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Jetzt helfen Roboter Sachsens Handwerkern

Ein ganz neuer Kollege erhält einen Job – der Roboter soll nicht Beschäftigte ersetzen, sondern sie von schwerer und monotoner Arbeit entlasten.

Glasermeister René Herbst hat Hände und Kopf frei – dank dem 19. Mitarbeiter (r.) in den Glaswerkstätten Frank Ahne.
Glasermeister René Herbst hat Hände und Kopf frei – dank dem 19. Mitarbeiter (r.) in den Glaswerkstätten Frank Ahne. © Christian Juppe

Glasermeister René Herbst möchte seinen 19. Mitarbeiter nicht mehr missen. Der Chef der Glaswerkstätten Frank Ahne GmbH in Pirna hatte sich im Sommer vergangenen Jahres einen Roboter zugelegt – als zusätzliche Arbeitskraft an einem Schleifkantenautomaten. Der extrem bewegliche, belastbare und nimmermüde Kollege nimmt die zehn bis 30 Kilo schweren Glasscheiben im Takt von gut einer Minute auf und legt sie auf die Waschmaschine. „Der Beschäftigte aus Fleisch und Blut macht nur noch die Endkontrolle und verpackt“, ist der Geschäftsführer mit seiner Halbmillionen-Investition zufrieden. Zur Amortisation brauche es keine riesigen Serien, „ab 50 Stück rechnet sich der Umstieg auf Robotertechnik“, so der 50-Jährige.

Herbst und sein Handwerksbetrieb, der auch Metall- und Innenausbauer, Sanitärfirmen sowie Hotelausstatter zu seinen Kunden zählt und auch die riesige Haltestellenüberdachung am Dresdner Postplatz gefertigt hat, stehen exemplarisch dafür, was Robotik kann und soll. Spritzroboter lackieren Fenster, Möbel und Treppen. Andere schneiden Metalle oder Stein, schweißen Nähte für Rohre, drucken Modelle in der Zahntechnik, fräsen Schaumstoffsitze fürs Auto, helfen Fleischern beim Kuttern. Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Dresdner Handwerkskammer, zählt am Mittwoch im Kammersitz vor 70 Zuhörern aus ganz Sachsen noch mehr Anwendungsgebiete auf: beim Auftakt zum „Kompetenzzentrum Robotik im Handwerk“.

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„Es ist wichtig, dass sich das Handwerk mit diesem Thema beschäftigt“, sagt der Kammerchef, denn es gehe um „mehr Zeit für das eigentliche Handwerk, mehr Zeit für kreative Tätigkeiten“ – erst recht auch in Zeiten knapper werdender Ressourcen und Arbeitskräfte. Es gehe nicht um Personalabbau, stellt Brzezinski klar, sondern darum, körperlich anstrengende, monotone, ermüdende, staubige, laute und gefährliche Arbeiten abzugeben.

Sachsen ist nicht gerade ein Vorreiter

Das Handwerk, erst recht das in Sachsen, hat sich bislang nicht als Vorreiter bei Digitalisierung und Robotik hervorgetan – auch wegen der im Schnitt geringeren Beschäftigtenzahl der Betriebe und ihrer Verteilung auf die einzelnen Gewerke, wie es vom Zentralverband ZDH auf SZ-Anfrage heißt. Demnach hatten die Betriebe im Freistaat bis zum 1. Quartal 2018 seltener Digitalisierungsmaßnahmen umgesetzt oder geplant als im Bundesdurchschnitt.

Zudem sahen in Sachsen weniger Betriebe Digitalisierung als Chance und häufiger ohne Auswirkungen auf den eigenen Betrieb. Laut den Umfragen von 42 der bundesweit 53 Handwerkskammern hatte jeweils gut jeder vierte Betrieb in Digitalisierung investiert oder dies vor. Nur 17 Prozent der Betriebe attestieren der Digitalisierung eine hohe Bedeutung für das eigene Geschäft, über die Hälfte sieht sie gering oder gar nicht. Als größte Hürden werden fehlende eigene Ressourcen und Kompetenzen, langsames Internet und die Anforderungen an die IT-Sicherheit benannt.

„Das traditionelle Handwerk öffnet sich der digitalen Welt nur langsam“, hieß es vor gut drei Jahren vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Zwar hätten fast alle Betriebe einen Internetanschluss. Digitale Technologien setzen sie jedoch meist nur für E-Mails, Informationsbeschaffung, Onlinebanking und Datenaustausch ein. Es gebe viele Gründe, warum sie die Potenziale der Digitalisierung nicht ausschöpfen: Vielen fehle die Zeit, eine entsprechende Strategie zu entwickeln. Andere klagten über zu langsames Internet und fehlende Breitbandanschlüsse. 

Ein neues Zentrum schafft Abhilfe

Knapp 60 Prozent der Baubetriebe berichteten laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation von Problemen mit den Schnittstellen zwischen Planung, Auslieferung und Fertigung, zum Beispiel aufgrund unterschiedlicher Software oder nicht kompatibler Dateiformate. Vera Demary, beim IW Leiterin des Kompetenzfelds Digitalisierung, Strukturwandel und Wettbewerb geht davon aus, dass die Gründe für den weiterhin eher zurückhaltenden Umgang mit Digitalisierung ähnlich liegen wie 2016.

Die zögerlichen Schritte für den Einsatz digital gesteuerter Helfer werden auch mit unklarem Nutzen begründet. Dem soll nun das im Juni 2019 gegründete Kompetenzzentrum Abhilfe schaffen und technologisches Wissen in die Betriebe bringen. Mit der Integration von Robotik erhält das Handwerk praktisch eine dritte Hand – und neue Chancen. Das Zentrum werde bis 2022 als Ansprechpartner für handwerksgerechte Roboterlösungen etabliert, heißt es von der Kammer. Sachsens Wirtschaftsministerium trägt etwa 90 Prozent der Kosten von knapp 1,1 Millionen Euro, sein bislang größtes Förderprojekt im Handwerk. Sachsens Wirtschaftsstaatssekretär Hartmut Mangold (SPD) kennt gute Gründe, auch den, „die Wettbewerbsfähigkeit des Zweigs gegenüber der Industrie, wo Roboter schon allgegenwärtig sind, zu stärken“.

Und Glasermeister René Herbst kennt den Bedarf. Im Betrieb hätten nicht alle über den neuen Kollegen gejubelt, sagt er. „Es gab auch Angst – nicht um den eigenen Job, sondern vor der Programmierung des Roboters“. Die angeblich einfache Bedienung via App sei noch Illusion. Daher brauche es Schulungsangebote der Kammer.

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