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Wenn der Kirchturm wackelt

Die älteste Kirche der Oberlausitz in Jauernick bei Görlitz ist seit einem Jahr gesperrt. Scheinbar tut sich nichts. Die Unzufriedenheit unter den Jauernickern wächst, ihr Engagement auch.

Abgesperrt seit einem Jahr: Die St. Wenzelslaus-Kirche in Jauernick.
Abgesperrt seit einem Jahr: Die St. Wenzelslaus-Kirche in Jauernick. © André Schulze

Den Dachreiter sieht man schon aus großer Entfernung. Kein anderes Gebäude gehört so zu Jauernick, dem kleinen Bergdorf bei Görlitz,  wie die katholische St. Wenzeslaus-Kirche. Doch seit mehr als einem Jahr ist sie gesperrt, schlüpft die Gemeinde bei der evangelischen Bergkapelle unter, ist ein Teil des Friedhofes nicht zugänglich.

Und es tut sich scheinbar nichts. Das Warnschild hängt nun auch schon wieder seit einem Jahr und weist darauf hin, dass die Kirche aus bautechnischen Gründen geschlossen ist. Das wäre bei jeder Kirche schlimm, aber hier ist es besonders hart: Denn die St. Wenzeslaus-Kirche gehört zu den ältesten Kirchen in der Oberlausitz. Bis ins 10. Jahrhundert sind Vorgängerbauten nachweisbar, älteste Teile des heutigen Baus, der 1443 geweiht wurde, stammen aus dem Jahr 1230. 

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Die St. Wenzeslaus-Kirche am Fuße des Kreuzberges prägt die Silhouette von Jauernick wie kein zweites Gebäude.
Die St. Wenzeslaus-Kirche am Fuße des Kreuzberges prägt die Silhouette von Jauernick wie kein zweites Gebäude. © Archivfoto: SZ/Steffen Gerhardt

Und es tut sich scheinbar nichts. Das Warnschild hängt nun auch schon wieder seit einem Jahr und weist darauf hin, dass die Kirche aus bautechnischen Gründen geschlossen ist. Das wäre bei jeder Kirche schlimm, aber hier ist es besonders hart: Denn die St. Wenzeslaus-Kirche gehört zu den ältesten Kirchen in der Oberlausitz. Bis ins 10. Jahrhundert sind Vorgängerbauten nachweisbar, älteste Teile des heutigen Baus, der 1443 geweiht wurde, stammen aus dem Jahr 1230. 

Die Sperrung der Kirche schmerzt die Jauernicker, die Katholiken unter ihnen zumal. Zwei von ihnen sind Jakob Kretschmer und Dominike Cegla. Er ist 24 Jahre alt, Student an der Hochschule für Musik in Dresden und spätestens seit der 1.050-Jahr-Feier vor zwei Jahren im Ort bekannt.

Damals organisierte er ein Geburtstagskonzert für das Bergdorf, spielte selbst auf der Müller-Reiß-Orgel in der Wenzeslaus-Kirche. Dominike Cegla wiederum ist eine junge Mutter aus dem Ort. Und hat grafisches Talent. Zusammen haben die beiden nun eine Postkartenaktion gestartet. Sechs Motive gestalteten sie auf den Karten, druckten 150 Stück und verkaufen sie zum Spendenpreis von vier Euro in der Bergkapelle sowie an diesem Wochenende zum Weihnachtsmarkt. Das Ziel: Einen Beitrag leisten für die Sanierung der Kirche. Mit der Initiative, sagt Jakob Kretschmer gegenüber der SZ, wolle er "etwas Aufmerksamkeit und ein Bewusstsein für den Missstand" erreichen.

Dominike Cegla und Jakob Kretschmer starten für die Sanierung der Kirche in Jauernick nun eine Postkartenaktion.
Dominike Cegla und Jakob Kretschmer starten für die Sanierung der Kirche in Jauernick nun eine Postkartenaktion. © privat

Ein Missstand, der nun schon seit dem Sonntag vorm ersten Advent 2018 andauert. Damals reagierte die Pfarrgemeinde Heiliger Wenzel auf die dringliche Empfehlung eines Statikers, die Kirche vorerst zu sperren. Untersuchungen hatten ergeben, dass der Kirchturm einsturzgefährdet sei.

Beim Glockenläuten, so schilderte Pfarrer Norbert Joklitschke vor einem Jahr in der SZ, sei aufgefallen, dass sich der Kirchturm irgendwie bewege. Zuvor waren schon Dachschindeln herabgefallen. Offiziell sind auch rund 50 der 100 Gräber auf dem umliegenden Friedhof abgesperrt, doch finden die Einwohner Wege, um an die Gräber ihrer Angehörigen zu gelangen. Optimistisch hieß es kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres, wenn alles klappt, könnte es im Frühjahr mit der Sanierung beginnen.

Dieses Schild hat die Kirchgemeinde an der Friedhofsmauer anbringen lassen - vor mehr als einem Jahr.
Dieses Schild hat die Kirchgemeinde an der Friedhofsmauer anbringen lassen - vor mehr als einem Jahr. © Foto: André Schulze

Ob die Sperrung wirklich nötig war, darüber gab es auch innerhalb der katholischen Kirche geteilte Meinungen. Stimmen wie vom Bauamtsleiter Thomas Backhaus sprechen auch von einer "übervorsichtigen" Reaktion. Allerdings trägt die Pfarrgemeinde als Eigentümer die Verantwortung, wenn etwas geschieht und Leute zu Schaden kämen. 

Unstrittig ist allerdings, dass etwas getan werden muss. Doch das Jahr ging über der Frage dahin, in welchem Umfang der verschieferte Dachreiter mit dem spitzen Helmdach saniert werden soll. Die einen empfahlen den alten Turmhelm abzunehmen und einen neuen aufzusetzen sowie die Dachkonstruktion zu überholen. Andere wie Backhaus setzen sich für eine konstruktive Sicherung von Dachstuhl und -reiter vor Ort ein. Der Unterschied liegt im Aufwand und damit bei den Kosten. Muss man mit 1,2 Millionen Euro bei der großen Variante rechnen, so könnte die Sicherung vor Ort mit der Hälfte der Summe auskommen. 

Unzufriedenheit unter den Jauernickern ist groß

Dass so lange scheinbar nichts geschah, ist auch der neuen Gemeindestruktur geschuldet. Jauernick gehört zur Gemeinde Heiliger Wenzel in Görlitz. Die sanierte bis zum Sommer die Heilig-Geist-Kirche auf der Struvestraße, in diesen Tagen startete die Innensanierung der Kathedrale St. Jakobus, die als Bischofskirche ebenso zu der Gemeinde zählt. Und dann musste  Pfarrer Joklitschke auch noch eine schwere Erkrankung überwinden, lange Zeit war nicht abzusehen, wie es für ihn ausgeht. Und Jauernick ist eben nur noch eine kleine katholische Gemeinde.

Trotzdem ist die Unzufriedenheit  unter den Jauernickern groß, dass sich so wenig rund um die Kirche tut. Auch deswegen ist die Postkartenaktion jetzt ein Signal. Ein Signal, dass die Sanierung nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird. Das will Thomas Backhaus auch nicht.

Tatsächlich finden vom beauftragten Ingenieurbüro auch Untersuchungen an der Holzkonstruktion des Dachstuhles statt, wird statisch überprüft, inwieweit auch das Dach in Mitleidenschaft gezogen wurde. Aber realistischerweise wird nicht vor 2021 mit einem Baubeginn gerechnet. Immerhin scheint aber nun alles für eine konstruktive Sicherung vor Ort zu sprechen, also die "kleinere" Variante für rund 600.000 Euro.

Zuvor aber muss erst noch die Baugenehmigung beantragt und erteilt sowie die Finanzierung geklärt werden. Und schließlich Baufirmen gefunden werden, die diese Arbeiten auch leisten können. Backhaus kennt nur zwei, drei Unternehmen in der Region, die dazu in der Lage sind. Schließlich soll so viel originale Bausubstanz erhalten bleiben wir möglich. Darin sind sich Kirche und Denkmalschutz einig. Die Jauernicker werden also noch Durchhaltevermögen brauchen.

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