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Jenseits der Stille

Der fünfjährige Nikita und der 22-jährige Konstantin könnten nichts hören – gäbe es kein kleines Wunder der Technik.

Von Nadja Laske

Nikita wippt in den Knien und schwenkt seinen Jeanshosen-Po. Dann dreht sich der Fünfjährige im Takt der Klaviermusik so wild im Kreis, dass das kleine Gerät am Kopf über seinem Ohr verrutscht. Ganz selbstvergessen greift der Knirps danach und rückt es wieder an seinen Platz. Dass er die Töne wahrnehmen kann, verdankt er einer Erfindung, die vor 20 Jahren zum ersten Mal einem Dresdner Kind zugutekam.

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Nikita trägt ein sogenanntes Cochlea-Implantat. Als er drei Jahre alt war, erkannten Ärzte, dass der Junge nichts hört. „Weil er nicht zu sprechen begann, wurde ich skeptisch“, erinnert sich seine Mutter, die sich zunächst keine all zu großen Sorgen machte. Sicher sei er ein Spätentwickler, das vermutete anfangs nicht nur sie. Doch ein gezielter Test brachte die Diagnose. Nun besucht sie mit ihrem Sohn regelmäßig das Sächsische Cochlea Implantat Zentrum am Uniklinikum. Dort steht seit gestern der Flügel, nach dessen Klängen Nikita nun tanzt.

Das Instrument ist ein Geschenk. Karin und Heribert Heckschen haben es dem Zentrum gespendet – aus Dankbarkeit. Denn ihr Sohn war vor 20 Jahren dieses erste Kind, dass in Sachen mit einem Implantat versorgt wurde. Auch seine Eltern hatten sich gewundert, als es mit dem Sprechenlernen einfach nicht vorwärtsgehen wollte. Die heute üblichen Neugeborenen-Screenings, mit denen Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit schon in den ersten Lebenstagen festgestellt werden kann, gab es damals noch nicht. „Als wir dann wussten, dass unser Sohn nahezu nichts hört, habe ich mich gefragt, wie er denn seine ersten beiden Lebensjahre erlebt hat“, sagt Karin Heckschen.

Störgeräusche in Bad und Bar

Konstantin selbst hat daran keine Erinnerung mehr. Für den 22-Jährigen zählt die Zeit nach der Operation. Dass die so schnell möglich wurde, verdankte er dem Umstand, dass zu jener Zeit ein Spezialist ans Uniklinikum berufen wurde: der Mittelohrchirurg Karl-Bernd Hüttenbrink. Er hatte in Münster bereits ersten Patienten die Hörprothese eingesetzt. So dauerte es nur zwei Wochen ab Diagnose, bis Konstantin operiert wurde. Später besuchte er den Kindergarten und eine ganz normale Grundschule. Sein Abitur absolvierte er am St. Benno-Gymnasium – gut aber nicht problemlos. „In den unteren Klassen bin ich besser zurecht gekommen, da haben die Mitschüler besonders viel Rücksicht genommen“, erinnert er sich. In einer der ersten Bänke habe er immer gesessen, später saß die Klasse in U-Form, so konnte Konstantin leichter verstehen, was Lehrer und auch Mitschüler sagten. Mit mehr als
30 Schülern in einer Klasse zu lernen, findet er aus heutiger Sicht schwierig. Entstehen in einer so großen Gruppe doch viel mehr störende Nebengeräusche. Umso mehr weiß er die kleinen Seminargruppen seines heutigen Studiums zu schätzen. In Budapest studiert Konstantin Heckschen Medizin. Zur kleinen Feierstunde anlässlich der Übergabe des Flügels für die Musik-Therapie am Cochlea-Implantat-Zentrum konnte er nicht kommen. Ein Grund, zumindest mit ihm zu telefonieren. Für gesunde Menschen sind Telefonate eine Selbstverständlichkeit, für einen extrem Hörgeschädigten ein Wunder der Technik.

Gern wäre er in Deutschland geblieben, sagt Konstantin. „Doch mein Notenschnitt war nicht gut genug.“ In dem Zusammenhang macht er sich Gedanken über das große Thema Integration und Inklusion in Deutschland. „Sicher hätte ich ohne meine Beeinträchtigung besser abgeschnitten, doch das kann ich nicht beweisen.“ Ungerecht findet er, dass bei der Studienwahl keine Rücksicht auf solche besonderen Umstände genommen werde. Zwischen extremen Härtefällen, für die es nachsichtige Regelungen wohl gibt, und normalen Bedingungen liegen etliche Nuancen mehr.

„Ansonsten fühle ich mich ins soziale und gesellschaftliche Leben gut integriert“, sagt Konstantin. Nur beim Baden und Schwimmen und wenn er mit Freunden eine Bar besucht, fühle er sich gehandicapt. Im Wasser muss er die Hörhilfen ablegen und in Lokalen hindert ihn oft laute Musik und Gläsergeklapper mehr an der Kommunikation, als andere.

Ganz besonders wichtig für eine gute Integration und Entwicklung behinderter Kinder findet Konstantin Heckschen das Engagement der Eltern. Neben allen Mühen um die medizinischen und therapeutische Versorgung ihres Sohnes ließen sie ihn auch vier Jahre lang Klavierunterricht nehmen. „Ich bin kein Pianist geworden, aber die Musik hat mir unter anderem dabei geholfen, meine eigene Satzmelodie auszubilden. Diese Möglichkeit haben nun auch Nikita und die anderen Patienten, die zur Therapie kommen. Rhythmen, Tonleitern, an- und abschwellende Töne werden sie künftig auch am Flügel wahrnehmen und nachempfinden können.