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„Wir haben nicht aufgegeben, wir kämpfen!“

Jazztage-Chef Kilian Forster spricht im sächsische.de-Interview über verheerende Corona-Folgen, fehlende Solidarität und neue Rettungspläne.

Kilian Foster gemeinsam mit Kunstministerin Barbara Klepsch bei einer „Stumme Künstler“-Demonstration am Elbufer.
Kilian Foster gemeinsam mit Kunstministerin Barbara Klepsch bei einer „Stumme Künstler“-Demonstration am Elbufer. © Sven Ellger

Kilian Forster war Solo-Bassist der Dresdner Philharmonie, machte sich dann mit der mehrfach ausgezeichneten Klassik-Jazz-Crossover-Band Klazz Brothers selbstständig und rief vor 20 Jahren die Jazztage Dresden ins Leben. Das Festival ist inzwischen eines der bundesweiten größten seiner Art. Durch den Corona-Lockdown sieht sich Forster jetzt in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht, weshalb er die Protestaktion der „Stummen Künstler“ startete. Im Interview erklärt er, was genau er von der Politik fordert und warum die gesamte Branche vorm Kollaps steht.

Wie geht es Ihnen angesichts der aktuellen Situation im Konzertgeschäft?

Ich lebe zwischen schlaflosen Nächten, Depression und Hoffnung. Das wechselt immer wieder, je nachdem, mit welchem Politiker man gerade geredet hat oder welche Maßnahmen angekündigt wurden. Da denkt man oft: Ja super, das ist doch was. Doch dann steckt der Teufel im Detail: Ist man gemeinnützig, bekommt man den 100.000-Euro-SAB-Kredit nicht; weil man als Gemeinnütziger keine Gewinne machen darf, bekommt man den KfW-Kredit nicht. Bei weniger als fünf Festangestellten gibt es trotz teils zweistelligen Millionenumsatzes für Veranstalter anstatt der propagierten 150.000 nur 9.000 Euro im Konjunkturprogramm des Bundes. So läuft es immer. Ich habe Respekt vor den Politikern, die jetzt Rettungsprogramme organisieren müssen. Doch bei den zig Programmen, die aufgelegt wurden, fallen die Soloselbstständigen, der Mittelstand und die großen Veranstalter und Träger der freien Kultur zu oft durchs Raster.

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Was heißt das konkret für Sie, wenn sich daran nichts ändert?

Passiert wirklich nichts, werde ich die Branche wechseln. Komplett.

Nicht nur die Jazztage wären dann Geschichte, sondern auch Ihre Band, die Klazz Brothers?

Mit der Band könnte man zum Spaß noch ab und zu spielen, aber keinesfalls zum Broterwerb. Das wäre in der aktuell transkontinentalen Besetzung dann höchstens noch ein Hobby.

Welche Alternative sehen Sie für sich?

Meine Frau und ich sind handwerklich begabt und geschäftstüchtig. Wir haben schon ein Haus und eine Wohnung selbst saniert. Also würden wir durch Anbau und Vermietung versuchen, unser Einkommen und die Rente zu finanzieren. Das wäre rentabler als das wahrscheinlich niedrigste Intendantengehalt Sachsens, welches für die Zukunft sogar unklar ist. Wir dachten bislang, auf der sicheren Seite zu stehen, weil wir dreigleisig als Musiker, Konzertagentur und mit den Jazztagen fahren: Jetzt ist auf allen drei Ebenen Schicht.

Wie bedroht sind die Jazztage derzeit tatsächlich?

Schon nach 14 Tagen im Lockdown hat sich abgezeichnet, dass wir 20 Prozent des Umsatzes als Hilfe brauchen, um die schon angefallenen Personal- und Werbekosten stemmen zu können. Nur fünf Prozent des Millionenetats sind gefördert, 95 Prozent haben wir erwirtschaftet. Das ist unter diesen Umständen schlicht nicht möglich. Also müssten die Jazztage ohne weitere Änderung des Insolvenzrechts Ende September Insolvenz anmelden.

Die 20. Jazztage sollten von 21. Oktober bis 23. November stattfinden. Haben Sie keine Hoffnung, dass ab November wieder größere Konzerte möglich sind?

Das ändert außer bei den Konzerten mit Gregory Porter, Estas Tonne und Klazz Brothers wenig. Die internationalen Stars touren nicht mehr im Herbst und so kommen keine 25 großen Konzerte im Ostra-Dome zustande, die gemeinsam den Aufbau der Einbauten refinanzieren. Das Publikum ist auch wegen der in Aussicht gestellten zweiten Corona-Welle so zurückhaltend im Kauf, dass jetzt zusätzliche Konzerte noch mehr Verlust bringen würden. Es fehlen internationale Ticketkäufer, die Kaufkraft des Publikums und ein Teil des Publikums wird aus Angst vor einer Infektion trotz Hygienekonzept einfach wegbleiben. Wir versuchen deswegen, einen Teil der Konzerte als Open-Air in den Sommer vorzuverlegen. Den Anfang macht Tina Tandler in der „Jungen Garde“. Wenn es gut läuft, steigt bei uns die Zuversicht für kleinere Jazztage mit Konzerten in den Ostra-Studios.

Jazztage-Intendant Kilian Forster hat sich während des Lockdowns den Bart wachsen lassen.
Jazztage-Intendant Kilian Forster hat sich während des Lockdowns den Bart wachsen lassen. © privat

Welche Hilfe genau erwarten Sie vom Freistaat Sachsen?

Zunächst ist es ja schon mal ein gutes Zeichen, dass man für die freie Szene Geld locker macht, ebenfalls, dass sowohl die Kunstministerin als auch der Ministerpräsident zu Stumme Künstler gekommen sind. Gemeinsam müssen wir nun dafür kämpfen, dass die Bundeshilfen massiv ausgeweitet werden. Die eine Milliarde ist ein Bonsai-Programm. Das ist für die komplette Kultur Deutschlands die Summe, die die Sanierung der Stuttgarter Oper kostet! Die Fünf-Mitarbeiter-Begrenzung muss gestrichen werden, die Lebenshaltungskosten der Soloselbstständigen generell müssen anerkannt werden. Der Freistaat muss die Hilfen individueller gestalten. Die Begrenzung auf 50.000 Euro in Sonderfällen ist weder ausreichend noch mit den Betroffenen abgesprochen.

Gibt es regionale oder nationale Unterschiede bei den Hilfen?

Erhebliche! Hessen etwa schießt fünf Euro pro Festivalbesucher des Vorjahres zu, Österreich wiederum zahlt allen Musikern 1.000 Euro Grundsicherung pro Monat, Norwegen und England geben 80 Prozent des Vorjahreseinkommens.

Kommt durch Ihre Aktion „Stumme Künstler“ denn Bewegung in die Sache?

Ja. Neben der hervorragenden Arbeit vieler Verbände und anderer Initiativen erzielt die Straße große Wirkung. Dass immerhin fast die Hälfte der 68 Millionen in die freie Kulturwirtschaft ging, ist ebenso ein Erfolg wie die aus der Demo heraus entstandenen „Kulturinseln Dresden“ durch den OB für die Dresdner Künstler. Es geht aber nicht um ein paar Musiker oder Klubbetreiber, sondern um Existenzbedrohung des sechstgrößten Wirtschaftszweigs im Land mit anderthalb Millionen Beschäftigten. Das Finanz- und das Wirtschaftsministerium sollten in die Kulturwirtschaft investieren, statt den Exodus zu verwalten.

Erkennt die Politik womöglich den Ernst der Lage bislang nicht?

So sieht es teilweise aus. Gehen die freien Veranstalter krachen, wird es anschließend Jahre dauern, die Strukturen wiederaufzubauen. Diese Steuereinnahmen werden fehlen. Bei den andauernd positiven Meldungen zu Wiedereröffnungen von subventionierten Häusern verkennt man, dass es ohne Hilfe oftmals wirtschaftlich unverantwortlich ist, wieder zu spielen. Auch Stadt und Land würden mit Kurzarbeit ihrer Mitarbeiter enorm Geld sparen.

Sie meinen also, die Kollegen der städtischen und staatlichen Kulturbetriebe sind unsolidarisch?

Ja, leider. Zum Teil. Die Verweigerung von 90 Prozent Kurzarbeit durch viele Betriebsräte war absolut falsch. Dies hätte die Millionen sparen können, die für die Freien als Hilfe zur Substanzsicherung jetzt noch fehlen. Einzelne stehen uns bei, aber es sind vor allem sture Betriebsräte und Gewerkschaften, die Kurzarbeit verhindert haben, obwohl die Kollegen der subventionierten Einrichtungen ebenso nicht arbeiten durften. Wie man derartig unsolidarisch sein kann, erschließt sich mir nicht. Regelrecht verhöhnt fühlt man sich zudem, wenn gut bezahlte und festangestellte Kulturakteure tönen, sie wären noch nie so kreativ wie im Corona-Lockdown gewesen.

Halten hingegen die freien Veranstalter jetzt zusammen?

Unbedingt. Der Zusammenhalt war noch nie so stark wie jetzt. Konkurrenten sitzen nun in einem Boot und verhalten sich entsprechend. Nicht nur bei unseren Demonstrationen stehen wir zusammen, das geht darüber hinaus. Bundesweit schließt sich die Branche zusammen, was bei zig Tausenden Betrieben nicht so leicht ist. Aber diese gemeinsame Existenznot mobilisiert alle.

Gibt es irgendetwas, dass Ihnen Mut und Zuversicht gibt?

Wir gehen mit Optimismus in den Sommer, in der Hoffnung, von der Politik gehört zu werden. Wenn der Verkauf für das Tina-Tandler-Konzert zum Dresdner Theatersommer weiter so gut läuft, machen wir noch Open-Air-Konzerte am Ostra-Dome und ein Benefizkonzert. Damit könnte sich das Defizit verringern. Wir haben ja mitnichten schon aufgegeben, wir kämpfen!

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Das Jazztage-Sommerkonzert: Tina Tandler und Band, findet am 31. Juli, 19 Uhr, in der Freilichtbühne Junge Garde im Großen Garten Dresden statt. Die „Stummen Künstler“ demonstrieren wieder am Mittwoch ab 17 Uhr auf dem Dresdner Neumarkt.

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