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Jechts Enkel freuen sich über Namensweihe

Das Bibliotheksgebäude heißt nun nach dem wichtigsten Görlitzer Stadthistoriker. Und noch mehr erinnert an ihn.

Von Ines Eifler

Es ist das Besondere des Abends der Wiedereröffnung der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften, dass nicht nur der eine im Programm angekündigte Enkel von Richard Jecht anwesend ist, sondern ganze elf Familienmitglieder des berühmten früheren Ratsarchivars und bedeutendsten Görlitzer Stadthistorikers. Darunter die drei Enkel Christiane, Ulrich und Ekkehard, Jechts Urenkel Alexander sowie drei Ururenkel.

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„Es hat uns alle sehr gefreut“, sagt der 73-jährige Ekkehard Jecht, „zu erfahren, dass unser Großvater dem Haus der Bibliothek seinen Namen geben wird.“ Aber ebenso schön sei es für die insgesamt vier noch lebenden Jecht-Enkel, über den Anstoß von Bibliotheksleiter Matthias Wenzel wieder mehr in Kontakt gekommen zu sein. „Wir hatten uns zum Teil seit Jahren nicht mehr gesprochen“, sagt er, „und unser letztes Zusammentreffen liegt viele Jahre zurück.“ Leider habe der vierte Enkel, der 80-jährige Konrad, wegen einer Erkrankung kurzfristig absagen müssen. Aber zu den Erinnerungen an ihren Großvater, die Ekkehard Jecht bei der Bibliothekseröffnung vorträgt, hat er mit beigetragen.

Alle vier Enkel haben Richard Jecht noch gekannt. Ekkehard Jecht lebte mit seinen Eltern zwar bis 1944 in Berlin, aber er verbrachte immer wieder Zeiten in Liebstein bei Kunnersdorf, wo seine Großeltern mütterlicherseits ein Gut besaßen und wo auch Richard Jecht oft zu Gast war. Besonders als Berlin im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde, schickte man die Kinder öfter in die noch verschonte Oberlausitz. Ekkehard Jecht sagt, als jüngster Enkel habe er nur wenige Erinnerungen an diese Zeit, aber er wisse noch genau, wie gut es sich anfühlte, auf Richard Jechts Schoß zu sitzen und von ihm vorgelesen zu bekommen. Lesen und Bücher seien vielleicht deshalb zu seiner „zweiten Natur“ geworden.

Die 74-jährige Christiane von Unger kann sich nicht nur über die nette Geschichte freuen, nach der ihr Großvater so beglückt war über ihre Geburt, dass er seiner Haushälterin einen Kuss gab. Sie und ihr drei Jahre älterer Bruder Ulrich erinnern sich auch an das tragische Ende von Richard Jecht. Im Zuge der Görlitzer Evakuierung im Februar 1945 wurde der 87-Jährige zusammen mit einigen Beamtenfrauen per Lastwagen nach Bad Schandau gebracht. Dort lebte Jechts Sohn Reinhard mit drei Kindern, darunter Christiane und Ulrich. Richard Jecht verbrachte bei ihnen, schon sehr gebrechlich und schwerhörig, seine letzten fünf Monate. „Wir wissen nicht genau“, sagt Ulrich Jecht, „wie viel er von den Fliegerangriffen und später den Plünderungen überhaupt mitbekam.“ So habe der Großvater einmal während eines Angriffs nichtsahnend auf der Terrasse gesessen, schließlich umgeben von Patronenhülsen, aber unverletzt. Im Juli 1945 übersiedelte die Familie dann nach Dresden, wo Richard Jecht bald darauf an den Folgen eines Schlaganfalls starb.

Keiner von Jechts Nachkommen ist danach im Osten Deutschlands geblieben. Ekkehard Jecht lebt als Arzt für Psychotherapie in Nürnberg. Sein Cousin Ulrich ist Unternehmensberater im Bereich Prozessanalytik in Baden-Baden. Und dessen Schwester Christiane hat im Bibliothekswesen gearbeitet und lebt in München. Richard Jecht hat inzwischen 15 Urenkel und 22 Ururenkel. So richtig in seine Fußstapfen getreten ist davon noch keiner.

Als Nachfahre im beruflichen Sinne kann sich aber Ratsarchivar Siegfried Hoche betrachten. Auch er freut sich sehr, die Familie des Mannes kennenzulernen, dem er und alle stadtgeschichtlich Interessierten das meiste verdanken. Bevor die Bibliothek am Freitagabend eröffnete, bekam er im Rathaus Besuch von Alexander Jecht und seiner Familie und zeigte ihnen Jechts Arbeitsplatz. Und manches konnte er erzählen, das der Urenkel noch nicht wusste. Zum Beispiel dass Jecht jeden Morgen einen winzigen Schnaps trank. Dass er seinen Beruf nicht im Stillen ausübte, sondern die Geschichte der Stadt immer lebhaft unter die Görlitzer trug. Und dass noch heute manchmal alte Damen ins Ratsarchiv kommen und mit leuchtenden Augen berichten, wie ihnen der „Professor“ einst historische Urkunden und Schriften zeigte.

Wie Richard Jecht damals in Görlitz gelebt und was er für die Stadt getan hat, ist für seine Nachfahren einerseits mit Stolz, aber auch mit Wehmut verbunden. So sagt Ekkehard Jecht: „Sein Leben war durch ein In-sich-Ruhen gekennzeichnet, wie es heute nicht mehr vorstellbar ist. Eine Existenz, die Ruf und Leben vereint.“ Am Ende übergab er Matthias Wenzel eine Büste, die Richard Jecht zeigt: „Als Dank dafür, dass Sie das Ansehen und Vermächtnis unseres Großvaters so hoch in Ehren halten.“