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Jetzt empfängt Vitzli-Putzli die Gäste

Leutersdorf. Einst war der Oberkretscham Sitzdes Richters, späterFerienheim der Glaswerke Weißwasser und nun ist erein beliebtes Gasthaus.

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Von Angelika Dornich

Erst in der vergangenen Woche holte die Geschichte den Oberkretscham ein. „Da war ein Ehepaar aus Weißwasser vier Tage bei uns zu Gast, das sich hier genau vor 30 Jahren kennen lernte“, erzählt Junior-Wirtin Jana Berndt. Sie hatten in dem damaligen Ferien- und Schulungsheim der Glaswerke Weißwasser gemeinsam mit ihren Eltern Urlaub gemacht. „Auf einem der alten Fotos entdeckte die Frau sogar eine Tante, die mal in der Ferienlager-Küche gearbeitet hat“, sagt Jana Berndt in einer „Lagerchronik“ blätternd.

1959 kauften zwei Glasbetriebe aus Weißwasser den Gasthof von den Erben des zuletzt wirkenden Wirtes Louis Ermlich ab. Im Juli sel-ben Jahres wurde hier ein Ferienlager für die Kinder der Betriebsangehörigen mit Gaststätte eröffnet. Die Leitung oblag damals Familie Gröllich, ab 1964 Elli und Siegfried Berndt. Ihr Sohn Gunther Berndt und jetziger Chef erinnert sich: „Der große Saal in der ersten Etage stand voller Doppelstockbetten. Und auf der Wiese gegenüber, wo wir jetzt den Parkplatz haben, war ein großes Zelt aufgebaut und ein Spielplatz angelegt.“ Bis 1967 wurden hier während der Sommerferien jeweils etwa 80 Kinder in zwei Belegungen betreut. 18 Personen, vom Helfer bis zur Küchenkraft, stellten die Glaswerke dafür zur Verfügung.

Dann wurde der Oberkretscham zum „Ferien- und Schulungsheim der Glaswerke Weißwasser“ umfunktioniert. Auch im Dachboden entstanden Zimmer, zudem wurden ein Anbau mit sanitären Anlagen sowie Garagen errichtet. Fortan fanden außerhalb der Urlaubssaison, also von Oktober bis April, Schulungen für Kader der Glasindustrie der ganzen DDR statt. „Immer standen aber die Gaststätte und Kegelbahn auch für die Öffentlichkeit zur Verfügung“, schreibt Ortschronist Werner Griesbach im „Heimatbuch Leutersdorf“, Band 2. „Die Gäste wurden von zwei netten Servierkräften bedient, an die sich die Leutersdorfer heute noch erinnern: An die kräftige blonde Roswitha Vogt von 1964 bis 1976 und an den immer freundlichen Ralf Wagner von 1976 bis 1987.“ Letztgenannter löste dann Elli Berndt ab, die aus Altersgründen aufhörte und deren Mann bereits verstorben war. Im Mai 1990 begann Gunther Berndt als Geschäftsführer. Infolge der Wende konnten die Glaswerke das Ferienheim jedoch nicht mehr weiterführen und letztlich kauften Berndts den Oberkretscham: „In tiefstem DDR-Standard – dunkle Tapeten, Dusche und Toiletten auf den Gängen, aber wenigstens schon fließendes Wasser in den Zimmern“, erzählt der Wirt. So wurde bei laufendem Betrieb alles nacheinander modernisiert. „Und jetzt fangen wir erneut an.“

Seit etwa zwei Jahren steigt die Übernachtungsnachfrage wieder. „Dankenswerterweise haben wir auch ein großes Potenzial an Gaststätten-Stammgästen“, sagt Renate Berndt. „Darunter etliche Vereine. Die Kegelbahn macht viel aus.“ Die längsten treuen Gäste, ein Kegelclub aus Zittau und Umgebung, kommen bereits seit 40 Jahren.

Seit fünf Jahren hat der Oberkretscham auch eine ganz besondere, bei Gästen wie in der Nachbarschaft beliebte Empfangsdame: Katze „Vitzli-Putzli“. „Die ist schon eine Persönlichkeit“, sagt Jana Berndt schmunzelnd.

Eigene Erinnerungen können Sie senden an: SZ Zittau, Neustadt 18, 02763 Zittau; oder E-Mail: [email protected]