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Versicherungen: Jeder zehnte Schaden ist dubios

Eine neue Umfrage zeigt das Ausmaß von Betrügereien, die mit der Corona-Krise noch zunehmen könnten. Täter riskieren hohe Strafen.

Huch, kaputt: Immer, wenn ein neues iPhone-Modell auf den Markt kommt, häufen sich Schadenmeldungen bei den Privathaftpflichtversicherern.
Huch, kaputt: Immer, wenn ein neues iPhone-Modell auf den Markt kommt, häufen sich Schadenmeldungen bei den Privathaftpflichtversicherern. © dpa-tmn

Dresden. Versicherungsbetrug ist Volkssport. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) schätzt, dass etwa jede zehnte Schadenmeldung dubios ist. Bestätigt wird diese Annahme durch eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Infas Quo, deren Ergebnisse am Donnerstag veröffentlicht wurden. Demnach bestätigen rund zehn Prozent der Befragten, selbst schon einmal Versicherungsbetrug begangen zu haben oder von einem solchen Betrugsfall im eigenen Umfeld zu wissen. Wie man so etwas anstellt, ohne erwischt zu werden, lässt sich in speziellen Internetforen recherchieren. Pro Jahr entsteht Versicherern durch derartige Delikte ein geschätzter Schaden von rund fünf Milliarden Euro.

Was genau versteht man unter Versicherungsbetrug?

Juristen definieren Versicherungsbetrug als Versuch, sich mit Täuschungen oder unwahren Behauptungen zu Unrecht Zahlungen zu erschleichen. Dafür werden Schäden erfunden, provoziert oder fingiert. Auch bei der Höhe der Schäden wird gemogelt. Beliebt ist zum Beispiel, Schäden an fast neuen Fernsehgeräten zu melden. „Das deutet häufig darauf hin, dass das Gerät per Kredit finanziert wurde, der Kunde aber die Raten nicht mehr bezahlen konnte“, sagt Rüdiger Hackhausen, Chef der Kommission Kriminalitätsbekämpfung beim GDV.

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Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Angesichts zunehmender Insolvenzen und finanziellen Nöte vieler Haushalte in der Covid-19-Pandemie rechne er fest mit einer Zunahme von Gelegenheitsbetrügereien, sagt auch der Kölner Strafrechtsanwalt Abdou Gabbar. An den Aktivitäten professionell operierender Banden oder notorischer Betrüger werde sich dagegen durch die Krise nichts ändern.

In welchen Versicherungssparten wird besonders viel betrogen?

Eine GDV-Analyse aus dem Jahr 2017 hat ergeben, dass in der Privathaftpflicht am meisten getrickst wird. Damals galten rund 16 Prozent der gemeldeten Schäden als dubios. Dahinter folgen die Sachversicherungen mit neun Prozent und die Kfz-Versicherungen mit sieben Prozent. Neuere Zahlen gibt es nicht. Ein typischer Schaden in der Privathaftpflicht bewege sich in der Spanne zwischen 300 und 800 Euro, sagt Hackhausen. „Da geht es um kaputte Brillen, Handys, Laptops.“ Eine auffällige Häufung von Schadenmeldungen sei regelmäßig zu verzeichnen, wenn Apple ein neues iPhone-Modell auf den Markt bringt.

Machen es die Versicherungen den Betrügern zu leicht?

Tatsache ist: Die Digitalisierung eröffnet Betrügern neue Möglichkeiten. Beispielsweise lassen sich Beweisfotos mithilfe von Bildbearbeitungssoftware manipulieren. Doch laut GDV hat auch die Betrugsabwehr der Versicherer aufgerüstet. Bildforensik wird wichtiger. Manchmal dürfte aber schon ein Blick in die Metadaten der zugesandten Bilddateien, um Unstimmigkeiten oder Manipulationen zu entdecken. Zusätzlich setzen viele Versicherer speziell geschulte Mitarbeiter ein. Wie hoch die Aufklärungsquote ist, wird allerdings nicht zentral erfasst.

Rüdiger Hackhausen ist Vorsitzender der Kommission Kriminalitätsbekämpfung beim Versichererverband GDV.
Rüdiger Hackhausen ist Vorsitzender der Kommission Kriminalitätsbekämpfung beim Versichererverband GDV. © GDV

Gibt es Bagatellgrenzen für Versicherungsbetrug?

Grundsätzlich nicht, sagt Rüdiger Hackhausen. „Wir prüfen jeden Schaden. Es wird nicht blind ausgezahlt.“ Jedoch gibt es Fälle, die automatisiert, also ohne menschliches Zutun, bearbeitet werden. Versicherer nennen diesen Vorgang „Dunkelverarbeitung“. Hier werde zumindest stichprobenartig geprüft, erklärt der Kriminalitätsbekämpfer. Dass die Begutachtung von Schäden komplett von Künstlicher Intelligenz (KI) übernommen wird, ist dagegen noch Zukunftsmusik.

Welche Strafen drohen überführten Betrügern?

Obwohl immerhin jeder zehnte Teilnehmer der Infas-Quo-Umfrage Versicherungsbetrug als Kavaliersdelikt ansieht, sollte man sich nicht täuschen. Schon der versuchte Betrug ist eine Straftat. Wer ertappt wird, verliert seinen Versicherungsschutz, muss für Gutachterkosten aufkommen und wird angezeigt. Laut GDV drohen überführten Tätern hohe Geldstrafen oder sogar mehrjährige Haftstrafen. Ein spektakulärer Fall wird seit Mitte Juni am Landgericht Göttingen verhandelt: Hier muss sich ein mehrfach vorbestrafter 66-Jähriger wegen gewerbsmäßigen Betrugs verantworten. Der Mann aus dem Eichsfeld soll als Drahtzieher einer Bande verschiedene Kfz-Versicherungen um rund 360.000 Euro gebracht haben.

Wie vermeiden Versicherte, eines Betrugs verdächtigt zu werden?

„Seien Sie ehrlich“, lautet der simple Rat von Hackhausen. Versicherungsnehmer seien verpflichtet, alle notwendigen Daten zur Verfügung zu stellen, damit ihr Anspruch geprüft werden könne. Jede Verschleierungstaktik sei fehl am Platze.

Vier Beispiele für Versicherungsbetrug

Der fingierte Schaden: Jemand hat aus Versehen sein Smartphone fallenlassen, das dabei zu Bruch gegangen ist. Der Betroffene überredet nun einen Freund oder Bekannten, sich als Verursacher auszugeben. Dessen Privathaftpflicht soll für den Schaden aufkommen.

Der fiktive Schaden: Jemand behauptet, ihm sei ein teures Fahrrad gestohlen worden. Dabei besitzt die betreffende Person gar keines. Der beim Hausratversicherer eingereichte Kaufbeleg ist gefälscht.

Der provozierte Schaden: Ein Betrüger inszeniert sich als vermeintlich Geschädigter. Dafür nutzt er die Unachtsamkeit eines anderen Autofahrers bewusst aus und provoziert einen Zusammenstoß - zum Beispiel durch unvorhersehbares, abruptes Bremsen. Nun soll die Kfz-Haftpflicht des in den Unfall verwickelten Opfers für den Schaden aufkommen. Eine spezielle Spielart des provozierten Schadens ist das „Berliner Modell“: Dabei parken Betrüger ein oder mehrere teure Autos meist älterer Baujahre, stehlen ein weiteres, leicht zu knackendes Auto, beschädigen damit den geparkten Wagen und flüchten zu Fuß. Die Masche dahinter:Der Schaden soll nicht in einer Fachwerkstatt repariert, sondern auf Gutachtenbasis abgerechnet werden.

Der ausgenutzte Schaden: Nach einem Haus- oder Wohnungseinbruch, der tatsächlich stattgefunden hat, versuchen die Bestohlenen, sich den Wert von erfundenen oder gar nicht in ihrem Besitz befindlichen Gegenständen von ihrer Versicherung erstatten zu lassen. (rnw)

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