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Jeden Tag ein Stein weniger

Feodor Boiarchinov klebt das Pech am Schläger. Ganz besondere Liebeserklärungen helfen dem Eislöwen-Profi darüber hinweg.

© Robert Michael

Von Berthold Neumann

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Wenn die Becher nach dem Spiel aufs Eis fliegen, wird Feodor Boiarchinov immer ganz warm um das Herz. Die Aktion der Dresdner Eislöwen-Fans gehört wohl zu den berührendsten Sympathie-Kundgebungen im deutschen Eishockey. Mit dem eingesammelten Pfand für die Becher werde der Verein und speziell die Finanzierung eines Spielers unterstützt, erklärt Fanratssprecher Lars Stohmann. In der laufenden Saison haben sie sich in Dresden für Boiarchinov entschieden. „Feo besitzt nicht nur Talent. Er ist auch ein sehr fleißiger Spieler, der nie aufsteckt und für den Verein kämpft“, begründet Stohmann die Entscheidung für den 21-Jährigen.

Eine besondere Form der Zuwendung, die diesmal nicht besser passen könnte. Denn der Stürmer durchlebt seit Monaten schwere Zeiten. „Ich kann meiner Mannschaft nicht helfen. Das ist die schlimmste Strafe“, sagt Feo, wie sie ihn bei den Eislöwen rufen, mit belegter Stimme. „Gerade jetzt, wo es für uns in der entscheidenden Phase um alles geht.“ Der Dresdner meint damit die aktuelle Tabellenkonstellation in der Deutschen Eishockey-Liga 2. „Unser Ziel ist die Qualifikation für die Meisterschafts-Play-offs, am besten ohne den Umweg Pre-Play-offs.“ Dafür müssen die Eislöwen Anfang März mindestens den sechsten Platz belegen.

Mit dem Sieg in Kassel Mitte Januar hatten die Dresdner zwar einen weiteren Schritt dahin geschafft. Doch der Erfolg wurde bitter bezahlt: mit einem schwerverletzten Boiarchinov. „Der Kasseler Arzt sagte mir schon auf dem Eis, dass das Innenband durch ist. Das traf mich wie ein Schlag ins Gesicht“, sagte der gebürtige Berliner. „Die Untersuchungen in Dresden ergaben, dass es sich um einen Teilabriss des Innenbandes handelt“, erzählte Boiarchinov. Das rechte Kniegelenk musste ruhiggestellt werden – mit seinem geliebten Eishockeyspielen war erst mal Schluss.

Eine Situation, die einen Himmelsstürmer mit 21 Jahren nervt, gibt Boiarchinov zu. „Ich will als Leistungssportler die Schiene so schnell wie möglich loswerden“, sagte er. „Wenn ich sehe, wie die Jungs jeden Tag trainieren und ich immer mehr in Rückstand gerate, ist das schon ein enttäuschendes Gefühl.“ Und noch frustrierender sei: „Wenn die Leute vier, fünf Mal am Tag teilnahmsvoll fragen: Feo, wie geht‘s?“ Boiarchinov seufzt: „Ich weiß ja, dass sie mich damit aufmuntern wollen.“

So oft wie möglich und medizinisch sinnvoll, sitzt der Profi auf dem Fahrrad in der Kabine, um so viel wie möglich Fitness zu erhalten. „Ich übe auch Schläger schwingen mit einer Holzkugel, um wieder das Gefühl zu bekommen, oder versuche mich in der Physiotherapie von Jan Mai beim Ruderzugtraining auszupowern“, erzählt Boiarchinov vom eingeschränkten Alltag eines Profis in dieser spezifischen Situation. „Mein liebster Platz bleibt aber die Kabine. Allein in der Wohnung werde ich verrückt.“

Doch wenn er seine notwendigen Ruhezeiten einhalten muss, kommen sie – diese Momente des Grübelns, die er so fürchtet. Weil sie die Seele zermartern können. „Ich habe mich immer wieder gefragt, warum gerade ich und warum schon wieder ich.“ Erst Ende November 2013 durchlebte Boiarchinov eine absolute Schrecksekunde. Bei der Partie gegen den SC Riessersee verlor er bei einer Attacke des Gegenspielers Gschmeißer zwei Zähne und – spielte dennoch weiter. „Das war wie ein Schock, aber ich habe weitergespielt. Das geht jetzt natürlich nicht.“

In solchen Momenten hilft auch ein aufmunterndes Wort oder ein zärtliches Streicheln von Freundin Lisa Izquierdo. Seine Freundin ist Volleyballerin bei Bundesligist Dresdner SC. „Da sie selbst Leistungssportlerin ist, hat sie viel Verständnis für meine Lage.“ Boiarchinov, der als Sohn russischer Eltern in Deutschland aufgewachsen ist, freut sich über gemeinsame Besuche im Kino oder eben bei den DSC-Frauen.

In der Eislöwen-Kabine ermutigte ihn auch Thomas Popiesch. „Feo, du hast jetzt einen gewaltigen Rucksack mit Steinen zu tragen“, sagte der Eislöwen-Trainer. Boiarchinov hofft vor allem, dass die Voraussage des Trainers möglichst bald eintritt. „Jeden Tag wird es ein Stein weniger, und du wirst stärker als zuvor zurückkehren“, hatte ihm Popiesch prophezeit.

Bei der Becherwurf-Aktion haben die Dresdner Fans bis gestern 25 182 Euro gespendet. „Das ist für mich immer ein super Gefühl und eine hohe Ehre, die Unterstützung der Fans auf diese Art und Weise zu spüren“, sagt Boiarchinov.

Am liebsten wäre ihm, dass sein schönster Traum endlich in Erfüllung gehen möge. „Ich möchte früh aufwachen, ans Knie fassen und dann das herrliche Gefühl genießen, dass das alles wieder zusammengewachsen ist.“

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