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Bautzen

„Jeder muss verstehen: Es geht um Leben und Tod“

Wie Bautzens Landrat auf den ersten Corona-Todesfall im Landkreis reagiert - und was er zu Hamsterkäufen, Corona-Parties und einer Ausgangssperre sagt.

Bautzens Landrat Michael Harig (CDU)fordert nach dem ersten Corona-Todesfall Vernunft und Solidarität.
Bautzens Landrat Michael Harig (CDU)fordert nach dem ersten Corona-Todesfall Vernunft und Solidarität. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Im Landkreis Bautzen gibt es den ersten Corona-Todesfall. Es ist zugleich der erste Fall in Sachsen. Wie das Landratsamt mitteilt, verstarb der Patient am Donnerstag. Aktuell liegt die Zahl der Corona-Fälle im Landkreis bei 55. Die Zahl der Menschen in Quarantäne erhöhte sich bis Freitag auf 581.

Herr Harig, aus Sicherheitsgründen führen wir dieses Interview per E-Mail. Wo erreichen wir Sie gerade, sind Sie wie viele Menschen im Landkreis im Home-Office?

Nein, ich bin im Dienst. Bei aller erforderlichen Vorsicht bedarf Führung auch direkter Kommunikation. Mein Büro ist groß – damit sind die empfohlenen Mindestabstände einhaltbar. Aber natürlich bin ich immer erreichbar, auch zu Hause.

Noch ist die Zahl der Infizierten im Landkreis überschaubar, doch sie steigt in den letzten Tagen rasch an. Mit welcher Entwicklung müssen wir in der kommenden Woche rechnen?

Die Zahl der Infizierten wird weiter steigen, auch die der Verstorbenen. Gestern hatten wir den ersten Todesfall, der auf eine Corona-Infektion zurückzuführen ist. Es wird leider nicht der letzte sein. Jetzt muss es jeder verstanden haben: Es geht um Leben und Tod! Ich hoffe natürlich sehr, dass die veranlassten Maßnahmen Wirkung zeigen und die Infektionsketten unterbrochen werden können. Unser Gesundheitsamt rechnet jedoch mit einem exponentiellen Anstieg.

Am Bautzener Stausee und anderen Orten soll es in den vergangenen Tagen regelrechte Partys gegeben haben, nach dem Motto, wenn die Kneipen dicht sind, feiern wir halt woanders. Wie reagiert das Landratsamt?

Ich habe davon gehört und verurteile es auf das Schärfste. Die Polizei hat diese Zusammenkünfte unterbunden und Anzeige erstattet. In der jetzigen Situation ist dieses Verhalten absolut verantwortungslos. Jeder dieser meist jugendlichen Menschen hat selbst Verwandte, die zur Risikogruppe zählen. Wem an diesen Menschen liegt, wer möchte das Eltern, Groß- und Urgroßeltern leben, der sollte Solches unterlassen.

Viele Händler reagieren vorbildlich, doch es gibt auch Hinweise auf Geschäfte, die die Anordnung zur Schließung ignorieren. Wie kontrolliert der Landkreis die Einhaltung der Verbote?

Hier helfen leider nur drastische Strafen. Der Verstoß gegen die Allgemeinverfügung des Freistaates wird polizeilich geahndet. Die Polizei ist bereits tätig geworden. Neben der Erhöhung der Streifenpräsenz werden Anzeigen durch Nachbarn jetzt konsequent verfolgt. Ich habe für die wirtschaftliche Not Verständnis. Hier geht es aber um mehr.

Für das öffentliche Leben gelten bereits viele Einschränkungen. Müssen wir in der kommenden Woche mit noch schärferen Maßnahmen rechnen – etwa einer Ausgangssperre?

Ich hoffe nicht. Da sich aber Menschen mit Argumenten leider nicht überzeugen lassen, werden wohl in Kürze bundeseinheitliche Regelungen veranlasst werden, um das Leben weiter einzuschränken. Ich wünsche mir das wirklich nicht – aber dies wird das letzte Mittel sein. Die 90 Prozent Vernünftigen baden dann die Unvernunft von 10 Prozent der Bevölkerung aus.

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Stichwort Unvernunft. In vielen Supermärkten kam es in den letzten Tagen zu Hamsterkäufen. Ist die Versorgung im Landkreis gewährleistet – auch dann, wenn es zur Ausgangssperre kommt?

Einschränkungen in der Versorgung sind nicht zu erwarten. Die Wirtschaft, vor allem die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie arbeiten weiter, teilweise sogar über das normale Maß hinaus. Das gilt auch bei einer Ausgangssperre. Die Dinge des täglichen Bedarfs sind ausreichend vorhanden.

Sind es die TV-Bilder, etwa aus Italien, die viele Menschen in Unruhe versetzen?

Die Menschen in Italien sind nicht wegen fehlendem Klopapier gestorben – sondern weil sie sich infiziert haben. Deshalb müssen wir alle neben den Risikogruppen auch die Menschen schützen, die unsere Versorgung sicherstellen. Ihnen gelten mein herzlicher Dank und meine Hochachtung. Ich appelliere an unsere Bevölkerung in unserem Landkreis Bautzen – von Sohland bis zum Spreetal und von Schwepnitz bis nach Weißenberg: Verhalten Sie sich solidarisch und zeigen Sie, wozu unser Landkreis in dieser schwierigen Lage fähig ist!

Es gibt viele Anfragen und Hinweise auf Menschen, die sich angeblich nicht an die Quarantäne halten. Muss hier stärker kontrolliert werden?

Das ist ein Problem. Die Bilder aus Italien im Hinterkopf kann man nur an die Vernunft und an das soziale Gewissen der Menschen appellieren. Es werden jetzt vermehrt Kontrollen durchgeführt – auch mit Hilfe der Polizei. Der Verstoß gegen Quarantäne-Auflagen ist eine Straftat!

Warum ist die Zahl der Infizierten im Landkreis höher als in anderen Regionen Sachsens. Aktuell gibt es hier viermal so viele Fälle wie im Landkreis Görlitz.

Das lässt sich schwer beantworten. Der erste Corona-Fall in unserem Landkreis ist auch einige Tage eher aufgetreten als im Landkreis Görlitz. Die Situation kann sich täglich ändern.

Die Oberlausitz-Kliniken haben rund 30 Betten speziell für Corona-Patienten reserviert. Viele Menschen bezweifeln, dass das reichen wird. Muss hier mehr geschehen?

Wir sind gut organisiert. Neben den Oberlausitz-Kliniken haben wir noch mehr Krankenhäuser im Landkreis. Die Häuser in Bautzen, Bischofswerda, Hoyerswerda, Kamenz, Pulsnitz, Radeberg und auch in Arnsdorf stehen miteinander und mit unserem Krisenstab in Kontakt. Vom Bund werden über den Freistaat zusätzliche Beatmungsgeräte neben anderem bereitgestellt. Gegenwärtig sind es nur ganz wenige Patienten, die stationär behandelt werden müssen.

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Gibt es Notfallpläne zur Nutzung von Turnhallen oder Schulen für Corona-Patienten?

Zunächst gilt es, die vorhandenen Kapazitäten in den Kliniken zu nutzen. Es geht ja auch um Ausstattung, Hygiene-Bedingungen und vor allem ärztliches und pflegerisches Personal. In Turnhallen lässt sich das nicht so einfach umsetzen. Wir denken hier eher an unsere Reha-Kliniken und, falls die Not wirklich groß würde, an Hotels und ähnliche Einrichtungen. Unabhängig von der Corona-Pandemie gibt es eine Notunterkunftsplanung des Landkreises, die jederzeit aktiviert werden kann.

Das Gesundheitsamt ist seit zwei Wochen extrem gefordert. Kann der Kreis die Lage bewältigen oder braucht er Unterstützung von Land und Bund?

Unser Gesundheitsamt leistet eine großartige Arbeit. Wir haben viele Beschäftigte aus anderen Bereichen der Verwaltung abgezogen und dem Gesundheitsamt zur Unterstützung beispielsweise am Bürgertelefon, bei der Ermittlung der Kontaktpersonen oder für die Bescheid-Erstellung zugeordnet. Rund 100 Personen sind da derzeit aktiv. Der Krisenstab des Landkreises ist voll arbeitsfähig.

Also keine Unterstützung?

Wir können es noch leisten, jede bestätigte Infektion nachzuverfolgen, um die Ausbreitung des Virus zu verzögern. Von Bund und Land erhoffen wir Unterstützung im Bereich Material und Finanzen. Gerade die Versorgung mit Schutzausrüstung muss nun dringend zentral und in ausreichender Zahl geleistet werden.

Besonders hart treffen die aktuellen Verbote kleine Selbstständige, Händler und Handwerker. Was kann der Landkreis für sie tun, zum Beispiel durch ein eigenes Hilfsprogramm?

Hier erwarten wir von Bund und Ländern pragmatische und unbürokratische Lösungen. Kurzarbeitergeld, der Verzicht auf Steuervorauszahlungen, die Stundung von Kredit-Verbindlichkeiten und direkte Zuschüsse, welche nicht zurückgezahlt werden müssen, sind kurzfristig bereitzustellen. Bund, Land, Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Förder- und Geschäftsbanken müssen hier schnell handeln. Unser Jobcenter wird auch eine wichtige Rolle spielen, um den Inhabern von Kleinstunternehmen Grundsicherungsleistungen zur Verfügung zu stellen.

Es gibt auch positive Nachrichten: Viele Menschen wollen jetzt helfen. Wo wird Unterstützung gebraucht?

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Wir sind dankbar für diese Hilfsbereitschaft. Es werden in Abstimmung mit den großen Verbänden wie DRK, ASB, Malteser, Johanniter und auch der kassenärztlichen Vereinigung Aufrufe gestartet, um unter Medizinstudenten, Auszubildenden in den Pflegebereichen, verrenteten Ärzten und Pflegepersonal Freiwillige zu finden. Bei der Initiative „Team Sachsen“ können sich „Einkaufshelden“ und Nachbarschaftshelfer melden. Wichtig ist vor allem der Selbstschutz, in dem man die wichtigen Hygiene-Regeln beachtet. Für Hilfen vor Ort sollten sich Hilfswillige an ihre Stadt oder Gemeinde halten. Initiativen wie in Rammenau, wo man für Menschen mit erhöhtem Risiko den Einkauf übernimmt, sind hervorragend und ein gutes Beispiel für andere Kommunen.