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Jeden Tag Leben genießen

Christina Koch-Rietzel hat dem Krebs schon dreimal getrotzt. Ihre Schwester hat es nicht geschafft.

Von Jana Ulbrich

Farben tun der Seele gut. Christina Koch-Rietzel hat die Gartenbank vorm Haus leuchtend blau angestrichen. Sie hat knallrote Blumentöpfe bepflanzt und bunte Papierblumen an Zweige gebunden, als die noch kahl waren. Manchmal, wenn es in ihr drin wieder grau und dunkel zu werden droht, wenn die Angst zurückkommt, dann setzt sie sich raus in den Garten, atmet den Frühling und genießt den Tag.

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Trendmarken in der Centrum Galerie
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Auch die Centrum Galerie ist mit vielen internationalen Marken und lokalen Händlern bei der langen Nacht des Shoppings dabei.

„Man kann das Leben auch genießen, wenn man Krebs hat“, sagt Christina Koch-Rietzel. Die 58-Jährige hat lange gebraucht für diese Erkenntnis. Auch dafür, die Krankheit für sich anzunehmen. „Wer das nicht macht, der geht kaputt“, sagt sie heute – sieben Jahre nach der ersten Diagnose.

Verdacht auf Gebärmutterhalskrebs! Mit Anfang 50! Mitten aus dem Leben heraus: Totaloperation, Chemotherapie, Bestrahlung. „Ich war völlig am Ende“, erzählt sie. Aber sie behält während der Chemotherapie ihre Haare. Ein sehr seltener Fall. Vielleicht auch ein gutes Zeichen? Christina Koch-Rietzel klammert sich an alles, das ihr Hoffnung gibt in dieser Zeit. Sie weint und hofft gemeinsam mit ihrer Schwester Barbara, bei der fast zur gleichen Zeit Brustkrebs festgestellt wird.

Die Schwestern schließen sich einer Selbsthilfegruppe für Frauen mit Krebs an. Sie erfahren, wie viele ihr Schicksal teilen: Allein im Kreis Bautzen erkranken jedes Jahr mehr als 400 Frauen neu an Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs, mehr als 900 an Krebs insgesamt. In der Gruppe reden die Frauen über ihre Ängste, tauschen ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus, geben sich gegenseitig Ratschläge, laden Experten zu Vorträgen ein. Die Selbsthilfegruppe Bretnig-Hauswalde wird zu einem wichtigen Anlaufpunkt, so wichtig für Christina Koch-Rietzel, dass sie sie heute leitet und auch im Vorstand des Landesverbandes mitarbeitet. Das gibt ihr Kraft und ist ihr auch selbst eine Hilfe, sagt sie. Und es ist ihr eine Bestätigung, dass sie noch etwas tun kann und gebraucht wird.

Ihre Schwester Barbara hat es nicht geschafft. Vor drei Jahren ist sie gestorben. Christina Koch-Rietzel hat das sehr mitgenommen. „Der Tod ist seitdem mit dabei“, sagt sie. Sie hat ihre Schwester gepflegt bis zum Schluss. Sie weiß jetzt, was sterben heißt. Sie kann jetzt auch darüber reden. Aber sie will leben, die Zeit genießen mit ihrem Mann, den Söhnen und den Enkeln.

Der erste Rückschlag kommt 2012. Ein bösartiger Tumor in der rechten Brust. Wieder eine OP – diesmal wird nur der Tumor entfernt, wieder Bestrahlung, danach eine Kur. Im Jahr darauf sind wieder Knoten in der rechten Brust. Und wieder sollen sie im Brustzentrum in Sebnitz entfernt werden. Zum erstem Mal sagt Christina Koch-Rietzel nicht gleich Ja zu dem Eingriff und erbittet sich Bedenkzeit. Sie hat viel gelernt über Krebs in den Jahren.

Sie weiß, dass ihre Schwester und ihre Mutter an Krebs gestorben sind, dass auch ihre Tante Krebs hat. Sie lässt sich in der Uniklinik Dresden auf das familiäre Krebs-Gen testen. Der Befund ist positiv. Christina Koch-Rietzel zögert keine Sekunde. Sie will sichergehen und macht es wie Angelina Jolie. In der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Brustchirurgie in Radebeul lässt sie sich das Gewebe beider Brüste komplett entfernen. Chefarzt Dr. Mario Marx setzt stattdessen Fettgewebe aus ihrem Bauch ein. Die Operation dauert zehn Stunden. Ihre Brüste sehen aus wie vorher, die zwei kleinen Narben an den Seiten werden auch noch verschwinden.

Christina Koch-Rietzel blinzelt in die Sonne. Sie fühlt sich lebendig und gesund, sagt sie. Und sie hat jetzt auch das Gefühl, dass es überstanden ist. Sie ist nicht mehr so leistungsfähig wie vor der Krankheit, bekommt EU-Rente. Ihr Körper will kürzertreten und öfter Pause machen. Das muss sie eben akzeptieren, sagt sie. Zweimal wöchentlich fährt sie zur Lymphdrainage und regelmäßig zu den Kontrolluntersuchungen. Oft geht sie auf den Friedhof ans Grab ihrer Schwester. Das Leben ist anders geworden für sie. Viel wertvoller.

Im nächsten Teil lesen Sie: Wie eine ganzheitliche Behandlung die Heilungschancen erhöhen kann.