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Der große Mangel an Kandidaten

Die Landratswahl in Meißen wird spannend, doch die Parteien haben Mühe bei der Aufstellung ihrer Kandidaten. Ein Politik-Professor schlägt einen Ausweg vor.

Dieses Foto entstand vor knapp zwei Jahren zum 50. Geburtstag von Landrat Arndt Steinbach (m.) Er feierte mit seinen beiden Vorgänger-Landräten Renate Koch (Meißen) und Rainer Kutschke (Riesa). Wer aber wird jetzt sein eigener Nachfolger?
Dieses Foto entstand vor knapp zwei Jahren zum 50. Geburtstag von Landrat Arndt Steinbach (m.) Er feierte mit seinen beiden Vorgänger-Landräten Renate Koch (Meißen) und Rainer Kutschke (Riesa). Wer aber wird jetzt sein eigener Nachfolger? ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Jetzt sind es bereits zwei - und die dritte Partei wird bald auch noch zu ihr stehen. Die 48-jährige Radebeulerin Elke Siebert ist nach der Entscheidung des SPD-Kreisvorstandes Meißen vom Mittwochabend schon mal gemeinsame Kandidatin  für die Landratswahl von Bündnisgrünen und Sozialdemokraten.

Die Linken haben zwar noch ihre junge Landtagsabgeordnete Anna Gorskih im Rennen, aber vermutlich nicht mehr lange. Intern ist zu hören, dass die 27-Jährige für Elke Siebert verzichten wird. Somit können die drei linken Parteien im Landkreis Meißen, wie gewünscht, vereint antreten und erhöhen damit ihre Chancen.

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SPD-Kreisvorsitzende Susann Rüthrich kommentierte die Entscheidung so: „Wir haben Frau Siebert als eine ausgesprochen kompetente, verwaltungserfahrene und sympathische Persönlichkeit kennengelernt. Wir freuen uns auf einen spannenden und inhaltsreichen gemeinsamen Wahlkampf.“ Sehr wahrscheinlich fiel die Entscheidung der SPD-Genossen nicht ganz freiwillig. Sie wurde ein Stück weit  erzwungen durch einen großen Mangel an geeigneten Kandidaten für den Job eines Landrates. Der parteilose Meißner Frank Richter, der für die SPD im Landtag sitzt und dem man das Amt zutraut, hat schon frühzeitig abgesagt. Andere Namen sind gar nicht erst gefallen. Kreisvorsitzende Rüthrich: "Vielleicht hängt das auch mit der geringen Vorbereitungszeit zusammen und mit dem Respekt vor dem Amt."

Der Verwaltungsexperte: Ralf Hänsel (49) aufgewachsen in Dresden. Abitur, Wehrdienst, 5 Jahre Medizinstudium. Dann Abschluss als Diplomverwaltungswirt an der FHSV Meißen, Projektmanager, Controller bei einem Softwareunternehmen. Sachbearbeiter Untere Immissionsschutzbehörde, Sachgebietsleiter, Leiter des Jugend- und Sozialamtes, Leiter Kreisentwicklungsamt. Seit 2012 Bürgermeister von Zeithain. Kreisrat für CDU seit 2014.
Der Verwaltungsexperte: Ralf Hänsel (49) aufgewachsen in Dresden. Abitur, Wehrdienst, 5 Jahre Medizinstudium. Dann Abschluss als Diplomverwaltungswirt an der FHSV Meißen, Projektmanager, Controller bei einem Softwareunternehmen. Sachbearbeiter Untere Immissionsschutzbehörde, Sachgebietsleiter, Leiter des Jugend- und Sozialamtes, Leiter Kreisentwicklungsamt. Seit 2012 Bürgermeister von Zeithain. Kreisrat für CDU seit 2014. © Claudia Hübschmann
Studierte Pädagogin: Elke Siebert am 20.05.2020 am Elke Siebert (48) . Aufgewachsen in Leipzig. Abitur, Sprachen studiert, mit der Qualifikation zur Erwachsenenpädagogik. Nach Radebeul ist sie gekommen, weil sie mit ihrem Mann, diesen Ort als gute Alternative gefunden hat. Ihr zwölfjähriger Sohn geht hier zur Schule. Aktuell leitet sie in der Arbeitsagentur Dresden eine Abteilung, die sich ums Kurzarbeitergeld kümmert. Mitglied des Kreisvorstandes der Grünen
Studierte Pädagogin: Elke Siebert am 20.05.2020 am Elke Siebert (48) . Aufgewachsen in Leipzig. Abitur, Sprachen studiert, mit der Qualifikation zur Erwachsenenpädagogik. Nach Radebeul ist sie gekommen, weil sie mit ihrem Mann, diesen Ort als gute Alternative gefunden hat. Ihr zwölfjähriger Sohn geht hier zur Schule. Aktuell leitet sie in der Arbeitsagentur Dresden eine Abteilung, die sich ums Kurzarbeitergeld kümmert. Mitglied des Kreisvorstandes der Grünen © Arvid Müller
Betriebswirtschaftler: Thomas Kirste (43) von 1994 -1998 Ausbildung Elektroniker, technischer Leiter eines Meißner Handwerksbetriebes. 2003- 2008 Studium der Betriebswirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden und in Finnland. Von 2009 bis 2011 bei der Sächsischen Aufbaubank, dann Regionalmanager. Zuletzt an Hochschule Mittweida, Technologietransfer. AfD-Landtagsabgeordneter, Kreisrat, Stadtrat.
Betriebswirtschaftler: Thomas Kirste (43) von 1994 -1998 Ausbildung Elektroniker, technischer Leiter eines Meißner Handwerksbetriebes. 2003- 2008 Studium der Betriebswirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden und in Finnland. Von 2009 bis 2011 bei der Sächsischen Aufbaubank, dann Regionalmanager. Zuletzt an Hochschule Mittweida, Technologietransfer. AfD-Landtagsabgeordneter, Kreisrat, Stadtrat. © privat

FDP ohne Ambitionen

Das scheint tatsächlich sehr groß zu sein. Bei der FDP laufe die Diskussion zwar noch, sagt deren Kreisvorstandsvorsitzender Maximilian Schikore-Pätz. Aber bis jetzt ohne Ergebnis. Man habe sehr genau den Nominierungsprozess bei der CDU beobachtet. Der parteilose Bürgermeister Ralf Hänsel sei durchaus ein Kandidat, der auch auf Sympathien aus dem liberalen Lager hoffen könne. Das gelte jedoch auch für die bündnisgrüne Kandidatin Elke Siebert aus Radebeul. Um einen eigenen Kandidaten aufzustellen, sei die Personaldecke der Kreis-FDP wahrscheinlich zu dünn, so Schikore-Pätz. Zumal kein gestandener FDP-Politiker aus der Kommunalpolitik bislang entsprechende Ambitionen gezeigt habe.

Die AfD schrammte nur knapp an einer Blamage vorbei. Offensichtlich wollte sie mangels geeignetem Kandidaten erst gar nicht antreten. Dann aber meldeten sich zwei Frauen, eine Musikerin aus Leipzig und eine Meißnerin, deren beider Qualifikation wohl nicht genügte zum Führen einer Behörde mit 1.500 Mitarbeitern. In letzter Minute kandidierte der Landtagsabgeordnete Thomas Kirste, der zumindest etwas Verwaltungserfahrung vorzeigen kann.

Die CDU nominierte mit Ralf Hänsel, dem parteilosen Zeithainer Bürgermeister, den Kandidaten mit den größte Fähigkeiten für den Landrats-Posten. Er ist ein studierter Verwaltungsfachmann, war sogar schon mal Amtsleiter im Landratsamt. Elke Siebert hat Führungserfahrung, leitet auch eine Abteilung in der Dresdner Arbeitsagentur, studierte aber angewandte Erwachsenen-Pädagogik und beschäftigte sich viele Jahre mit dem Thema Deutsch als Fremdsprache. Später wechselte sie in den Bereich Personalentwicklung. Thomas Kirste ist gelernter Elektroniker, studierte später Betriebswirtschaft und hat vor allem im Bereich der Technologieförderung gearbeitet. Zuletzt war er an der Hochschule Mittweida beschäftigt.

Oft nur starke Worte, aber keine Taten

Der Mangel an geeigneten Kandidaten, so der Dresdner Politik-Professor Werner J. Patzelt zu sächsische.de, ist Ausdruck von tiefgreifenden Problemen unseres demokratischen Systems. "In der Vergangenheit ist es üblich gewesen, dass sich Nachwuchspolitiker im Gemeinde-, Stadtrat oder Kreistag bewährten und sich beim Bewältigen der Alltagsprobleme ihre Sporen verdienten. Landtagsabgeordnete sind auf den Landratsposten gewechselt und haben sich mit den Erfahrungen der Legislative in der Exekutive bewährt." Die dünne Personaldecke in allen Parteien führe jetzt dazu, dass junge Leute teilweise sehr schnell aufsteigen, ohne die nötige Praxis und das Verständnis für die Abläufe in den Behörden mitzubringen. Patzelt: "Oft reichte es, mit starken Worten Haltung zu zeigen. Die Knochenarbeit, etwa als Landrat oder Bürgermeister, wird dagegen gescheut."

Wenn (parteilose) Bürgermeister und Oberbürgermeister von Kommunen heute gern über das CDU-Ticket in Kreistage oder Rathäuser einziehen, steht dahinter eine ganz einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. Auf der einen Seite nimmt man gern den Rückhalt und die Unterstützung aus der Partei mit. Auf der anderen Seite kann man sich gegenüber den Wählern immer noch von der CDU distanzieren.

"Kurzfristig sehe ich für diesen Schlamassel keine Lösung", so Patzelt. Strukturell plädiert er für Vorwahlen bei den Parlamentsmandaten. Wer immer sich als Direkt- oder Listenkandidat einer Partei um einen Parlamentssitz bewirbt, muss die entsprechende Kandidatur bei einer solchen Vorwahl seiner Partei errungen haben, an der sich die ganze Wählerschaft seines Wahlkreises beteiligen kann. Die Kandidatenselektion würde also von den Parteien wegverlagert und zu einer Angelegenheit aller Wahlbürger gemacht.

Inzwischen haben die drei Landrats-Kandidaten ihren Wahlkampf gestartet. Mit einer Facebook-Aktion wie Ralf Hänsel, einem bereits mit ihrer Grünen Partei abgestimmten Wahlkonzept wie Elke Siebert oder mit dem Vorbereiten der ersten Wahlanzeigen wie Thomas Kirste.

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