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Jetzt blitzt’s erst ab 50

Auf der Waldschlößchenbrücke fällt die Tempo-30-Zone weg, vorerst. Die Blitzer haben sich ordentlich gerechnet.

© Marco Klinger

Von Sandro Rahrisch und Peter Hilbert

Die Kleine Hufeisennase geht schlafen. Weil sich die Fledermaus jetzt zur Winterruhe zurückzieht, müssen Autofahrer nachts nicht mehr über die Waldschlößchenbrücke schleichen. Die beiden Blitzer vorm Neustädter Tunnel lösen ab Freitag erst ab 50 km/h aus. Dabei hatte sich die gerichtlich verordnete Tempo-30-Zone gerade gelohnt. Seit der Eröffnung der Waldschlößchenbrücke blitzten die Geräte 4 966-mal. Legt man das niedrigste Bußgeld zugrunde, hat die Stadt seit Ende August mindestens 75 000 Euro eingenommen. Die Blitzer wären somit zur Hälfte bezahlt. So viel Geld werfen andere innerstädtische Blitzer das ganze Jahr nicht ab. Straßenbauamtschef Reinhard Koettnitz könnte sich vorstellen, dass mit dem Wegfall der Langsamfahrzone bis April auch die Bußgeldeinnahmen wieder sinken. Einige Dresdner haben mit Absicht aufs Gaspedal getreten, sie wollen das Blitzerfoto als Souvenir haben. Zu denen gehört der 71-jährige Werner Mankel. Der frühere Geschäftsführer für Bildung bei der Industrie- und Handelskammer Dresden musste kurz nach der Brückeneröffnung allerdings dafür mehrere Anläufe unternehmen, da zu viele Autos unterwegs waren. Erst beim dritten Mal gelang es ihm, als er mit etwa 60 Stundenkilometern am Blitzer vorbeibrauste. Viele Bekannte hätten ihm danach zu der Idee gratuliert. Andere Fahrer übersehen offenbar die leuchtenden Tempo-30-Tafeln über der Straße oder sie fahren bewusst zu schnell. „Manche Autofahrer sind in den letzten Wochen recht zügig unterwegs gewesen“, sagt Koettnitz. Ein Wagen raste nachmittags mit 103 km/h am Blitzer vorbei – das macht ein Bußgeld von 280 Euro, vier Punkte in Flensburg und zwei Monate Fahrverbot. Ein Motorrad schaffte es auf 140 Stundenkilometer. Wer diesen Rekord aufstellte, ist allerdings unklar. Denn Motorräder werden genauso wie Autos von vorn geblitzt, tragen dort jedoch kein Kennzeichen. Mehr als drei Viertel der Geblitzten tappen in Richtung Johannstadt und in der Tempo-30-Zone in die Falle – so wie die Fahrerin, die uns ihr Foto geschickt hat. Sie war spätabends mit knapp 50 km/h unterwegs und soll nun 15 Euro bezahlen. „Der Weg zwischen der Tunnelausfahrt und dem Blitzer ist hier ziemlich kurz“, sagt Koettnitz. In die Gegenrichtung sehen Fahrer die dunkle Stele dagegen von Weitem. Die Tempo-30-Zone ist nicht nur deshalb so außergewöhnlich, weil sie ausschließlich nachts und gerade einmal sieben Monate im Jahr existiert. Warum sie eingerichtet wurde, ist inzwischen weit über Sachsens Grenzen bekannt: Biologen wissen, dass die Kleine Hufeisennase das Dresdner Elbtal als Transferroute zwischen den Kolonien in Pillnitz und Meißen nutzt. Bis zu 1 000 von ihnen leben Experten zufolge vor den Toren Dresdens. Weil sich die Tiere in den Nächten zwischen April und Oktober auf die Jagd begeben und somit gegen Autos fliegen könnten, ordnete das Oberverwaltungsgericht ein Tempolimit auf der Waldschlößchenbrücke an. Fahren die Autos mit 30 km/h, so haben die Fledermäuse noch die Chance auszuweichen, sagen die Fachleute. Gesehen worden ist hier bisher aber kein Exemplar dieser sehr seltenen Art. Werner Mankel hat seinen Fototermin auf den Tag gelegt, um die Fledermäuse nicht zu gefährden. Trotzdem wird ihm ein Bußgeldbescheid ins Haus flattern – auf den er noch wartet. Das Geld gebe er gern aus, um dieses Andenken an die Waldschlößchenbrücke zu bekommen, sagt er.

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Für die Stadt sind die beiden Blitzer auf der Waldschlößchenbrücke eine Goldgrube, fast 5000-mal hat es hier in den vergangenen zwei Monaten geblitzt. Diese Geldquelle könnte jetzt versiegen. Fotos: Marco Klinger (2)
Für die Stadt sind die beiden Blitzer auf der Waldschlößchenbrücke eine Goldgrube, fast 5000-mal hat es hier in den vergangenen zwei Monaten geblitzt. Diese Geldquelle könnte jetzt versiegen. Fotos: Marco Klinger (2)

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