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Wie eine Villa zur Theaterkulisse wird

"Jedermann" wird in Neugersdorf gespielt: an einem besonderen Ort, unter Corona-Bedingungen und mit Schauspielern, die eigentlich gar keine sind.

Die ältesten und der jüngste Darsteller beim "Jedermann" in Neugersdorf: Uta und Günter Weiland sowie der achtjährige Caspar Blume.
Die ältesten und der jüngste Darsteller beim "Jedermann" in Neugersdorf: Uta und Günter Weiland sowie der achtjährige Caspar Blume. © Matthias Weber/photoweber.de

Was für eine Aufregung: Eigentlich ist Uta Weiland ja Rentnerin. Sie könnte im Sessel sitzen und ein Buch lesen, im Garten ausruhen - oder sich Zeit nehmen für einen Theaterbesuch. Stattdessen spielt die 78-Jährige aus Eibau jetzt selbst Theater. In einem langen, mittelalterlichen Kleid und mit einer Bibel in der Hand steht sie auf den Stufen der historischen Thiele-Villa in Neugersdorf. "Das ist ganz schön unbequem und warm", seufzt die Rentnerin und wischt sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. Aber schon muss es weitergehen, zum Verschnaufen bleibt keine Zeit. Heute ist Probe. 

Gemeinsam mit 15 anderen Darstellern wird Uta Weiland in den kommenden Wochen hier in Neugersdorf den "Jedermann" aufführen. Sie ist "Jedermanns" Mutter. Einige Profis wie Dietmar Blume, Betreiber der Theaterscheune in Neugersdorf und Initiator des Theaterstücks, sind dabei. Er hat weitere Schauspielkollegen engagiert für seinen "Jedermann". Dazu kommt die Jugendgruppe der Theaterscheune und Laien wie Uta Weiland. Auch ihr Mann Günter steht mit auf der Bühne, er ist mit 82 Jahren der älteste Darsteller im 16-köpfigen Ensemble.

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Idee kam bei einem Glas Wein

Das bekannte Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal wird seit 100 Jahren jedes Jahr bei den berühmten Salzburger Festspielen aufgeführt - und jetzt auch in der Oberlausitz. Und zwar an einem ganz besonderen Veranstaltungsort. Denn auch eine andere ältere Dame erlebt gerade aufregende Zeiten: die Villa von Webstuhlfabrikant Arthur Thiele. Seit über 110 Jahren steht sie an der Ernst-Thälmann-Straße in Neugersdorf. Gleich gegenüber fertigte Thiele Webstühle. Sein Haus ist ein Zeuge des Reichtums, den die Stadt mit der Textilindustrie erreichte. Bis heute ist die Villa im Familienbesitz und wird von den Nachfahren Thieles bewohnt. Urenkel Michael Haase wohnt mit seiner Familie im Haus. Und nun wird die Villa auf ihre alten Tage noch mal zur Theaterkulisse. Das haben sich Michael Haase und Theaterprofi Dietmar Blume gemeinsam ausgedacht. Bei einem Glas Wein beschlossen die Männer, doch mal ein gemeinsames Projekt zu wagen. Und Theaterleiter Dietmar Blume hatte schließlich die passende Idee: "Wir machen das Haus zur Kulisse."  Und er engagierte Michael Haase gleich als Schauspieler. "Das Stück ist als Volkstheater konzipiert", erklärt Blume. Die Idee ist es, dass Profis, Jugendliche und Laien gemeinsam auf der Bühne stehen. Michael Haase steckte der Theaterleiter in einen goldenen Ganzkörperanzug. Er spielt den Mammon - das Geld.  

Dietmar Blume hat das berühmte Stück etwas umgeschrieben, die Geschichte von Arthur Thiele und seinem Webstuhlbetrieb mit eingearbeitet. Wie schon bei seiner Inszenierung von "Die Weber" war es sein Ansinnen, Oberlausitzer Tradition und Geschichte mit aufzugreifen. Unterstützt wird das besondere Theaterprojekt rund um die Kulturgeschichte von der Kulturstiftung des Freistaats, Ministerpräsident Michael Kretschmer hat die Schirmherrschaft übernommen. 

Sie machen mit beim "Jedermann" in Neugersdorf:

Ein Teil des Ensembles um Dietmar Blume vor der Thiele-Villa in Neugersdorf. 
Ein Teil des Ensembles um Dietmar Blume vor der Thiele-Villa in Neugersdorf.  © Matthias Weber/photoweber.de
Theaterleiter Dietmar Blume ist Regisseur des Stücks, er übernimmt auch die Hauptrolle. 
Theaterleiter Dietmar Blume ist Regisseur des Stücks, er übernimmt auch die Hauptrolle.  © Matthias Weber/photoweber.de
Lutz Kemna aus Neugersdorf wird demnächst ein Ingenieurstudium für Audio- und Videotechnik aufnehmen. Beim "Jedermann" sorgt er für den richtigen Ton. 
Lutz Kemna aus Neugersdorf wird demnächst ein Ingenieurstudium für Audio- und Videotechnik aufnehmen. Beim "Jedermann" sorgt er für den richtigen Ton.  © Matthias Weber/photoweber.de

Das erste Mal üben nun alle gemeinsam am Veranstaltungsort - der historischen Thiele-Villa. Am Freitag ist Premiere, da muss alles sitzen. Gar nicht so einfach, denn auch dem "Jedermann" hat Corona das Leben schwer gemacht in diesem Jahr. Die Idee stand, die Planung begann - und dann kam die Pandemie. "Wir mussten erst einmal alles verschieben, auch die Premiere", so Dietmar Blume. "Aufgeben wollten wir das Projekt aber nicht", sagt Blume. "Denn das Stück ist gerade jetzt sehr aktuell, beschäftigt es sich doch damit, dass wir unser Tun und Handeln überdenken, mit dem Leben im Allgemeinen." Schließlich begannen die Darsteller mit den Proben. Das ging aber immer nur zu zweit in der Theaterscheune. "Da haben wir einen komplizierten Probenplan aufgestellt", erzählt Dietmar Blume. Der Theaterprofi und Betreiber der Theaterscheune übernimmt die Regie, sagt wer, wann, was zu sagen hat oder wo jeder stehen muss. Jetzt muss er auch noch für die Hauptrolle einspringen - der dafür engagierte Schauspieler hat wegen Corona kurzfristig abgesagt. 

Und auch das ganze Theaterstück kann nicht so ablaufen, wie geplant. "Wir wollten eigentlich das Haus einbeziehen und auch drinnen spielen. Das dürfen wir nun aber nicht wegen Corona", so Dietmar Blume. Es wäre zu eng, die vorgeschriebenen Abstände unter den Besuchern ließen sich nicht einhalten. Also finden die Vorstellungen nun unter freiem Himmel im Garten der Villa statt, das Haus bietet den Hintergrund. In stundenlanger Arbeit hat Hausherr Michael Haase in seinem Garten Holzstege gebaut als Untergrund für die Besucherstühle. Sie geben gleichzeitig den Mindestabstand vor: 50 Leute, mehr dürfen nicht rein. Die Premiere am Freitag ist ausverkauft. Auch eine Abendkasse gibt es nicht. "Wir können niemanden mehr reinlassen, wegen der Hygiene- und Abstandsbestimmungen - auch nicht, wenn abends spontan noch Leute kommen", sagt Blume.

Sponsoren halfen Technik zu beschaffen

Und auch teurer wurde die Inszenierung, weil nun nur draußen gespielt werden kann. Die Akustik, erklärt Blume, sei eine ganz andere, als in einem geschlossenen Raum. Für die Laien sei es schwer, so laut zu sprechen, dass sie auch in der letzten Reihe gut verstanden werden. Also musste Technik aufgerüstet und Mikrofone angeschafft werden. Dafür fanden sich Sponsoren, etliche einheimische Unternehmen gaben Geld dazu, damit das Kulturspektakel auch unter Corona-Bedingungen stattfinden kann. Drinnen, in der beeindruckenden Villa können sich die Theaterbesucher trotzdem umsehen. Nach der Vorstellung wird es Führungen in kleinen Gruppen geben, Hausherr Michael Haase zeigt sein außergewöhnliches Zuhause und eine kleine Ausstellung zur Geschichte von Villa und Fabrik. Auch einen 230 Jahre alten Webstuhl gibt es in der Villa zu sehen. 

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Weitere Aufführungen sind: am 22. August (ausverkauft), am 11./12. und 25./26. September jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es in Martl’s Boutique an der Hauptstraße 57 in Neugersdorf. 

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