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Feuilleton

Jazz für alle, die keinen Jazz mögen

Das Dresdner Duo Olicia ergänzt sich perfekt. Und mit seinem kommenden Album bringt es Menschen zusammen.

Fama M’Boup (l.) und Anna-Lucia Rupp haben in Dresden studiert, hier ihr Duo Olicia gegründet und spielen jetzt in Dresden.
Fama M’Boup (l.) und Anna-Lucia Rupp haben in Dresden studiert, hier ihr Duo Olicia gegründet und spielen jetzt in Dresden. © PR

Am Anfang war das Gerät. Genauer: Waren zwei Geräte. Anna-Lucia Rupp hatte sich eine Loop-Station gekauft, wollte von Fama M’Boup, die schon länger damit experimentierte, ein paar Tricks lernen. Die Übungsstunde wurde flugs zur Session, wenig später waren die beiden eine Band.

Unter dem Namen Olicia gingen sie vor anderthalb Jahren an den Start, als sie noch Gesangsstudentinnen an der Dresdner Musikhochschule waren. Jetzt haben beide ihre Abschlüsse in der Tasche, jede Menge Konzerte gespielt und eine erste CD mit sechs Songs aufgenommen. „Wir merken klar, dass es vorangeht“, sagt Fama M’Boup. „Eine Booking-Agentur kümmert sich um unsere Termine, ein Plattenlabel ist auf uns aufmerksam geworden, dazu noch der eine oder andere wichtige Mensch. Die anfängliche Durststrecke ist vorbei.“ Anna-Lucia Rupp ergänzt: „Eigentlich ging es doch ganz schön schnell, aber dafür haben wir auch hart geackert.“

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Während die Berlinerin Fama M’Boup nach dem Vergleich mehrerer Hochschulen sich gezielt für die Dresdner Jazzgesangsklasse entschieden hatte, lernte Anna-Lucia Rupp aus dem 30-Seelen-Nest Giesenweiler bei Ravensburg die hiesige Szene zunächst vom Tresen aus kennen. Im Jazzclub Tonne arbeitete sie nebenbei, während sie an der TU Psychologie studierte. Zumindest ein Jahr lang. „Eigentlich dachte ich, okay, ich lerne erst mal was Anständiges, Musik kann ich ja dann immer noch machen.“ Aber dann sei es ihre Mutter gewesen, die sagte: „Jetzt lass mal den Scheiß, ich merke doch, dass das nichts für dich ist. Mach lieber, wofür du brennst – und dann klappt das auch.“ Prompt hielt sich die Tochter an diesen Rat.

Sie bewarb sich an der Musikhochschule, hatte aber bald ein Problem. „Im ersten Jahr war ich so wissbegierig, dass ich vier Bands auf einmal gründen musste. Ich hatte so einen Bock auf ganz unterschiedliche Stilistiken und Besetzungen. Dann kam die Erkenntnis: Das bringt so nichts.“ Ihr wurde schlagartig klar, dass sie sich auf die ihr wirklich wichtigen Projekte konzentrieren muss, um mit ihnen in die Tiefe gehen zu können.

Die beiden Musikerinnen, beide 25, beide voller Energie, stricken jeweils mühelos den gedanklichen Faden der anderen weiter, ergänzen sich perfekt und führen, sagen sie selbst, eine Art Duo-Ehe. Ohne diese persönliche Verbindung würde es mit der Musik nicht klappen. Es brauche eine gewisse Ebene an Vertrauen, nur so entstehe die nötige Magie. Während M’Boup, einen Kopf größer als die Kollegin, beim Reden viel und laut lacht, noch mehr gestikuliert und – einmal im Fluss – schwer zu bremsen ist, agiert Rupp in jeder Hinsicht reduzierter. Doch auf der Bühne gleichen sie ihre Temperamente an, agieren mit einem speziellen Mix aus Leidenschaft, Präzision und Lust am Experiment. Das Ergebnis bezeichnen sie als „Electronic handmade Loopjazz“. Besonders auf Jazz legen sie wert.

Fama M’Boup: „Wir kommen beide aus dem Jazz, vieles ist trotz der Elektronik, der Beats und Bässe von Improvisation geprägt. Also es ist Jazz, auch wenn es nicht danach klingt.“ Und Anna-Lucia Rupp hängt an: „Es ist definitiv kein Pop, was wir machen.“ Zielgruppe sei dennoch weniger das klassische Jazzklubpublikum, sie haben eher Leute im Blick, die weniger auf Jazz stehen, dafür aber auf gute und originelle Musik. Die nach einem Konzert verblüfft fragen: „Ach, das war Jazz, wirklich?“ In Dresden spielen Olicia jetzt zweimal beim stilistisch flexiblen Elbhangfest und demnächst in Krakau in einem Klub, in dem sonst vor allem elektronische Musik läuft.

Doch reichen die Konzerte, um über die Runden zu kommen? „In manchen Monaten schon“, sagt Anna-Lucia Rupp. „Aber ich gebe auch Gesangsunterricht, leite einen Chor und mache beides sehr gerne. Man braucht halt viele Standbeine. Gerade am Anfang.“ Für Fama M’Boup ist entscheidend, dass die Balance zwischen den verschiedenen Projekten stimmt. „Ich arbeite bei einem Theaterprojekt mit Jugendlichen in Berlin mit. Das macht Spaß, zahlt aber auch die Miete.“

Die Ausbildung ist abgeschlossen und nun geht es los im Beruf. So funktioniere es vielleicht bei Ingenieuren. M’Boup: „Klar, wir haben den Abschluss, sind Musikerinnen, was das aber konkret beinhaltet, können wir uns selbst aussuchen.“ Sie allein entscheiden, ob das zum Beispiel heißt, auf Firmenfeiern die Hits der letzten 30 Jahre zu singen. „Würden wir das wollen, wäre das okay. Nun wollen wir genau das aber nicht. Der Segen an diesem Job ist, dass wir selbst definieren können, was unser Beruf ist; der Fluch hingegen manchmal, dass wir es definieren müssen.“

Ein großer Vorteil ihres Duos Olicia ist zweifellos, dass sie keinen fünfköpfigen Bläsersatz, keinen Flügel, keinen Platz für ein üppig bestücktes Schlagzeug brauchen. Auf engstem Raum holen sie ein Maximum an Sound heraus. „Es gibt kein Loop-Duo, das auf unsere Art Musik macht, da gibt es auch keine Vorbilder“, so M’Boup. „Das engt nicht ein, lässt einem alle Freiheit. Weil wir uns an niemandem orientieren wollen, können, müssen.“

Gerade jetzt, wo sie nach Berlin zurückgezogen ist, die Kollegin aber weiterhin „als glückliche Wahldresdnerin“ in der Neustadt lebt, sei es praktisch, mit nur einem großen Koffer sämtliche für ein Konzert nötige Ausrüstung transportieren zu können. Rupp: „Wir haben zwar schon mal über ein Auto nachgedacht, noch fahren wir jedoch zu sämtlichen Auftritten mit Zug oder Bus.“

Für die schnelle Kommunikation zwischen Dresden und Berlin setzen sie ganz auf elektronische Kommunikationsmittel, wirklich zum Team wurden sie einst jedoch dank eines altmodischen Briefwechsels. Fama M’Boup war für zwei Urlaubssemester im Senegal und sagt, sie hatte schnell keine Lust mehr auf Skype und Co. „Ich schrieb lange Briefe an alle möglichen Leute, irgendwann auch an Anna, die ich zwar durchs Studium, aber nicht sehr gut kannte.“ Als hätte es nur dieser Initialzündung bedurft, ging erst viel Post hin und her, zurück in Dresden gab es den Direktaustausch bei Kaffee. Anna-Lucia Rupp: „Wenn man älter ist, freundet man sich nicht mehr so schnell an wie zu Schulzeiten. Bei uns klappte es trotzdem sofort, das gemeinsame Musikmachen kam später als i-Tüpfelchen hinzu.“

Musik trifft Soziologie

Getrennte Wege gehen beide bei der akademischen Karriere. Fama M’Boup lässt dem Bachelor ab Oktober einen European Jazz Master folgen, ein Studium mit Unterricht an Hochschulen in Amsterdam, Berlin, Kopenhagen, Paris und Trondheim. „Ich bin so vollgepumpt mit Wissen, dass ich das erst sacken lassen, das Akademische ein bisschen rauskriegen muss“, sagt hingegen Anna-Lucia Rupp. „Ich will andere musikalische Richtungen testen, für die ich bislang keine Zeit hatte. Und viel später vielleicht einen Master im Ausland machen. Zunächst kommt für mich aber wirklich nur Musik, Musik und nochmals Musik.“

Die wird von Olicia demnächst auch zur Basis für eine Art soziologische Feldforschung, im günstigsten Fall zu einem Kontaktanbahnungsmittel. Das Duo arbeitet an seinem ersten Album, das nicht nur auf Vinyl, sondern zudem in drei verschiedenen Versionen erscheinen soll. Rupp: „Der Käufer entscheidet sich für eine davon und bekommt mit der Platte Zugang zu einer Website, auf der er sich registrieren und anschließend sehen kann, wer in seiner Gegend eine andere Version hat.“ Der erhoffte nächste Schritt: „Die Leute treffen sich, hören zusammen Musik, tauschen sich über alles Mögliche aus.“ Echte Begegnungen mit echten Menschen im echten Leben. „Das wird für uns genauso aufregend wie für die Plattenkäufer“, vermutet Fama M’Boup. „Läuft es gut, machen wir das vielleicht zum Prinzip.“

Nächste Konzerte von Olicia in Dresden beim Elbhangfest: 29. 6., 18 Uhr, Festbühne Wachwitz und 30.6., 13 Uhr, Gärten/Laubegaster Straße

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