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Jedes Jahr Quarantäne für alle

Negativer Corona-Test oder Gasmasken gegen die Atombombe: Teil 12 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Daniel Bockwoldt/dpa/SZ

Ich erfreue mich jeden Morgen an Blumen. Beim gestrigen Spaziergang habe ich Zweige von einem Kirschbaum abgebrochen und mit nach Hause genommen. Die stehen jetzt in einer großen Vase, die Blüten werden am Wochenende aufgehen. Im Supermarkt gab es Tulpen, ein Strauß für zwei Euro. Einerseits freue ich mich über den Anblick, andererseits bekomme ich ein schlechtes Gewissen, denn die Blumenhändlerin ganz in der Nähe, wo ich sonst die Blumen kaufe, darf nicht mehr öffnen und muss nun sehen, wie sie die Wochen übersteht.

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Mein Nachbar ruft mich an und erzählt, dass seine im Senegal auf einen Rückflug wartende Tochter endlich von der Botschaft Bescheid bekam. Am Freitag fliege ein Flugzeug der Bundesregierung von Dakar-Blaise nach Köln-Bonn. Sie würde noch über die genaue Flugzeit informiert, aber die Chancen stünden gut, dass sie bald wieder zu Hause sei. Ich drücke fest die Daumen, denn ich kann gut nachvollziehen, was die Eltern bewegt.

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Meine 19-jährige Tochter kam vor einer Woche aus Argentinien zurück. Sie verbrachte dort ihre Semesterferien. Bisher habe ich nichts darüber geschrieben, denn sie befand sich in freiwilliger Quarantäne. Ich bin mir bewusst, dass ich hier sehr Persönliches schreibe und nun ein Tabu breche. Denn zwar begebe ich mich in die Öffentlichkeit, aber nicht meine Familie. Diese besondere Situation verändert jedoch so viel, und es wäre kein Tagebuch, wenn ich nicht von dem schreiben würde, was mir in diesen Tagen so nahe geht.

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Am Dienstag erhielt meine Tochter die Nachricht, dass in dem Flugzeug, mit dem sie zurückkam, neben ihr eine Passagierin saß, die mit Corona infiziert sei. Also fuhr sie zu einem Testzentrum. Das Gesundheitsamt teilte ihr vorher mit, wo und zu welcher Zeit sie sich einfinden soll. Der Test funktionierte wie ein Drive-In bei einem Schnellrestaurant. Sie blieb im Auto sitzen, bekam allerdings keine Bestellung überreicht, sondern mit einem Stäbchen wurde ihr aus dem Rachen eine Probe entnommen. 24 Stunden später kam das Ergebnis: Negativ.

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Als ich lese, dass in Jena alle Bürger ab sofort einen Mundschutz tragen müssen, erinnere ich mich daran, wie wir als Studenten Ende der 1980er-Jahre ins ZV-Lager fahren mussten. Noch auf der Zugfahrt von der Universität in Leipzig nach Göhren in das Lager für Zivilverteidigung überlegten wir uns Strategien, wie wir eine Krankheit vortäuschen könnten, um dem Blödsinn zu entgehen. Was sollte es bringen, dass wir übten, uns in einem Gummianzug mit Gasmaske gegen einen Atombombenangriff zu schützen?

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Nach dem Mittag telefoniere ich mit der Sängerin und Kabarettistin Katrin Weber und frage, ob sie in der Reihe „Von Daheeme – das sächsische Antivirenprogramm“ auf MDR-Sachsen mit dabei sein wolle. Sie sagt zu, lacht so herzlich, dass es mich ansteckt. Dabei steht das Wort „anstecken“ zurzeit auf der Liste des Unsagbaren. Ihr gehe es gut, sie befinde sich zwangsweise in einer Auszeit, die sie sich eigentlich schon immer gewünscht habe. Aber als selbstständige Künstlerin stehe sie immer unter dem Druck, selbst und ständig präsent zu sein. Sie hoffe, wie wohl alle, dass die kulturelle Prohibition nach Ostern ein Ende habe.

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Am Nachmittag sehe ich meine Nachbarin beim täglichen Spaziergang. Sie meint, dass es durchaus erkenntnisreich sei, wenn die Familie sich zwangsweise mit sich selbst beschäftigen müsse. So lerne sie noch mehr die ruhige Art ihres Mannes schätzen, verstehe, was ihren Sohn in der ersten Klasse beim Schulstoff bewege. Er würde zudem jeden Tag mit den Großeltern telefonieren und übers Telefon mit ihnen „Mensch ärgere dich nicht“ spielen. Sie sagte: „Ich bin dafür, dass künftig alle einmal im Jahr einen Montag lang in Quarantäne geschickt werden. So eine Verlangsamung des rasenden Alltags kann der Gesellschaft nur guttun.“

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Pfarrerin Maria Heinke-Probst aus Dresden-Hosterwitz schreibt, dass sie das gesamte Gemeindeleben umgestellt habe. Sie organisiere gerade Telefonpatenschaften für ältere und bedürftige Menschen. Am Sonntag werde ein Livestream-Gottesdienst aus der Dresdner Dreikönigskirche ausgestrahlt. Sie schreibt: „Mir gibt mein Glaube Kraft gegen die Angst, inspiriert mich zur Besinnung, was das alte Wort „Buße“ meint, und auch zu einer gewissen Demut, nicht selbst Gott zu sein – obwohl das manche Mächtigen wohl gern wären.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

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