merken
PLUS Leben und Stil Familienkompass

Jede Woche ein neues Hobby

Sollten Eltern Kinder zum Durchhalten ermuntern? Ein Chemnitzer Psychologe über das richtige Maß der Förderung.

Hauptsache Bewegung. Beim Sportartenkarussell der Kindersportschule Chemnitz müssen sich die Kinder noch nicht für eine Sparte festlegen. Das Foto entstand vor Corona.
Hauptsache Bewegung. Beim Sportartenkarussell der Kindersportschule Chemnitz müssen sich die Kinder noch nicht für eine Sparte festlegen. Das Foto entstand vor Corona. © Kiss

Julia ist acht Jahre alt und ständig in Bewegung. Seit Kurzem kickt sie in einem Fußballverein der Stadt. Das macht ihr Spaß, doch ihre Freundin lernt gerade mit Begeisterung Gitarre spielen. Julia ist fasziniert davon und möchte das jetzt auch. Plötzlich findet sie ihr Training doof und will damit aufhören. Dem Mädchen fallen immer wieder neue Gründe ein, um nicht zum Training zu müssen. In Elternforen im Internet ist das ein häufig diskutiertes Problem. Und es spricht auch Sorge aus den Zeilen: „Wenn ich meinen Sohn nicht zum Durchhalten erziehe, wird er in seinem Leben doch nie etwas zu Ende bringen“, wird sich da zum Beispiel gefragt. Oder auch: „Man kann doch nicht bei allen Begründungen nachgeben.“

>>> Helfen Sie mit, Sachsen familienfreundlicher zu machen. Hier geht es zu unserer Umfrage für den großen Familienkompass 2020. <<<

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Für Ekkehardt Vogel, Psychologe und Familientherapeut der Beratungsstelle der Stadtmission Chemnitz, sind solche Bedenken von Eltern auch ein Zeichen dafür, dass sie mehr mit dem Hobby verbinden als ihre Kinder – nämlich den Fördergedanken. „Es ist erwiesen, dass das Erlernen eines Instruments oder die sportliche Betätigung auch mathematische Fähigkeiten und die Konzentration verbessern“, sagt auch die Professorin Claudia Quaiser-Pohl von der Universität Koblenz. In einer Ballettgruppe lernen die Kinder ihr zufolge Disziplin, die es ihnen später auch in Schule und Beruf leichter mache. Sportverein und Musikschulkurs tun den Kindern also gut. „Allerdings nur, wenn zwei Bedingungen stimmen“, sagt sie. „Die Kinder machen es freiwillig, und die Termine führen nicht zu einem übervollen Kalender.“

Eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderstiftung sagt aus, dass 87 Prozent der Eltern von gestressten Kindern nicht glauben, dass sie ihre Kinder überfordern. Die Hälfte dieser Eltern meinte sogar, ihre Kinder nicht genug zu fördern. „Doch Kinder brauchen auch unverplante Zeit, die sie selbst gestalten können und müssen. Gerade Langeweile ist hier eine wichtige Erfahrung“, so die Koblenzer Professorin.

Hobby sollte Neigungen des Kindes entsprechen

Eine Statista-Erhebung untermauert ihre Aussage. So wollen sich Kinder zwischen sechs und 13 Jahren in ihrer Freizeit am liebsten mit Freunden treffen – das sagten 52 Prozent der Jungen und 60 Prozent der Mädchen. Draußen spielen wollten 48 Prozent der Jungen und 39 Prozent der Mädchen. „Wenn das Hobby diese Interessen unterstützt und den Neigungen des Kindes entspricht, wird es eher durchgehalten“, so der Chemnitzer Psychologe.

Sei das nicht der Fall, rät Ekkehardt Vogel Eltern zu hinterfragen, wie das Kind zu dem Hobby gekommen sei. „Nicht selten geben die Eltern eine Richtung vor. Ein fußballinteressierter Vater sieht es natürlich gern, wenn sein Kind im gleichen Verein spielt.“ Auch würden oft Ziele, die Eltern selbst nicht erreicht haben, auf die Kinder projiziert. Sie sehen den Nachwuchs dann schon als Torschützen in dem Regionalligaclub, dem sie früher selbst gern angehört hätten. Die Enttäuschung ist dann groß, wenn das Kind andere Wege gehen möchte.

„Im Vor- und Grundschulalter wechseln die Interessen schnell. Das ist auch ein Zeichen einer gesunden Entwicklung“, sagt er. Und es sei grundsätzlich positiv zu bewerten, wenn ein Kind sagt, was es möchte und was nicht – auch wenn es sich traut, ein Hobby abzuwählen.

Sportvereine und Musikschulen haben ihr Kursangebot der oft noch wenig ausgeprägten Ausdauer jüngerer Kinder angepasst. Zum Beispiel die Kindersportschule Chemnitz. „Wir folgen keiner spezifischen Sportart, sondern wollen eine möglichst breitensportlich ausgerichtete Grundlage schaffen“, sagt die stellvertretende Leiterin Josefine Rückriem. „Im Idealfall können die Kinder dann spätestens nach dem Ende der Grundschulzeit aus eigener Erfahrung heraus beurteilen, welche Sportart ihnen liegt und ob sie diese weiterführen möchten.“ Dafür hat die Schule ein sogenanntes Sportartenkarussell im Angebot, bei dem Kinder verschiedene Disziplinen ausprobieren können. 

Nicht zum Durchhalten zwingen

Ein ähnliches Konzept, allerdings für das künstlerisch interessierte Kind, haben auch sächsische Musikschulen, zum Beispiel die Musikschule Chemnitz. Hier nennt sich das Angebot Instrumentenkarussell. „Innerhalb eines Schulhalbjahres lernen Kinder in kleinen Gruppen jeweils vier Wochen lang unterschiedliche Instrumente kennen und versuchen, erste Töne zu spielen“, sagt Musikschulpädagogin Sabine Petri. Auch Gesang und Tanz seien in Form von Schnupperstunden mit dabei.

Trotzdem sei es nicht ungewöhnlich, wenn Kinder nach einer gewissen Zeit keine Lust mehr auf ihr Hobby haben, sagt Ekkehardt Vogel. Eltern sollten es dann auch nicht dazu zwingen, selbst wenn Kosten daran hängen, zum Beispiel durch Vereinsmitgliedschaften. Von heute auf morgen komme man da nicht heraus. Die Kündigungsfrist sei aber auch die Chance für einen Kompromiss. So könne man mit dem Kind vereinbaren, dass es zum Beispiel bis zu den Sommerferien noch dort bleibt, vielleicht auch ein wichtiges Turnier oder Konzert noch mitspielt, bei dem die Eltern als Zuschauer dabei sein wollen.

Ein häufiger Anlass, um ein Hobby zu beenden, sei auch, wenn Freund oder Freundin die Mitgliedschaft gekündigt haben. „Allein dorthin zu gehen, ist nicht schön. Da dürfen Eltern ihren Kindern ruhig zustimmen“, so Vogel. Doch sie könnten sie auch motivieren, es einmal ohne den Freund zu versuchen. Danach könne man besprechen, wie es das Kind empfunden hat. Oft fühle es sich sogar gestärkt, weil es etwas allein geschafft hat.

Je nach Alter des Kindes, sei es aber zunehmend nicht mehr die Aufgabe der Eltern, dem Trainer oder Kursleiter die Botschaft vom Ausstieg zu überbringen. „Es gehört schon Persönlichkeit dazu, so etwas zu sagen, auch Gründe zu nennen, warum man nicht mehr dabei sein will.“ Damit gingen Eltern dann auch sicher, dass das Kind klar in seiner Entscheidung ist.

Familienkompass 2020:

Weiterführende Artikel

Warum Kinder so viel verbummeln

Warum Kinder so viel verbummeln

Ein Psychologe aus Chemnitz erklärt, wie viel Vergesslichkeit normal ist und wie Eltern reagieren sollten.

Sächsische Familien leiden in der Corona-Krise

Sächsische Familien leiden in der Corona-Krise

Der Druck durch die Schutz-Maßnahmen nimmt zu. Das zeigt eine sachsenweite Umfrage. Besonders junge Familien fordern mehr Unterstützung.

  • Hintergrund: Der Familienkompass ist eine große sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit im Freistaat. Er ist ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Zeitung, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.

  • Wann? Die Befragung endet zum Start der Sommerferien.

  • Wo? Leser der Sächsischen Zeitung finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass

  • Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrer Stadt/Gemeinde zu verbessern. Nach der Auswertung konfrontieren wir Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten in allen Ausgaben detailliert zur Situation in den Kommunen.

Mehr zum Thema Leben und Stil