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Jetzt geht es ans Eingemachte

Datenschutz und Virus sind keine Freunde. Das Grüne Gewölbe öffnet virtuell. Teil 10 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Silas Stein/dpa/SZ

Am Morgen sehe ich einige Minuten von meinem Schreibtisch aus durch das Fenster. Es schneit. Wie Puderzucker legen sich die Flocken auf die Dächer. Gegenüber befindet sich ein Haus für Betreutes Wohnen mit einer Station des Arbeiter-Samariter-Bundes. Die Mitarbeiterinnen fahren unverdrossen zu den älteren Leuten. Sie seien wesentlich vorsichtiger als sonst, erzählen sie mir, als ich später kurz auf die Straße gehe, um sie zu grüßen. Seit fast vierzehn Tagen kämen keine Besucher mehr zu den Bewohnerinnen und Bewohnern, sagen sie. Da helfe manchmal schon eine Postkarte der Angehörigen, um etwas Freude zu spenden.

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Wieder kommt ein Video bei mir im Handy an. Ich will es schon löschen, aber da lese ich den Absender: Julia. Die Sängerin kenne ich schon lange, sie ist die Tochter von Nachbarn. 2016 trat die 27-Jährige erstmals bei den Dresdner Filmnächten mit Roland Kaiser auf. Nach dem Studium gründete sie mit dem Pianisten Sebastian Henzl die Songmanufaktur „Edda Minor“. Ihr neuer Videosong „Was die Welt zusammenhält“ beschreibt den Tagesablauf einer Krankenschwester: „Die Stationen überfüllt. Und sie rennt, und sie kämpft. Jede Nacht hat sie Angst, dass es einer nicht schafft.“

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Später telefoniere ich mit einem Musiklehrer. Auch er ist zu Hause. Für die Musikschule Klanghaus, dem evangelisch-lutherischen Kirchspiel im Radeberger Land, unterrichtet er nun seine Schülerinnen und Schüler per Videokonferenz über Skype. Nicht alle Musikschulen dürfen das allerdings. In Bautzen, wo er ebenfalls unterrichtet, habe das Landratsamt aus datenschutzrechtlichen Gründen die digitale Lernvariante ihren Lehrerinnen und Lehrern untersagt, erzählt er. Ich frage beim Landratsamt nach, die Pressesprecherin antwortet, das stimme so nicht: „Die Entscheidung für eine digitale Betreuung während der Schließzeit unserer Musikschule erfolgt auf freiwilliger Basis für Lehrkräfte und auch für unsere Musikschüler/innen.“

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Am Mittag mache ich eine Pause vom Schreiben, navigiere mich vom heimischen Sessel aus mit der Maus in der Hand übers Internet durch das Neue Grüne Gewölbe. Ich hole mir die glänzenden Exponate ganz nah ran. So lupenrein habe ich den Kirschkern mit seinen 185 geschnitzten Köpfen noch nie gesehen. Das Museum der Bildenden Künste Leipzig startete nach der Schließung schon am 13. März den ersten Livestream auf seiner Facebook-Seite. Ich sehe mir das Gespräch mit dem Leipziger Maler Norbert Wagenbrett an, dessen Ausstellung ich in dem Museum eigentlich besuchen wollte. Jetzt höre ich, wie er beschreibt, was er malt.

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Bei der Recherche nach Kulturstoff entdecke ich die Steamingplattformen alleskino.de. Die bietet im Abonnement ein Archiv wunderbarer deutscher Filmkunst und alter Defa-Streifen wie „Paul und Paula“, „Sieben Sommersprossen“ oder „Coming out“. Gleichzeitig finde ich es verblüffend, wie schnell das Internet ins Fernsehen gewandert ist. Plötzlich gucken Comedians wie Olaf Schubert aus ihrer privaten Küche und reißen als Heimarbeiter Witze. Jauch, Gottschalk oder Pocher dampfplaudern plötzlich ihre Sorgen aus ihren Arbeits- oder Schlafzimmern aus. Ich blicke in teilweise ziemlich biedere Heime und hoffe, dass es schnell wieder vorbei ist. Denn Schauspielerinnen und Schauspieler unmittelbar auf einer Bühne zu erleben, kann das Mattscheibenprogramm nur kurze Zeit ersetzen.

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Am Mittag koche ich, was überhaupt nicht zu meiner Kernkompetenz gehört. Aber da alle zu Hause sind, ist jeder mal dran. Das einzige, was ich wirklich kochen kann, ist Wasser. Da kommen Spaghetti rein, natürlich die aus Riesa. In den Tiegel auf der anderen Herdplatte lege ich mehrere Knoblauchscheiben, schneide kleine Würfel Wurst dazu, brate alles an, dann gebe ich aus einer Büchse Tomaten dazu, würze mit Paprika. Meine Papa-Peter-Pasta schmeckt, ist aber zu scharf.

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Nach dem Mittag plane ich mit dem MDR-Kollegen Andreas Berger einen neuen Teil der Serie „Von Daheeme, das sächsische Antivirenprogramm“, das seit Montag im Sachsenradio läuft. Gemeinsam mit ihm und Tom Pauls sprechen wir satirisch über das Leben in Zeiten von Corona. Es geht ans „Eingemachte“ meine ich im zweiten Teil, denn es wird wohl demnächst wieder ganz klassisch eingekocht. Vor einem Jahr hatten wir eine Veranstaltung in Torgau, besuchten dort ein denkmalgeschütztes Gebäude, das saniert werden sollte. Im Keller fanden wir in einem Regal Einweckgläser mit Kirschen aus dem Jahr 1972. Und die waren noch essbar.

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Abends singen wir nun schon seit über einer Woche 19 Uhr mit den Nachbarn Lieder wie „Der Mond ist aufgegangen“. Ein kleines Stück von ihm sehen wir am Himmel, dabei ist er rund und schön. „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“

Wenn Sie Ihre Erlebnisse aus Ihren „Tagen mit Corona“ erzählen wollen, dann schreiben Sie an [email protected]

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

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