sigurdur? Das ist nicht auszumachen. Die Vögel sind nachgebaut. Im Senckenberg-Museum Dresden steht noch ein echter präparierter Riesenalk. Leider steht er dort im Verborgenen. Im Unterschied zu den meisten deutschen Großstädten will sich Dresden kein Naturkundemuseum leisten. Ab und zu gibt die Sammlung ein Gastspiel. Die aktuelle Ausstellung wurde zusammen mit der Agentur „eli – eine lose Idee“ vorbereitet und mit dem Naturkundemuseum Kassel. Dort war sie schon zu sehen. Die Absicht liegt auf der Hand: So wie bisher kann es auf der Welt nicht weitergehen. „Wir produzieren ein Massensterben“, sagt der Kasseler Museumsdirektor Kai Füldner.

Täglich verschwinden etwa 130 Tier- und Pflanzenarten für immer. Dieser Prozess beschleunigt sich unerhört schnell. Ursachen sind Klimawandel, Umweltverschmutzung, Zerstörung des Lebensraums, Jagd und Wilddieberei. Große Schäden richten eingewanderte Arten an wie etwa der Amerikanische Ochsenfrosch. „Doch alles ist menschengemacht“, sagt Füldner. „Wenn wir nicht gegensteuern, wird es auch in Deutschland hochdramatisch.“ Er spricht von einer „Aussterbewelle“, die jeder beobachten könne, wenn er nur wolle. Maisfelder bis zum Horizont und drum herum bestenfalls ein Alibistreifen mit Wildblumen. Da kann ein Schmetterling lange suchen.

Vom ursprünglichen Bestand an Rebhühnern lebt gerade mal noch ein Prozent. Einige stehen in der Ausstellung verloren neben einem Feldhamster. Ein Aal liegt auf dem Trockenen. Auch dem Trauerschnäpper geht es nicht gut. Früher gab es reichlich Raupen und Insekten, wenn er aus dem afrikanischen Winterquartier ins Land kam. Jetzt ist das Frühjahr schon fast vorbei, wenn er eintrifft, der Tisch ist leer, und die Jungen verhungern. „Der Trauerschnäpper gehört zu den Verlierern der Klimaerwärmung“, sagt Kai Füldner. Ein Hoffnungszeichen hat er gleich an den Anfang gesetzt: Originalschilder von Protestdemonstrationen. Eine Pappe fordert „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“. Dabei gibt es doch schon seit 300 Jahren ein Bewusstsein dafür, was Ausrottung bedeutet. Da war an Kurzstreckenflüge noch nicht zu denken.

Der Titel der Schau „Tot wie ein Dodo“ bezieht sich auf eine englische Redensart und meint, dass jemand mausetot sei. Als die britische Premierministerin Theresa May mit ihrem Brexit-Deal scheiterte, schrieb eine Zeitung, sie sei „dead as a dodo“. Einen Dodo bietet die Ausstellung auch. Steht einfach so da mit dickem Bauch, kurzen Flügeln, wulstigem Schnabel und Stummelschwanz. Das wäre ein Wunder! Denn der Dodo ist seit dem 17. Jahrhundert ausgestorben und nur in zeitgenössischen Zeichnungen überliefert. Jemand hat mal eine Kralle gefunden und einen Schnabel. Mehr war nicht. Das Exemplar in der Ausstellung wurde deshalb kunstvoll auf einer Gans präpariert. Es stammt aus dem Kamenzer Museum der Westlausitz.

Der echte Dodo lebte auf Mauritius, ernährte sich von vergorenen Früchten und landete zuletzt in den Bratpfannen der Seeleute. „Die Tiere wurden einfach aufgegessen, bis sie alle waren“, sagt der Kasseler Museumschef. „Innerhalb von dreißig, vierzig Jahren war es vorbei.“ Dabei sollen die Vögel tranig geschmeckt haben. Aber in der Not frisst der Teufel auch Dodofleisch.

Ausstellung im Japanischen Palais Dresden, geöffnet bis 17. Januar, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr.

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