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Leben und Stil

„Jede Gewichtszunahme war ein Fest“

Wenn ein Baby nichts isst, sind die Eltern am Limit. Wie eine neue Therapie hilft, hat eine Familie aus Leipzig erlebt.

Auch so kann man mit Möhrenbrei umgehen. In der Eltern-Kind-Einheit der Psychosomatikstation des Uniklinikums Leipzig dürfen Kinder mit Fütterstörungen und Magensonden, wie Magnus aus Leipzig, auch mit Lebensmitteln matschen, um die Scheu vor dem Essen zu
Auch so kann man mit Möhrenbrei umgehen. In der Eltern-Kind-Einheit der Psychosomatikstation des Uniklinikums Leipzig dürfen Kinder mit Fütterstörungen und Magensonden, wie Magnus aus Leipzig, auch mit Lebensmitteln matschen, um die Scheu vor dem Essen zu © privat

Magnus aus Leipzig hatte einen schweren Start ins Leben. Bei dem heute knapp Zweijährigen ist nur die rechte Herzhälfte vollständig ausgebildet, die linke fehlt. „Das traf uns unvorbereitet. Unsere Hebamme hat gemerkt, dass mit dem Kleinen etwas nicht stimmt“, sagt Sophia, die Mutter von Magnus. Sie habe auf die Feindiagnostik in der Schwangerschaft verzichtet, weil sie bei ihrem ersten Kind wegen ein paar Normabweichungen regelrecht verängstigt war. Ihre Tochter kam aber kerngesund auf die Welt. Und das ist die Fünfjährige bis heute. So entschied sich Sophia für ein Geburtshaus statt einer Klinik. „Darüber habe ich mir nachher Vorwürfe gemacht. Ob die Herzfehlbildung in einem Krankenhaus vielleicht eher entdeckt worden wäre?“

Bereits an seinem fünften Lebenstag wurde Magnus am Herzen operiert. Insgesamt drei Operationen sind nötig, um den Blutkreislauf des Herzens so zu leiten, dass Gehirn und Organe genügend Sauerstoff bekommen. Der Kleine bekam eine Magensonde, durch die ihm die abgepumpte Muttermilch gegeben werden konnte. Bis zur zweiten OP im fünften Lebensmonat sollte die Sonde bleiben. Doch auch danach konnte der Junge nicht essen und nicht schlucken. „Das war sehr schlimm für uns“, so die Mutter.

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Die Eltern suchten verschiedene Spezialisten für Sondenentwöhnung auf. Jeder riet ihnen etwas anderes. Die Verzweiflung wuchs. Da keine organischen Ursachen, wie Fehlbildungen an der Speiseröhre, für die Essensverweigerung zu finden waren, kamen nur psychische in Betracht. Denn Magnus musste mehrfach intubiert werden, was offenbar zu einem Trauma im Hals-Rachen-Raum geführt hatte.

„Wenn ein Kind nicht isst, wird das von den Eltern als existenzielle Not, oft auch als eigenes Versagen gewertet“, sagt Carina Herdner, Psychologin am Uniklinikum Leipzig. Die Klinik bietet neben einer stationären Eltern-Kind-Einheit im Bereich Psychosomatik jetzt auch eine ambulante Kurzzeittherapie für Eltern an, deren Kleinkinder an Schlaf- und Fütterstörungen leiden oder ein extremes Trotzverhalten zeigen. Die Kurzzeittherapie sei eine neue Behandlung, die derzeit als Studie wissenschaftlich gefördert wird. Kliniken in Berlin und Flensburg seien ebenfalls beteiligt. „Wir wollen beweisen, dass diese sechswöchige ambulante Behandlung effektiver ist als eine Langzeittherapie“, sagt die Therapieleiterin Dr. Franziska Schlensog-Schuster. „Die Eltern, die zu uns kommen, sind meist sehr verzweifelt.“

Erst matschen, dann essen

Zur Behandlung von Fütterstörungen bekommen die Kinder zunächst einen anderen Zugang zum Essen. „Deshalb darf mit den Nahrungsmitteln auch gematscht werden, bevor sie sie selbst mit ihren Fingern in den Mund stecken“, sagt Carina Herdner. Auch Magnus hat fleißig gematscht. „Er hat sich etwas in den Mund gesteckt, aber nichts davon geschluckt“, sagt seine Mutter. Die Psychologen und Ärzte empfahlen eine radikalere Variante, bei der die Nahrung durch die Sonde komplett abgesetzt wird. Die Kinder bekommen Wasser und bei Unterzucker auch etwas Bananensaft, wie Sophia berichtet. Alle zwei bis drei Stunden wird den Kindern aber Essen angeboten. Lassen sie sich nicht füttern, bleibe es weg. Das Ziel sei, beim Kind ein Hungergefühl zu entwickeln. 

„Doch Magnus kam mit dem Wasser zurecht, er war gut drauf, auch ohne etwas zu essen“, so die Mutter. Dann blieb nur noch, auch das Wasser wegzulassen. Das habe dann endlich geholfen. „Magnus hat angefangen, kleine Mengen zu essen. Er ließ sich füttern und hat immer auch selbst ein wenig mitgemacht.“ Ein großes Glück für die Eltern. Täglich wurde er gewogen, auch die Windeln mussten aufgehoben werden. Jede Gewichtszunahme war ein Fest. „Und das Beste war, ihm hat alles geschmeckt – süß oder herzhaft, da gab es keinen Unterschied“, sagt die Mutter. Denn in der Gruppentherapie für Eltern von Kindern mit Fütterstörungen hätten manche berichtet, dass ihre Kinder nach der Sondenentwöhnung nur ganz spezielle Speisen, zum Beispiel einen bestimmten Schokopudding aus einem ganz speziellen Becher, gegessen haben. Das setze sehr unter Druck. „Magnus liebte Pombären, aber auch Schokolade. Doch genauso gern verspeiste er Couscous mit Erbsen“, sagt Sophia. 

Nach und nach wurden die Eltern ermuntert, das regelmäßige Wiegen aufzugeben, sich stattdessen einfach an ihrem Kind zu freuen. „In den Psychotherapiesitzungen, die wir als Eltern und auch ich allein erhielten, habe ich gelernt, die Sorgen auch mal loszulassen und darauf zu vertrauen, dass sich Magnus gut entwickeln wird. Das gelingt mir immer besser“, sagt Sophia.

Zucker pusht Kinder auf

Doch nicht nur Fütterstörungen werden in der neuen Eltern-Kind-Einheit behandelt. „Viele Kleinkinder schlafen auch schlecht, schreien sehr viel oder sind extrem trotzig“, sagt Carina Herdner. „Die Frage, was „normal“ ist und was nicht, spiele für die Ärzte und Therapeuten dabei keine Rolle. „Wenn die Situation in der Familie zur Belastung wird, sollte schnell geholfen werden.“ Eine Überweisung bekommen Eltern vom Kinderarzt. Das Ärzte- und Psychologenteam versucht, möglichst kurzfristig Termine anzubieten.

Für die Therapie begebe man sich zunächst in eine Spielsituation, um zu sehen, wie Eltern und Kind kommunizieren. „Manche Eltern deuten bestimmte Signale falsch oder nehmen sie nicht als solche wahr“, sagt die Therapeutin. Aufgezeichnet als Video könne man das anschließend gemeinsam analysieren.

Bei nächtlichem Schreien empfiehlt Carina Herdner, kein Licht anzuschalten, dem Kind ruhig zuzusprechen, ihm etwas Wasser, aber keinen Saft zu geben. „Denn der Zucker pusht die Kinder auf.“ Wichtig sei, auch gegenüber einem schreienden Kind ganz ruhig zu bleiben, Nähe zu zeigen und zu trösten. Schrei- und Schlafstörungen seien oft auch Auswirkungen von Trennungsproblemen. „Wenn die Mutter zum Beispiel die Trennung von ihrer eigenen Mutter als schwer erlebt hat, wird das auch auf das Kind projiziert“, so die Psychologin.

Magnus’ Problem – die Fütterstörung – ist zunächst gelöst. Magnus sei zwar etwas klein und zierlich für sein Alter, werde vielleicht auch in seiner Entwicklung etwas verzögert sein, doch das stört die Eltern nicht. Sie sind dem Team sehr dankbar.

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Es steht aber noch die dritte Herzoperation an, daran wollen die Eltern jetzt noch nicht denken. „Wir freuen uns an Magnus und sind dankbar, dass wir gelernt haben, Sorgen auch abzugeben zu können.“

Kontakt: Eltern-Kind-Einheit der Psychosomatikstation im Uniklinikum Leipzig, Tel. 0341 9724126; Psychosomatikambulanz, Tel. 0341 9724034

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