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Jeden Tag ein Auswärtsspiel

Michael Hefele ist mit Dynamo aufgestiegen und hat sich einen Traum erfüllt. Er spielt jetzt in England. Im Paradies für Fußballer ist aber alles anders, erst recht in der Weihnachtszeit.

© Robert Michael

Von Tino Meyer

Rauf auf den Sattel

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Ein Sonntagmorgen im Advent mitten in der mittelenglischen Provinz. Etwas verschüchtert steht ein Junge neben seiner Mutter und gibt ihr zu verstehen, sie solle den Mann ein paar Meter weiter um ein Foto bitten. „No problem“, antwortet Michael Hefele. Sekunden später stehen der kleine Fan und sein Lieblingsspieler Arm in Arm zum Fotoshooting bereit. Beide strahlen. Der eine lebt noch tagelang von dem Moment, der andere gerade seinen Traum. Glück kann ganz schön einfach sein.

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Norwich City schafft den Aufstieg in die Premier League. Obwohl der Ex-Dresdner seit seinem Wechsel auf die Insel nicht gespielt hat, wird für ihn ein Nachschlag fällig.

Dahoam is dahoam – sagt der Ur-Bayer, findet es in England aber auch nicht schlecht. Hefele wohnt zehn Autominuten vom Trainingsgelände entfernt in einer schmucken Reihenhaussiedlung.
Dahoam is dahoam – sagt der Ur-Bayer, findet es in England aber auch nicht schlecht. Hefele wohnt zehn Autominuten vom Trainingsgelände entfernt in einer schmucken Reihenhaussiedlung. © Robert Michael
Dynamo ist und bleibt unvergessen. Die Souvenirs der Fans hat er in einer Ecke in seinem Haus aufgestellt.
Dynamo ist und bleibt unvergessen. Die Souvenirs der Fans hat er in einer Ecke in seinem Haus aufgestellt. © Robert Michael

Doch was nutzen Autogrammkarten, Selfies und ein dickes Gehalt, wenn man Weihnachten allein ist?

Hefele hat sich die Frage nicht gestellt, noch nicht. Nun aber wird Dynamo Dresdens Ex-Kapitän, der nach dem Aufstieg auf die Insel gewechselt ist, merklich ruhiger. Der 26-Jährige überlegt und erzählt. „Kirche, Würstl und Kraut – das war immer gut, traditionell. Abends um acht war Bescherung, und danach haben wir Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt.“

Diesmal aber ist er am Heiligen Abend nicht bei der Familie in Scheyern, einer Gemeinde im Landkreis Pfaffenhofen, sondern an einem Ort, den er noch zu Jahresbeginn selbst nicht kannte. Doch er muss, nein, er möchte Fußball spielen. Am 26. Dezember trifft seine Mannschaft auf Nottingham, fünf Tage später ist Blackburn der Gegner. Hefeles Mannschaft wiederum ist der Zweitligist Huddersfield Town.

Huddersfield!?

Die 150 000-Einwohner-Stadt in der Region Yorkshire, ziemlich genau zwischen den Metropolen Manchester und Leeds gelegen, hat typisch britischen Charme. Ein gemütlicher Ort mit zweistöckigen Reihenhäusern, der die besten Zeiten jedoch hinter sich zu haben scheint.

Früher war man ja tatsächlich der Nabel der Welt, zumindest sportlich. Die Rugby-Profiliga des Landes wurde 1895 hier gegründet und ein paar Jahre später dann der Huddersfield Town Football Club, englischer Meister 1924, 1925, 1926. Während es in den 1970er-Jahren zwischenzeitlich bis in die Viertklassigkeit hinabging, soll nun nicht weniger als „a new era“ beginnen. So steht es am Eingang des Klubhauses geschrieben, darüber das Bild von Trainer David Wagner, der gerade erst ein Angebot aus Wolfsburg abgelehnt hat. Eine neue Epoche also, mit der Hilfe der Deutschen. Aktuell ist man Vierter – könnte klappen.

Auch Hefele ist zu sehen: auf Bildern im Vereinsheim, in Prospekten, im Fanshop – für einen an sich namenlosen Neuzugang ist das eine ganze Menge. Doch Spieler wie er – bodenständig, emotional, mit Ecken und Kanten – kommen offenbar überall an. Bereits jetzt ist er Publikumsliebling, wie einst in Dresden. Sogar ein Lied haben ihm die Fans schon gedichtet. „Sehr schmeichelhaft“ findet er das. Sein Trikot mit der Nummer 44 ist der Kassenschlager im Fanshop neben dem Stadioneingang. „We love him“, sagt die Kassiererin und meint das nicht nur geschäftlich.

Das D ist der vierte Buchstabe im Alphabet. Klar also, dass Hefele die 44 trägt – als Hommage und Erinnerung an Dynamo Dresden. „Ich weiß, wo ich herkomme und was ich Dynamo zu verdanken habe. Der Verein hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Dynamo hat mir auch die Tür nach England geöffnet“, sagt Hefele, und er meint das ganz sicher auch ernst. Werte wie Demut und Dankbarkeit haben sie ihm in Scheyern mitgegeben und auch die Gewissheit, dass nichts über die Familie geht.

Und nun dieses Weihnachten ohne alle, auch ohne seine Freundin, die in München arbeiten muss. So funktionieren Fernbeziehungen – selbst bei Profifußballern. Zumindest der kleine Bruder Josef kommt am 25. Dezember zu Besuch. Gemeinsam wollen sie nach Manchester fahren, wo der große Fußball spielt. Und dann folgt tags darauf am Boxing Day, einem der Saisonhöhepunkte, ja noch Hefeles eigenes Spiel. Wenn er denn spielt. Nicht nur die Beliebtheit unterscheidet ihn nämlich von seinen vier deutschen Mitspielern.

Während die anderen auf dem Platz stehen, ist Hefele lange Zeit zwischen Tribüne und Ersatzbank gependelt. Lediglich 15 von 22 Spielen hat er bestritten, oft nur als Einwechsler wie am 16. August. Und trotzdem bleibt dieses eine Datum unvergessen. Mit der ersten Ballberührung hat er sein erstes und bislang einziges Tor erzielt, noch dazu das entscheidende zum Unentschieden gegen Aston Villa, einer der großen Klubs. „Allein für den Moment hat es sich schon rentiert, dass ich gewechselt bin“, meint Hefele, auch wenn er sich nun wieder alles neu erarbeiten müsse.

England gilt inzwischen nicht mehr nur als Mutterland des Fußballs, die Insel ist ein Paradies für Kicker. Das liegt an der besonderen, schwer beschreibbaren Atmosphäre in den Stadien, das hat aber vor allem auch mit Geld zu tun. Nirgendwo wird im Durchschnitt besser bezahlt, selbst bei durchschnittlichen Zweitligisten wie Huddersfield. Und natürlich ist das auch ein Grund gewesen für Hefele. Man sagt, er habe sein Gehalt mindestens verdoppelt.

Dafür aber, auch der Mythos stimmt, geht es in England sichtlich härter zur Sache. Als er nach einem Zweikampf aus dem Mund blutet, gibt es nicht etwa eine Unterbrechung. Hefele gestikuliert mit den Armen. Der Schiedsrichter aber signalisiert ihm stattdessen aufzustehen – verbunden mit einer knackigen Ansage. Shut up! Klappe halten und weitermachen. Das ist Hefeles Leitmotiv geworden.

Fußballer werden angehimmelt, oft genug vergöttert. Hinter coolen Typen mit fetzigen Klamotten und schnellen Autos verbergen sich aber nicht selten kleine Jungs, die nur besser mit dem Fußball umgehen können – und sich in der großen Welt zurechtfinden müssen. Das ist auch in England so und trotzdem alles anders.

„Ich habe mir das schon leichter vorgestellt“, sagt Hefele. Die Sache mit dem Linksverkehr ist da noch das geringste Übel. Die Hände entschuldigend zum Himmel, Rückwärtsgang rein und dann schnell wenden. So hat Hefele das gemacht, als er anfangs auf der falschen Seite in die Autobahn einbog. Auch mit der Sprache kommt er inzwischen klar. Ein bisschen Smalltalk geht immer. Sogar ans Essen hat sich Hefele gewöhnt. Müsli und Dinkelnudeln importiert er zwar aus Deutschland, die Mandelmilch gibt es in ausgewählten Shops. Zum Frühstück auf dem Vereinsgelände probiert er aber doch hin und wieder Omelett mit weißen Bohnen – allein schon wegen des hohen Eiweißgehalts.

Bleibt der englische Fußball. Dass Hefele damit die größten Anpassungsschwierigkeiten haben würde, mag überraschen. Doch das Spiel ist wirklich ein anderes. Sichere Bälle fordert der Trainer vom Innenverteidiger, kompromisslose Zweikämpfe und partout keine Ausflüge in die gegnerische Hälfte. „Eckbälle und Freistöße sind hier ein Riesending und die Spieler lauter Kanten, das ist Wahnsinn“, sagt er, mit seinen 1,92 Metern selbst eine Erscheinung.

Neulich gegen Bristol City, bestenfalls ein Mittelklasseteam, traf Hefele auf Tammy Abraham, ein 19-jähriges Talent, das man nicht kennen kann – den Namen aber wohl noch hören wird. Abraham ist ausgeliehen vom Erstliga-Spitzenreiter Chelsea, mit dessen Nachwuchs er zweimal die Champions League gewann. Sein Marktwert beträgt eine Million Euro. Gegen Hefele hat er keine Chance, überhaupt ist Huddersfield überlegen und gewinnt 2:1. „Die individuelle Klasse eines jeden Einzelnen ist viel höher. Das gibt es in Deutschland so nicht, da steht das Team mehr im Vordergrund“, sagt Hefele, spricht von einer brutalen Qualität und einem Rundum-sorglos-Paket, dass die Vereine bieten. Nicht mal mehr ihre Schuhe müssen die Spieler putzen. Paradiesisch eben.

Dynamo Dresden vermisst er nicht, und bereut hat er den Wechsel gleich gar nicht. Trotzdem wird ihm erst in Huddersfield richtig bewusst, was er in Dresden und bei Dynamo hatte: zum Beispiel auch in der Kabine etwas zu sagen. Als Kapitän war er Anführer der Aufsteiger.

Erinnerungen wie diese hat er im Kopf abgespeichert – und in seinem kleinen Reihenhaus zehn Autominuten entfernt vom Trainingsgelände jederzeit im Blick. Auf dem Küchentisch liegt jene Papp-Meisterschale, die ihm Fans überreicht haben. Deren Briefe, Foto-Bücher und andere Basteleien hat er in einer Ecke im Flur drapiert, die Meistermedaille hängt auf halber Treppe. Vom Kissenbezug grüßt Gaia, Dynamos Patenschaftsgiraffe aus dem Zoo. Und im Garten lehnen vier bemalte Dachziegel an einer Holzwand. „Dahoam is dahoam“ steht auf zweien, die ihm seine Eltern geschenkt haben, Dynamo-Embleme sind auf den beiden anderen, dazu die Botschaften: „Im Herzen vereint“ und „Aufstieg 2016“

Das kann man kitschig finden, Hefele sich daran aber hochziehen. „Wenn ich etwas bin, dann emotional. Ich lebe von meinen Emotionen. Dynamo und ich – das hat gepasst wie die Faust aufs Auge“, meint er.

Den einen, seinen Moment des Jahres, vergisst er ohnehin nicht. Schon der Gedanke daran packt ihn wieder. Letzter Spieltag, die letzte Fahrt zum Stadion, sein letzter Auftritt in Schwarz und Gelb. „Du weißt, dass du gehst, und alle sind da. Meine Familie, Freunde, alle. Ich war sehr glücklich in dem Augenblick, aber auch traurig“, sagt Hefele. Jetzt trägt er Blau und Weiß, was ihm als Ur-Bayer gut gefällt, und resümiert über ein großartiges, schönes Jahr, „mein bestes als Fußballer“.

Nun also der Neuanfang in England, der ihn körperlich und geistig anstrengt. „Du musst immer hellwach sein in der Birne“, sagt er und meint das nicht nur auf den Fußball bezogen. Der aber bestimmt den Tagesablauf. Nach dem Training ist vor dem Training und gefühlt aller drei Tage ein Spiel. Heimatbesuche sind de facto unmöglich. „Das ist okay. Ich habe hier viel zu tun. Und wenn mal nichts ansteht, versuche ich zu chillen“ sagt Hefele.

In Manchester ist er öfters schon gewesen, auch in Leeds, der Stadt des fußballerischen Erzrivalen. Dort grüßen ihn die Kellner beim In-Italiener bereits mit Handschlag. Bis London habe er es jedoch noch nicht geschafft, dafür aber inzwischen einen Christbaum. Das Fest kann kommen, ausnahmsweise mal ohne Familie. Wirklich glücklich wird Hefele sowieso erst, wenn er auch sportlich angekommen ist.